NACHRICHTEN
BEWERTUNG: Briefs, Das Spiegeltent, London Wonderground ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
Richard Earl
Teilen
Briefs
The Spiegeltent, London Wonderground
13. September 2016
5 glorreiche, glitzernde Sterne
Besuchen Sie diese Show unter keinen Umständen, wenn Sie nicht darauf vorbereitet sind, dass Ihnen die Seiten wehtun und Ihr Gesicht vom vielen Lachen schmerzt! Wenn Sie abends mal etwas anderes erleben möchten, würde ich Ihnen (solange die Show läuft) immer raten, runter an die Southbank zu gehen und zu schauen, was im The London Wonderground im Spiegeltent geboten wird – jetzt erst recht. Es liefert nicht nur den ganzen Sommer über – oder, wie in diesem Fall, jetzt wo der Herbst näher rückt – eine grossartige Kulisse und eine herrlich vibrierende Atmosphäre, sondern ist einfach ein lebendiger, energiegeladener Ort, und die Qualität der Acts ist durchweg stark. Und ich sage es Ihnen gleich: Briefs bildet da keine Ausnahme.
Ich muss etwas gestehen: Das ist nicht das erste Mal, dass ich Briefs gesehen habe. Es ist aber vielleicht das erste Mal, dass ich es komplett nüchtern angeschaut habe…! Das hat mich ein wenig nervös gemacht. Wie würde ich mich in einem lauten, vollen Zirkuszelt fühlen – ohne Drink – bei einer Show, in der das Konsumieren alkoholischer Erfrischungen nicht nur ausdrücklich gefördert, sondern quasi Pflicht ist? Würde ich es genauso geniessen? Würde ich mich ausgeschlossen fühlen? Würde ich entsetzt feststellen, dass das, woran ich mich als einen grandiosen Abend erinnere, in Wahrheit gar nicht so gut war und ich früher einfach ein paar Sherrys zu viel getrunken hatte? Zum Glück – und sehr schnell – waren diese Sorgen wie weggeblasen, als das Licht gedimmt wurde, die Musik einsetzte und die Federn herauskamen. Es stellt sich heraus: Diese wunderbare Kreation ist genauso fesselnd, unterhaltsam, frech, furchtlos und schillernd, egal ob man einen ordentlichen Schluck intus hat oder nicht – aber wenn man nicht „dienstlich“ dort ist, warum sich dann den Genuss von ein, zwei Drinks verkneifen?
Für Briefs ist es bereits das vierte Jahr in London: ein in Brisbane beheimatetes Kollektiv (The Briefs Factory) von Performer*innen, die zahlreiche Genres körperlicher Performance verbinden. Mit mehreren Auftritten beim Edinburgh Festival Fringe sammeln sie zudem eine beachtliche Fangemeinde. Es gibt stets eine fröhliche Mischung aus „Briefs-Jungfrauen“ und „Wiederholungstäter*innen“, und ihr Talent als Entertainer*innen wird schnell offensichtlich – die Spontaneität ihres Acts wirkt so pointiert und frisch wie eh und je.
Das ist ein Abend voller Kitzel und Können: Drag, Cabaret, Boylesque, Circus, eine Tombola wie keine andere, ein adrenalingetriebener Soundtrack und eine ordentliche Portion Disco genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht – ihr Showtalent schwappt eimerweise in den Zuschauerraum. Die Produktion katapultiert einen mit Tempo, markantem und dynamischem Licht und mehr Abwechslung, als man sprichwörtlich mit dem Stock schütteln kann, von Moment zu Moment. Kaum ist das Licht aus, folgt ein laternenbeleuchtetes Lip-Sync zu War Of The Worlds, das nahtlos in einen synchronen Federfächer-Tanz-mit-Striptease übergeht, bevor wir unserer Gastgeberin und Conférencier, der bärtigen Drag Queen Shivannah (aka Fez Fa’anana), vorgestellt werden. Mit messerscharfem Witz und reichlich Attitüde entsteht blitzschnell ein fröhlich-frech-verschmitztes Einvernehmen mit dem Publikum – eine sehr stabile Basis für alles, was danach kommt. Gleichzeitig werden wir ermutigt, Social Media hinter uns zu lassen und mit den eigenen Augen statt durch iPhones zu schauen! Sobald der Ton gesetzt, das Publikum abgeholt und die Hausregeln klar sind, geht es ohne Zeit zum Luftholen weiter: schnelle Kostümwechsel und skurriles Chaos inklusive. Luftakrobatik taucht in Intervallen über den Abend verteilt auf (Thomas Worrell & Mark „Captain Kidd“ Winmill lassen uns stellenweise schlicht nach Luft ringen), dazu Jonglage, Clownerie, Akrobatik – und Dinge, die man sich nie hätte vorstellen können, dass sie mit einer Banane oder einem Rubik’s Cube passieren könnten. Hut ab vor Louis Biggs – mir fehlen immer noch die Worte.
Das ist pures, unverfälschtes Eskapismus – und niemand macht es besser. Wir alle brauchen ab und zu ein bisschen Eskapismus, und in diesen verrückten – ja, schwierigen – Zeiten sollte er nicht nur empfohlen, sondern zur Pflicht erklärt werden. Was auch immer als Nächstes für diese grossartige Truppe ansteht: Ich jedenfalls kann es kaum erwarten, es zu sehen.
TICKETS FÜR BRIEFS IM LONDON WONDERGROUND BIS 22. SEPTEMBER 2016 BUCHEN
Diesen Artikel teilen:
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie