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REZENSION: The Scottsboro Boys, Old Vic Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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The Scottsboro Boys
Das Young Vic
12. November 2013
4 Sterne
An einer Partitur von John Kander ist etwas geradezu Berauschendes – ganz gleich, um welche es sich handelt. Da gibt es die goldenen Hits (Cabaret, Chicago, Curtains) und die Beinahe-Treffer (Kiss of the Spider Woman, The Act, Woman of the Year, 70 Girls 70, The Act, The Rink, Steel Pier und Flora The Red Menace) sowie die echten Fehlschläge (Zorba) – allesamt geschrieben mit dem inzwischen verstorbenen Fred Ebb. Als Ebb starb, war eines ihrer gemeinsamen, unvollendeten Werke The Scottsboro Boys, das nun im Young Vic in einer Inszenierung von Susan Stroman läuft, die von Anfang an zu den ursprünglichen Mitstreiter*innen des Projekts gehörte.
Die Originalproduktion im Vineyard Theatre off-Broadway zeigte die Kraft und das Potenzial dieses bemerkenswerten Musicalstücks. Aber sie war nicht ohne Schwächen und brauchte Überarbeitungen.
Erstaunlicherweise sind diese Überarbeitungen ausgeblieben – mit dem Ergebnis, dass dies nicht das grösste Werk im Kander-&-Ebb-Kanon sein kann. Und doch ist völlig klar: Es könnte es sein.
Der Stoff ist der ernsteste, verstörendste, erschütterndste, den Kander & Ebb je angefasst haben: Selbst die dunkelsten Momente in Cabaret wirken dagegen beinahe leicht, verglichen mit dieser Geschichte vom weissen amerikanischen Vorurteil gegenüber schwarzen Amerikaner*innen; von einem Justizsystem, das so fehlerhaft ist, dass es für manche, die seinen Schutz suchen, nahezu sinnlos wird; von einer Lebensrealität – unbegreiflicher Voreingenommenheit gegenüber einer bestimmten Minderheit –, die heute im Verhältnis von Weiss und Schwarz so entsetzlich erscheint, aber noch vor gar nicht so langer Zeit nicht zwingend so benannt wurde – und die doch, in anderen Zusammenhängen (das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe, Iran, Afrika, Korea und sogar weiterhin in weiten Teilen Amerikas, Australiens und Europas im Umgang mit Minderheiten) leider eine tiefgreifende Resonanz behält.
Zwei weisse Frauen beschuldigen – um ihre eigenen Verfehlungen zu vertuschen – neun völlig unschuldige und ziemlich naive schwarze Jugendliche der Vergewaltigung. Den weissen Frauen wird geglaubt, die neun Jungen werden inhaftiert und zum Tode verurteilt. Geschworenengerichte verurteilen sie Prozess um Prozess – selbst als eine der Frauen ihre Aussage zurücknimmt –, schlicht weil sie schwarz sind. Es ist eine ebenso entsetzliche Geschichte unverhohlener Voreingenommenheit wie in Parade – und doch wirkt sie hier, aufgrund der Behandlung des Stoffs, nicht so.
Das hat nichts mit dem Ensemble zu tun, das vorbildlich und herausragend ist. Die neun Jungen sind ohne jede Einschränkung grossartig: Die Besetzung hier ist sogar stärker als beim Vineyard. Jeder der neun kann singen, tanzen und spielen. Sie sind schlicht überwältigend – mit besonders bemerkenswerten Leistungen von James T Lane (im Ernst: die Preise kann man eigentlich jetzt schon gravieren lassen), Kyle Scatliffe, Clinton Roane und Carl Spencer. Wenn sie alle zusammen singen, ist das unbestreitbar elektrisierend.
Aber es gibt vier weitere Rollen, und es ist die Konzeption und Umsetzung dieser Rollen, die für die irritierenden Schauer der Verwirrung und den Mangel an Präzision sorgt.
Auch das liegt grösstenteils nicht an den Darsteller*innen selbst. Es ist die Idee. Sie ist simpel und hätte in anderen Geschichten sehr gut funktionieren können. In einer Art Parodie auf die einst so populären „Black Minstrel“-Shows werden die bösen weissen Leute von schwarzen Darsteller*innen gespielt – in überzeichneter, vaudevillianischer Manier. Die ambivalenten, freundlichen und „nachvollziehbaren“ weissen Figuren werden in einer einzigen gebündelt – dem Interlocutor; merkwürdigerweise ein deutlich älterer Mann als alle anderen im Ensemble –, gespielt von Julian Glover, der stimmlich und in seiner Haltung robust wirkt, körperlich jedoch so zerbrechlich, dass man sich stellenweise fragt, ob er den Abend durchsteht. Dann gibt es eine geheimnisvolle Frau, die während des gesamten sich entfaltenden Tragödienverlaufs immer wieder auftaucht, jedoch ohne erkennbaren Zweck – bis zur letzten Szene, in der sie zu Rosa Parks wird und damit zur Verkörperung des trotzigen Geistes der Scottsboro Boys, besonders von Haywood Paterson.
Die beiden vaudevillianischen Figuren – Mr Tambo (Forrest McClendon – exquisit) und Mr Bones (ein herrlich überdrehter Colman Domingo) – machen exakt, was von ihnen verlangt wird: jedes Taumeln, jedes Angeberei-Moment, jeder Tanz und jeder Witz. Aber leider lässt sich der fast sichere Gedanke nicht verdrängen, dass – würden diese Rollen von weissen Darsteller*innen gespielt – der Stachel stärker wäre, das Grauen tiefer, die Ironie schärfer. Nicht, weil weisse Darsteller*innen besser wären; sondern weil ihre Hautfarbe alles verändern und als eigenes, umgekehrtes Minstrel-Konzept funktionieren würde.
Und Hand aufs Herz: Fast alle grossen Nummern, die Kander & Ebb geschrieben haben, waren für Frauen – und das Fehlen einer weiblichen Gesangslinie schmerzt hier. Zumal es Raum gäbe, mindestens eine Frau in verschiedenen Rollen auftreten zu lassen – verschiedene Mütter vielleicht, eine der vermeintlichen Vergewaltigungs„opfer“, vielleicht sogar den Geist der Gerechtigkeit selbst.
Und dann ist da noch der Interlocutor – wenn er weiss ist, warum ist er weiss? Warum ist er nicht schwarz wie alle anderen?
Doch diese Fragen sind konzeptioneller, inszenatorischer Natur; und in Wahrheit stehen sie dem Stück nicht wirklich im Weg, grosse Höhen zu erreichen. Dafür sorgt das Ensemble – trotz gelegentlich zu viel Geschrei (in Wort und Gesang).
Stromans Choreografie ist maskulin, mitreissend, bildstark und effektiv, und weder an Beowulf Boritts Bühnenbild noch an Toni-Leslie James’ Kostümen gibt es etwas auszusetzen; und Robert Scotts musikalische Leitung ist meist inspiriert, auch wenn in den vokalen Darbietungen durchaus mehr Licht und Schatten, mehr Sanftheit und ruhige Klarheit möglich wären.
Das ist grossartiges Theater – und ein weiterer Goldstern für Kander und Ebb. Mit einer etwas visionäreren Regie könnte es jedoch ihr ultimativer Nummer-eins-Hit sein!
The Scottsboro Boys wechselt im Oktober ins Garrick Theatre.
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