NACHRICHTEN
REZENSION: The One Day Of The Year, Finborough Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
22. Mai 2015
Von
stephencollins
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Fiona Press, Mark Little und Paul Haley. Foto: Mark Douet The One Day Of The Year
Finborough Theatre
21. Mai
5 Sterne
Es ist kurz vor Morgengrauen. Der Vater ist gereizt, zieht sich an und befiehlt seiner geduldigen, bodenständigen Frau, seine Medaillen zu holen. Er muss zur Dawn Service. Sie eilt los, um sie zu suchen. Der Vater brüllt seinen schlafenden Sohn an: Aufstehen, wir müssen zum Gottesdienst. Der Sohn, schuldbewusst, aber trotzig, schreit zurück, dass er nicht mitkommt. Der Vater stürmt in sein Zimmer. Der Junge zeigt keine Regung – nur Hemd und Unterwäsche, auf dem Bett stehend, unbeirrbar. Keine Dawn Service für ihn. Der Vater überlegt, begreift, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist, nimmt die Medaillen von seiner Frau, lässt sie ihm beim Ankleiden helfen – und zieht los. Nichts wird ihn daran hindern, seinen Tag zu geniessen.
Der Sohn spürt … etwas. Vielleicht unaussprechlich, aber etwas. Der alte Kriegskamerad des Vaters kommt ins Haus, bereit, mit der Mutter die Dawn Service und den Marsch im gemieteten Fernseher zu verfolgen. Der Sohn schaltet das Radio ein. Zur Dawn Service geht er nicht – aber er wird zuhören. Warum? Aus Gewohnheit? Oder aus einem anderen Grund? Während er sich anzieht, erklingt das „Last Post“. Der alte Mann nimmt stramm Haltung an, erinnert sich; der Sohn hält inne, fragt sich.
Die Gegenüberstellung dieser beiden Männer – getrennt durch Generationen, Bildung und Erfahrung, und doch gefesselt von der Wucht eines Musikstücks und allem, was es heraufbeschwört – setzt sich dauerhaft, unausweichlich in Köpfen und Seelen des Publikums fest. So eindringlich und bewegend, wie Theater nur sein kann.
Gregory Doran hat kürzlich „Death of a Salesman“ zum grössten amerikanischen Stück des 20. Jahrhunderts erklärt. Viele werden ihm da widersprechen – doch in meinem Kopf tauchte immer wieder die Frage auf: Was wäre das grösste australische Stück des 20. Jahrhunderts? Auf Londons Bühnen sind australische Stücke selten zu Gast, auch wenn australische Schauspieler*innen dort längst zum vertrauten Bild gehören – manche als Ex-Pat, manche nicht. Viele Londoner Theatergänger*innen sind tatsächlich überrascht, dass Australier überhaupt Stücke schreiben.
Doch, tun sie. Und oft ziemlich gute.
In jeder vernünftigen Top-Ten-Liste australischer Dramatik müsste Alan Seymours „The One Day Of The Year“ ganz sicher auftauchen.
Als das Stück 1960 in Australien uraufgeführt wurde, sorgte es für einen Skandal: Es wurde verboten und mit giftiger, unverhohlener Verachtung überzogen. Bei Vorstellungen musste die Polizei für Ordnung sorgen. Generationen australischer Schulkinder haben es gelesen; es war mal gefeiert, mal verpönt, erreichte Kultstatus – und geriet fast in Vergessenheit. Umso passender, dass das umtriebige Finborough Theatre es im Jahr des hundertjährigen Gedenkens an die Gallipoli-Kampagne wieder auf den Spielplan setzt; das Finborough hat zu Recht den Ruf, verlorene, übersehene oder vergessene Theaterjuwelen neu zu entdecken – Seymours Stück ist hier also bestens aufgehoben.
Denn machen wir uns nichts vor: Es ist ein Juwel.
So präzise gebaut wie jedes Kitchen-Sink- oder naturalistische Drama jener Zeit, überdauert das Stück, weil es universelle Fragen verhandelt, die jede*n berühren können – ob australisch oder nicht: die Sinnlosigkeit des Krieges; die Fähigkeit, den Standpunkt anderer gelten zu lassen; die Folgen von Bildung – oder deren Fehlen; und die eigentümliche Zerbrechlichkeit und Schwierigkeit der Bindungen zwischen Vater und Sohn, Mutter und Sohn, Mann und Frau.
Trotz Rahmen und Handlung ist dies kein Stück über den Anzac Day, den australischen Feiertag, an dem man derer gedenkt, die für ihr Land in Kriegen kämpften – die getötet oder verstümmelt wurden oder, schlimmer noch, überlebten. Nein. So wie „Death of a Salesman“ im Kern vom American Dream handelt, so geht es in „The One Day Of The Year“ um den Australian Dream – oder genauer: um den Traum davon, was es heisst, ein aufstrebender Australier zu sein.
Es gibt weitere, offensichtliche Parallelen zu Millers Stück: Die Vaterfigur weiss, dass sie gescheitert ist, geht aber auf andere Weise damit um; die Spannung entsteht zwischen Vater und Sohn und kulminiert in einer Konfrontation, in der der Sohn den Vater zwingt, den Tatsachen ins Auge zu sehen; da ist eine abgearbeitete, treue, müde Frau, die versucht, ihre Familie zusammenzuhalten; und ein kluger, nachdenklicher, scharfsichtiger alter Freund des Vaters, der die Lage zu stabilisieren und eine Katastrophe zu verhindern sucht.
Doch dort enden die Ähnlichkeiten (abgesehen von der innewohnenden Grösse). Miller schrieb ein Stück über grosse Themen und den Zustand einer Nation – in der Form eines Familiendramas; Seymour schrieb ein Familiendrama über Klasse, Werte und Kompromisse – in der Form eines epischen Ringens um einen Grundpfeiler australischer Identität.
Regisseur Wayne Harrison, dessen Wiederaufnahme von „The One Day Of The Year“ gestern Abend am Finborough Premiere hatte, versteht das vollständig. Er hat für diese Version eng mit Alan Seymour zusammengearbeitet und das Stück auf subtile, aber wirkungsvolle Weise behutsam aktualisiert. Umso bedauerlicher, dass Seymour im April dieses Jahres starb und die Wiedergeburt seines berühmtesten Stücks nicht mehr erleben konnte.
Denn dies ist eine punktgenaue Wiederaufnahme eines grossen Stücks. Harrison hat das Werk sorgfältig ausgegraben, Wahrheiten, Ankerpunkte und Tiefenschichten freigelegt – und alles zu einem lebendigen, aussergewöhnlichen Theaterabend gemacht. Das ist mit Abstand die witzigste Version dieses Stücks, die ich je gesehen habe – und gerade deshalb zugleich die bewegendste, berührendste und klügste. Und ich habe im Laufe der Jahre Dutzende Inszenierungen davon gesehen.
Harrison nutzt klugerweise die Begrenzungen des Finborough-Raums zu seinem Vorteil. Das schlichte Bühnenbild (Catherine Morgan) etabliert präzise das sparsame, unkomplizierte Leben der Familie Cooke. Da sind die Küche und Hughies Schlafzimmer mit dem herunterklappbaren Einzelbett. Im Haushalt der Cookes gibt es keinen Überfluss. Harrison setzt die karge Einrichtung wirkungsvoll ein – Figuren können für einen Effekt von Bereich zu Bereich wechseln. Wenn Hughie seine Scham über die Familie und ihre Marotten erklärt, kann er in den Raum hineingehen, in dem sie sind, und sie können seine Kränkung unmittelbar vorführen.
Unerwartet clever ist auch der Einsatz von Projektionen als Teil des sprachlichen Gewebes der Inszenierung. So sehr man die Coda loben mag, die Jonathan Munby dem derzeit am Globe gespielten „The Merchant of Venice“ hinzugefügt hat – das neue Ende dieses Stücks ist schlicht brillant und spiegelt klar und bündig die Themen Tradition, Opfer und Verlust, die Seymour durch den Text zieht.
Das ist so schön und durchdacht inszeniertes Sprechtheater, wie man es derzeit auf einer Londoner Bühne finden kann. Es hat nicht die Mittel der RSC-„Death of a Salesman“-Produktion, aber in Sachen dramatisches Gespür und theatrale Kohärenz lässt es diese Inszenierung weit hinter sich.
Die grösstenteils punktgenaue Besetzung unterstützt Harrisons Vision enorm.
Mark Little ist – vermutlich in der Rolle seines Lebens – ein sicherer, vielschichtiger und sehr witziger, sehr menschlicher Alf. Als Veteran des Zweiten Weltkriegs ist Alf ein Traditionalist, unverblümt Arbeiterklasse (er bedient einen Aufzug, um die Rechnungen zu bezahlen), der jedoch gespart und geschuftet hat, damit sein Sohn Hughie eine Ausbildung bekommt und jene Chancen hat, die Alf selbst verwehrt blieben. Laut, sehr trinkfreudig und ein geradezu prototypischer Nörgler (mit Nigel Farage würde er vermutlich ein paar Pints kippen), ist Alf fast eine Karikatur seiner selbst.
Fast. In Wahrheit ist er dieser wunderbare, angeheiterte alte Gauner, der zu betrunken und zu albern wird – und dem am Ende alle verzeihen, weil er letztlich eben nur ein ganz normaler Kerl ist, der sein Bestes gibt. Da ist auch eine unterschwellige Gewaltbereitschaft, die seine schlimmste Seite markiert, die äusserste Grenze seines Exzesses. Das Stück entstand in einer Zeit, in der Männlichkeit anders definiert war. Alf behandelt alle, die er liebt, gleich schlecht – vor allem, weil er so lange seinen Willen bekommen hat. Und doch liebt er sie wirklich, und er zeigt es. Wenn er kann.
Alf ist eine riesige Rolle, und Little widmet jedem Aspekt der Figur die nötige, detaillierte Aufmerksamkeit. Die überschäumende Lebenslust, der plötzliche, unberechenbare Wutausbruch, die müden Pausen, das beharrliche Temperament, der eiserne Wille, die verpeilte Erscheinung, der böse Humor, der alkoholische Dämmerzustand, das Falstaffsche Geschichtenerzählen, die unausgesprochene Hingabe – Little spielt das alles stimmig, sensibel und unglaublich wirkungsvoll. Eine mutige, furchtlose Leistung; Little scheut sich nicht, Alfs hässliche Seite zu zeigen – und das ist genau richtig. Ohne sie funktionieren weder die Rolle noch das Stück.
Little kann sich zudem auf grossartige, makellose Unterstützung verlassen: Fiona Press (als seine langmütige Frau Dot) und Paul Haley (als Wacka, Veteran beider Weltkriege und Kriegskamerad sowohl von Alf als auch von dessen Vater).
Press macht Dot in jeder Hinsicht vollkommen real. Dot ist im Stück die Stimme der Wahrheit – sie beobachtet alles und kommentiert das Geschehen mit einer Treffsicherheit, die nicht verfehlt, einer Weisheit, die ihresgleichen sucht, und einer Aufrichtigkeit, die man spürt. Press vermittelt Dots Qualitäten mühelos; ihre Ruhe ist inspiriert, doch Augen und Mund hören nie auf, Stimmung und Gedanken zu verraten. Als Kraft wahrer, verzeihender Liebe, fähig zu brutaler Ehrlichkeit und trockenem Understatement, ist Press’ Dot in jeder Hinsicht meisterhaft. Eine reine Freude, ihr zuzusehen.
Die Rolle des Wacka ist eine Falle für schlechte Schauspieler: Seymours Text kann als Einladung zu übertriebener Sentimentalität und klebrigem Pathos gelesen werden. Aber nicht hier. Haley ist exquisit als der alte Veteran, der die Cookes liebt, als wären sie seine eigene Familie, und der seine Kriegstaten nicht herausstellen will. Wortkarg und ein echter Gegenpol zu Alfs herrischen Forderungen zeigt Haley einen Wacka von grosser Tiefe, von unnachgiebiger Stoik. Man glaubt ihm sofort, dass er in Gallipoli war, den mörderischen Geschützen ausgesetzt – und danach ein Leben lang die Erinnerungen beiseitegeschoben hat, still, streng. Wenn Dot ihn schliesslich dazu bringt, über seinen Schmerz zu sprechen, ist Haley fesselnd, erschütternd, aussergewöhnlich. Und er ist auch unbestreitbar komisch. Eine fein austarierte, perfekt kalibrierte Darstellung.
James William Wright spielt Hughie, den einzigen Sohn von Dot und Alf, mit Können und Verve. Gross, schlaksig, attraktiv und verloren ist Wrights fotoverrückter Hughie der perfekte wütende, rebellische Nachwuchs. Er zeigt deutlich Hughies Unterwerfung unter den weiblichen Reiz seiner Vielleicht-Freundin Jan – und die beinahe katastrophalen Folgen für die Familie. Seine Beziehung zu beiden Eltern ist fein austariert: von der sanften Verehrung für die Mutter, die er bitter bereut verletzt zu haben, über die Reue und beschämte Demut wegen seines Umgangs mit dem Ersatzgrossvater Wacka bis hin zur Angst und Abscheu, die er dem Vater entgegenschleudert, den er für einen Moment verachtet – und von dem er doch weiss, dass er sein ganzes Leben für Hughies Aufstieg geschuftet hat. Eine rohe, offene Darstellung, zugleich anziehend und aufreibend.
Zwei Momente markieren besonders die Bandbreite von Wrights Können. Er macht Alfs brutalen Angriff auf ihn vollkommen glaubhaft; beim Zuschauen meint man fast, die blauen Flecken am eigenen Körper entstehen zu spüren, so überzeugend ist Wrights ängstliche, kindliche Reaktion. Später dann, wenn er die Hand seines Vaters ergreift – als offenes, eindeutiges Zeichen väterlicher Liebe –, bricht es einem auf andere Weise das Herz. Auch wenn Wright noch mehr loslassen und seiner Leistung so sehr vertrauen müsste, dass er Pausen und nachdenkliche Momente zulässt, die Spannung tragen, liefert er eine erstklassige Darstellung einer heiklen Rolle.
Keine Frage: Die schwierigste Rolle im Stück ist Jan – das Mädchen aus der Oberschicht, das mit Hughie „auf billig“ macht und ihn für die eigenen Zwecke benutzt, sexuell wie beruflich. In vieler Hinsicht ist es eine undankbare, aber entscheidende Aufgabe. Jan steht für die Aufstiegssehnsucht, für die Alf und Dot geschuftet haben, damit Hughie Zugang dazu bekommt; zugleich verkörpert sie alles, was beide an Privilegierten verachten – deren lässige Geringschätzung des Werts der Arbeiterklasse. Ohne Jan fehlt der Sand im Getriebe, und Hughie kann sich nicht von der Auster zur Perle wandeln. Sie muss attraktiv genug sein, um Hughie zu fesseln, aber kalt und herablassend genug, um den Zorn von Alf und Dot hervorzurufen.
Für eine Schauspielerin ist das nahezu ein unmögliches Unterfangen, aber Adele Querol schlägt sich tapfer. Mit Jans stacheliger, scheusslicher Seite hat sie keinerlei Mühe; Querol trifft das köstlich und mit viel Flair. Doch sie muss jene Seite von Jan stärker ausarbeiten, die Hughie verzaubert. Querol muss die Sex-Karte entschlossener, vibrierender, allumfassender spielen. Jan macht aus dem sonst so eloquenten und artikulierten Hughie ein stammelndes Bündel Testosteron – und das muss sichtbar sein. Dot sieht es – und stellt Jans Wert infrage. Das Publikum, und Hughie, müssen es ebenfalls sehen.
Die Kostüme (Holly Rose Henshaw) fangen das Australien der 60er hervorragend ein, und das Lichtdesign von Marec Joyce ist wirklich wunderschön – es zaubert in einigen Tableaux eine geradezu überwältigende Schönheit. Auch der Ton ist klug eingesetzt: Chris Drohan unterstreicht die Handlung behutsam und punktgenau, unaufdringlich, aber sehr wirkungsvoll.
Harrison ist hier etwas wirklich Bemerkenswertes gelungen: eine Wiederaufnahme, eine Wiedergeburt eines Klassikers ohne Schnickschnack – getragen allein von intelligentem, visionärem Erzählen und erstklassigem Spiel. Mark Littles launenhafter, polternder und letztlich verzweifelter Alf ist eine Darstellung für die Geschichtsbücher, und die Unterstützung durch Press, Haley und Wright ist herausragend.
Hier gibt es keine selbstverliebte Regie-Show, keine Verschwendung von Geld oder Talent, kein sinnloses „Update“, keine idiotische Verlegung, keine „nur weil man’s kann“-Cleverness oder Selbstgefälligkeit. Es gibt schlicht eine schöne Inszenierung eines Stücks von Weltklasse – erhellt durch sensible, hochkompetente Regie und grossartige Leistungen.
Wenn Wayne Harrison doch öfter für Londons Bühnen inszenieren würde.
Das ist derzeit das beste reine Sprechtheater (also kein Musical), das in einem Londoner Theater zu sehen ist.
Tun Sie alles, um es zu sehen.
The One Day Of The Year läuft bis zum 13. Juni 2015 im Finborough Theatre
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