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KRITIK: Der Besuch, Lyceum Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
14. April 2015
Von
stephencollins
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Der Besuch am Broadway. Foto: Joan Marcus Der Besuch
Lyceum Theatre
12. April 2015
5 Sterne
Den Sarg bemerkt man anfangs kaum. Das makellose Gepäck ist hoch darauf gestapelt, sodass es zunächst wie ein sehr teures Stück Truhengepäck wirkt. Doch dann wird Ihre Aufmerksamkeit ganz bewusst woandershin gelenkt: zu dem hochgewachsenen Mann mit Sonnenbrille und den zwei weiteren Männern, deren Gesichter von einem deckenden weissen Kreis übermalt sind; sie tragen gelbe Handschuhe und Schuhe und sind tadellos in traditionellen Morning Suits gekleidet. Und natürlich: die Besucherin. Makellos in Weiss gekleidet, ein langer, pelzgefütterter Mantel mit passender Pelzmütze, die ihre stilvolle Erscheinung unterstreicht. Sie könnten auf dem Weg zu einer Hochzeit sein.
Sie treten hinten rechts auf die Bühne, in einem würdevollen Zug. Die Bühne ist wunderschön ausgestattet. Einst stand hier ein herrschaftliches Haus, doch nun ist es verfallen. Der Wald dringt in die brüchigen Stützen ein; Wurzeln, Blätter und Äste sind überall und betonen den Zerfall sowie die unnachgiebigen Kräfte von Zeit und Natur. Die Einwohner von Brachen, einem Ort irgendwo in Europa, wirken wie ausgeblichen; Farbe und Leben sind aus Wangen, Kleidung und Gesinnung gewichen. Die Besucherin hingegen ist lebendig. Überdeutlich lebendig.
Dann sehen Sie es: ein Sarg. Ganz klar. Ein Sarg.
Und für 90 Minuten ekstatischen Erzähltheaters werden Sie an einen Ort versetzt, an dem Liebe, Tod und Konsequenz miteinander tanzen – und an dem ein Sieg der wahren Liebe vielleicht gar nicht das ist, was man zunächst erwartet.
Das ist John Doyles aussergewöhnliche Inszenierung des letzten Musicals des legendären Teams John Kander und Fred Ebb: The Visit, derzeit in Previews am Lyceum Theatre am Broadway, mit der unermüdlichen und wahrhaft inspirierenden Chita Rivera in der Hauptrolle. Mit einem Buch von Terrence McNally ist dies eines der besten Musicals von Kander & Ebb. Mehr noch: Es ist das beste, wichtigste Musical, das aktuell am Broadway läuft – und das will etwas heissen, angesichts der momentanen Konkurrenz.
Das ist keineswegs ein typisches Musical. Es dehnt die Form und spielt mit ihr auf ungewöhnliche, provokante und erfinderische Weise. Ich kann mich nicht erinnern, wann zuletzt eine „Eleven-o’clock-Number“ in einem Musical damit auskam, dass der Star nicht singt – aber genau das passiert hier: Das Stück erreicht seinen unvergesslichen, herzzerreissenden Höhepunkt, wenn Chita Rivera, die titelgebende Besucherin, mit ihrem jüngeren Ich (der elfenhaften Michelle Veintimilla) tanzt – ein Moment roher, intensiver Selbsterkenntnis. So kraftvoll wie zart. Unaussprechlich schön.
Doyle nutzt die Inszenierung, um Themen zu betonen, die in Musik und Text deutlich angelegt sind. Die Vergangenheit ist eine ständige Figur im Geschehen. Der titelgebende Besuch geschieht wegen der Vergangenheit und bestimmt die Zukunft. Die jüngeren, geisterhaften Abbilder der zentralen Figuren Claire (Rivera) und Anton (Roger Rees und John Riddle als gegenwärtige bzw. frühere Version) sind stets präsent – sie hauchen Erinnerungen Leben ein oder bilden ein permanentes Echo der Vergangenheit und ihrer Folgen.
Ebenso bleiben die Dorfbewohner, wenn sie nicht unmittelbar handeln, in den Schatten – sie beobachten, sinnieren, urteilen. Sie stehen für Gesellschaft und geteilte Kultur, für das Prisma von „Anständigkeit“ und „Tradition“. Die Handlungen im Zentrum der Bühne – ob Gegenwart oder Vergangenheit – betreffen sie, formen sie; und durch ihre blosse Präsenz formen und beeinflussen sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Jedes Mal, wenn Claire ins Geschehen tritt, ist sie Teil einer formalen Prozession. Das Muster ist unerbittlich und steif, fast halsstarrig. Auf den ersten Blick steht Claire dafür, dass die Vergangenheit die Gegenwart einholt; doch die Wahrheit ist reizvoller. Sie und ihr beinahe militärisches Gefolge verkörpern Gerechtigkeit. Und wie jede Form von Gerechtigkeit kommt auch Claires mit weit nachhallenden Konsequenzen. Sie mag ganz in Weiss gekleidet sein – aber der Zweck ihres Besuchs ist es, die wahren Farben der anderen sichtbar zu machen.
Die Geschichte ist zugleich einfach und komplex. Claire und Anton waren in ihrer Jugend verzweifelt ineinander verliebt, doch Anton entschied sich, Matilde zu heiraten und die Sicherheit des Ladens ihrer Familie zu gewinnen. Claire verlässt – aus Gründen, die sich im Verlauf des Stücks enthüllen – die Stadt und baut sich ein neues Leben auf. Sie heiratet häufig und „verwitwet gut“ und wird zur reichsten Frau der Welt.
Während Claires Vermögen wächst, verfällt die Stadt, in der sie geboren wurde, stetig. Die Industrie kommt zum Erliegen, Armut verfestigt sich. Dann erhält der Bürgermeister eines Tages die Nachricht, dass Claire nach Brachen zurückkehrt, und er und die anderen Bewohner hoffen, sie dazu zu bewegen, einen Teil ihres Vermögens herzugeben, damit sich die Stadt wieder aufrichten kann. Zur Begeisterung der Einwohner bietet Claire Brachen 10 Milliarden Dollar.
Doch sie hat einen ganz bestimmten Preis im Sinn. Ob die Stadt bereit ist, ihn zu zahlen, steht im Zentrum der sich entfaltenden Handlung. Konkreter über den Plot zu sprechen, würde den wahren – und oft überraschenden oder schockierenden – Wendungen in McNallys Buch die Wirkung nehmen. Wirklich: Je weniger man über The Visit weiss, desto grösser ist das erste Seherlebnis.
Chita Rivera ist als Claire unvergesslich; ein glühender Broadway-Star in unverminderter Pracht – Rivera ist makellos. Sie sieht umwerfend aus, bis in jede Faser die unermesslich reiche Witwe. Ihre Haltung und Präsenz sind hypnotisch; sobald sie auf der Bühne ist oder auftritt, kann man den Blick kaum abwenden. Während sie langsam, aber unaufhaltsam die Wahrheiten und Verletzungen offenlegt, die ihr Wesen geformt und ihren Besuch erzwungen haben, wird Rivera zu einer Studie in präziser Rache und dem Ausgleich alter Rechnungen – ihre Claire steht neben Medea oder Elektra.
Gleichzeitig ist Riveras Claire ganz Frau – mit einer klaren Erinnerung an ihre längst vergangene Verehrung für Anton und an die Resonanzen der Stadt, in der sie geboren wurde. Sie ist auch witzig und kann eine messerscharfe Beobachtung, Drohung oder Analyse mit unfehlbarer Genauigkeit platzieren. Ihr stählerner Wille, ihr wissendes Lächeln, ihr anmutiger Gang, ihr ansteckendes Lächeln, ihre gierige Intelligenz – das sind nur einige der glänzenden Facetten des Diamanten, als den Rivera ihre Claire gestaltet.
Mit 82 überrascht es nicht, dass Rivera nicht mehr so singen und tanzen kann wie einst – aber sie kann beides noch immer besser als viele. Ihre Arbeit in „You, You, You“, „Winter“, „Love and Love Alone“ und „In The Forest Again“ ist aussergewöhnlich, fesselnd und sinnlich. Ihre Verbindung mit Rees ist unmissverständlich tief – hätten Romeo und Julia überlebt, sie wären hier wie Rees und Rivera. In jedem Aspekt der Figur und des Musicals vollständig engagiert, ist Rivera durchweg eine Freude.
Roger Rees hält dieses Niveau an Hingabe mühelos mit. Sein Anton ist eine quecksilbrige Figur, hin- und hergerissen zwischen der Welt, die er zurückgelassen hat, und der, die er sich geschaffen hat – und stets auf der Suche nach einem Weg, alles zu bekommen, ohne etwas zu verlieren. Geplagt und zugleich opportunistisch macht Rees aus Anton einen fast shakespearehaften Kandidaten für Erlösung. Seine Stimme ist voll und wahrhaftig und wirkt genau richtig gezeichnet, wenn ihm das Ausmass der Aufgabe bewusst wird. Zu Recht erlebt das Publikum zwei Extreme von Rees’ Bandbreite in „I Know Claire“ und „Fear“. In jeder Hinsicht eine kraftvolle Leistung.
Als Frederich Kuhn, der Lehrer, ist Jason Danieley vollkommen unkenntlich – ausser wenn er singt, dann verrät ihn seine prachtvolle Stimme. Er geht vollständig in der Figur auf, zerrissen von dem moralischen Dilemma, dem er sich stellen muss. Am deutlichsten wird das in seinem Solo „The Only One“, aber auch fortwährend.
Mary Beth Peil liefert als Antons Ehefrau seit vielen Jahren, Matilde, eine Meisterklasse in der Darstellung von Schmerz und Verbitterung. Mit sehr wenigen Worten zeichnet sie ein glasklares Bild davon, was für eine Frau sie ist, und gerade in ihren Pausen ist sie besonders beredt. Wenn sie im Schatten sitzt oder steht, reglos und wachsam, die Augen von Ort zu Ort huschend, prüfend, kalkulierend, planend, ist sie faszinierend. Man merkt, dass man die Produktion allein deshalb noch einmal sehen möchte, um sich ganz auf Peils bemerkenswerte Arbeit zu konzentrieren.
Ebenfalls in jeder Hinsicht grossartig sind John Riddle und Michelle Veintimilla, die die jungen Versionen von Claire und Anton zur Zeit ihrer grossen, lustvollen Romanze spielen. Beide achten sorgfältig darauf, Eigenheiten ihrer älteren Selbst zu übernehmen (und umgekehrt) und die Fallhöhe – zumindest für Claire – klar zu machen. Das Gefühl einer schwelenden, anhaltenden und doch überwältigenden Leidenschaft ist fast greifbar. Sie singen und tanzen mit der Leichtigkeit und Hingabe von zwei, die eins geworden sind – anmutig und mit völliger Überzeugung.
In der sechzehnköpfigen Besetzung gibt es keine schwachen Glieder. David Garrison, Matthew Deming, Chris Newcomer und Elena Shaddow sind besonders beispielhaft und liefern detailreiche, nuancierte Leistungen, die durchweg fesseln und herausfordern.
Musikalisch ist die Partitur unendlich faszinierend. Eher in der Sphäre von Kiss of the Spider Woman als von Chicago schafft Kander einen eigenen Klang für Stadt und Epochen von Brachen und nutzt unterschiedliche Songtypen, um verschiedene Punkte der Figuren- oder Handlungsentwicklung zu markieren. „Yellow Shoes“, vielleicht die am deutlichsten nach Kander klingende Nummer der Partitur, ist fröhlich und eingängig, brodelt aber über einer ernsthaften Wendung der Handlung. Viele Nummern verstärken die Stimmung, erläutern Plotpunkte, entwickeln Figuren – manche sind aber schlicht hinreissend. „A Car Ride“ und „In The Forest Again“ sind aussergewöhnliche musikalische Momente in einer Partitur, die nur so vor Juwelen funkelt.
Man vermutet, wäre die Partitur von Sondheim komponiert, würden dem Komponisten umgehend Lobeshymnen entgegenschlagen. Dass man überhaupt denken kann, eine Kander-Partitur könnte von Sondheim sein, sagt weniger über Sondheim als über Kanders Bandbreite und seine Bereitschaft, neue Formen zu erproben. Sein Einsatz von zwei Chören ist für ihn Neuland, aber ausserordentlich wirkungsvoll. Tatsächlich ist die Show nie besser, als wenn das Ensemble mit voller Kraft singt, Harmonie und Melodie befeuert und dabei sehr klar den Strom unterirdischer Emotionen und Reaktionen vermittelt.
Das ist eine grossartige Kander-Partitur, eine seiner besten. Wer sonst hat eine Musical-Rachetragödie versucht – und so überzeugend geschafft?
Ebbs Liedtexte sind scharf und raffiniert, mal selbstgefällig, mal flapsig, mal romantisch, mal beunruhigend – immer punktgenau. Keine Minute wird verschenkt. Die verheerende Geschichte wird in hohem Tempo erzählt, der Druck lässt nie nach, Enthüllungen und Wendungen folgen Schlag auf Schlag, während Claires Frist für die Annahme ihres Angebots erbarmungslos näher rückt. Die Uhr tickt und spiegelt sich in Dialog, Text und Partitur. Ebenso Veränderung und Akzeptanz.
Scott Pask, wohl der meistbeschäftigte Bühnenbildner am Broadway, liefert die perfekte Umgebung für diese Geschichte – ein Blick auf die ausgedörrte Grandezza verrät mehr über den Zustand Brachens heute und darüber, wie Claire es in Erinnerung hat, als Seiten voller Dialog. Japhy Weideman bringt Licht in jede Ecke des Raums, wenn es nötig ist, und schafft wichtige Stimmungswechsel mit Farbnuancen, die wirken, als wären sie Teil der Partitur. Ann Hould-Wards Kostüme sind schlicht perfekt.
Doyle und die Choreografin Graciela Daniele sorgen dafür, dass die Bühnenbilder immer bezaubernd sind. Daniele hat keine grossen Showstopper zu stellen, aber sie verleiht den Nummern, die Tanz verlangen, stilvolle und völlig passende Bewegungen. Die ballettösen, verführerischen Wirbel des jungen Anton und der jungen Claire und die „Yellow Shoes“-Routine liegen Welten auseinander – und treffen doch exuberant ins Schwarze.
David Louds musikalische Leitung war beispielhaft. Die Musik wird mit Schwung und Inbrunst gespielt, und er sorgt dafür, dass der Gesang tadellos und die Diktion kristallklar ist. Das zehnköpfige Orchester deckt viele Instrumente ab, die klangliche Vielfalt ist willkommen; wenn man kein grösseres Orchester haben kann, ist eines wie dieses ein hervorragender Kompromiss.
Machen wir uns nichts vor: Das ist keine Musicalkomödie. Es ist etwas ganz anderes. Wenn man es annimmt und sich von ihm verschlingen lässt, wird man reich belohnt. Das ist in jeder Hinsicht erstklassig – und, was für die Zukunft der Musicalform noch wichtiger ist, eine belebende, wenn auch erschütternde neue Richtung.
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