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Rezension: Actor Awareness Scratch Night: Frauen
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Von
alexaterry
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Actor Awareness Scratch Night: „Women“ Montag, 10. April, 19:30 Uhr Die thematischen Scratch Nights von Actor Awareness werden immer beliebter – und dieser Abend unter dem Motto „Women“ erhielt über 100 Einsendungen, aus denen vier ausgewählt wurden. Girl Power! Alle Stücke sollten von Frauen geschrieben und inszeniert werden, jeweils 15 Minuten lang sein und mit maximal drei Darsteller*innen auskommen. Die Sketche wurden nur an diesem einen Abend vor ausverkauftem Haus in den Spotlight Studios am Leicester Square gezeigt – moderiert von der grossartigen Newcomer-Comedienne Kelly Convey, die bereits begeisterte Kritiken u. a. von Chortle und Time Out erhalten hat. „22“ von Brigid Shine * * * * Darsteller*innen: Gemma Mcmeel als Dr. MacFeeley, Lisa Macgregor als Michelle, Alicia Barban als Gemma
Brigid Shines „22“ ist ein clever interaktives, musikalisches und witziges Stück – mit einem beklemmenden Unterton rund um die Entscheidungsfreiheit von Frauen und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Schauplatz ist ein Krankenhaus: Eine junge Frau steht kurz vor einem Abbruch, begleitet von einem komischen und zugleich hinterfragenden Arzt sowie ihrer unterstützenden besten Freundin. Dass das Publikum ermuntert wird, die eigenen Social-Media-Kanäle zu nutzen (oder – für Technikmuffel wie mich – in ein „Twitter-Heftchen“ zu schauen), ist nicht nur ein cleveres Mittel der Beteiligung, sondern betont auch, wie eng wir mit unseren Smartphones verbunden sind – und wie mächtig Social Media sein kann. So werden während des Stücks Tweets eingeblendet wie: „Behandelt Frauen wie Menschen, die Entscheidungen über ihren Körper treffen können.“ Gemma McMeel, Lisa MacGregor und Alicia Barban sind drei sehr gute junge Schauspielerinnen, und McMeel überzeugt mit glasklaren, herausragenden Vocals in den A-cappella-Songs, die die Aufführung sowohl eröffnen als auch beschliessen.
„22“ war ein fantastischer Auftakt des Programms – und ich hing vom ersten Moment an am Haken, als McMeel, MacGregor und Barban überhaupt nur die Bühne betraten.
„Homefront“ von Rosie MacPherson * * * Regie: Vicky Hitchin Darsteller*innen: Euan Macnaughton, Charlotte East
„Homefront“ ist ein düsteres, temporeiches Stück von Rosie MacPherson über die Auswirkungen, die Krieg auf einen Soldaten und seine Familie haben kann – während eine Tochter mit ihrem Vater darüber spricht, wie er einen anderen Mann erschossen hat. Alles, was mit einem Weihnachtslied beginnt, weckt bei mir sofort Interesse – doch für mich war das Beste an diesem Stück die schauspielerische Leistung: Sowohl Euan Macnaughton als auch Charlotte East gingen völlig in ihren erschöpften, gequälten und heimgesuchten Figuren auf. Das Skript war stellenweise sehr berührend (und besonders mochte ich die treffende Beschreibung von „Tee“ als „eine Umarmung im Becher“), aber erzählerisch war für mich nicht immer klar, was genau passiert. Trotzdem hatte die Energie, die von Macnaughton und East ausging, eine spürbare Wirkung auf das Publikum.
„Come Die with Me“ von Vicki Connerty * * * * * Darsteller*innen: Nigel Langley als David, Georgina North als Helen (Mum), Linn Johansson als Rachel
Nach Vicki Connertys schwarzer Komödie „Come Die with Me“ hatte ich vom vielen Lachen regelrecht straffere Wangenknochen. Nach dem Tod ihres Mannes wünscht sich Helen, er wäre noch einmal bei ihr zu Hause – und lässt deshalb seinen Sarg ins Wohnzimmer bringen, wo er auf dem Couchtisch stehen soll. Als ihr Sohn David und ihre Tochter Rachel zusammenkommen, wird aus dem eigentlich traurigen Anlass ein aberwitziges, fast schon farsenhaftes Ereignis. Connerty spielt wahrhaftig Tauziehen mit den Gefühlen: In einem Moment war ich gerührt, wenn die Familie ihren Vater liebevoll in Erinnerung rief, und im nächsten lag ich wieder fast am Boden bei Davids lockeren, zugleich völlig unpassenden Kommentaren.
Gut geschrieben und hervorragend gespielt, mit perfektem komödiantischem Timing – ich wollte mehr!
„Walk of Shame“ von Emelia Marshall Lovsey * * * Regie: Stephanie Silver Darsteller*innen: Suzy Gill
„Walk of Shame“ ist ein längerer Monolog, der die Geschichte eines verletzlichen jungen Mädchens erzählt, das von einem Mann ausgenutzt wird, den sie falsch eingeschätzt hat – eindringlich gespielt von Suzy Gill. Emelia Marshall Lovsey hat ein sehr dunkles Stück geschrieben, das auch eine recht detaillierte Vergewaltigungsszene enthält: Sie folgt darauf, dass der Figur vorgeworfen wird, sie habe „angemacht“, und ihr das Gefühl gegeben wird, sie schulde einem Fremden ihren Körper. Im Vergleich zu den anderen Beiträgen empfand ich es als etwas zu lang, und mir hätten – bei so einem erschütternden Text – mehr lichte Momente gutgetan. Dennoch wird das extrem entblössende, harte Thema von Regisseurin Stephanie Silver sensibel und zugleich kraftvoll behandelt, und der Text selbst ist mutig und scheut sich nicht vor nüchternen Details. „Walk of Shame“ lenkte den Blick eindringlich auf die schockierenden Übergriffe, die Frauen weltweit erlitten haben – und in ähnlichen Situationen weiterhin erleben. Mir war beim Zuschauen unwohl; falls das das Ziel des Kreativteams war, haben sie es erreicht.
Nachdem ich diese vier sehr unterschiedlichen Kurzstücke gesehen habe, verstehe ich, warum so viele Menschen bei Actor Awareness und ihren Scratch Nights dabei sein wollen: um Teil ihres Erfolgs zu sein und die Gelegenheit zu bekommen, ihr Schreib-, Spiel- und Regietalent zu zeigen. Ich würde mir längere Fassungen dieser Arbeiten sehr gern anschauen – und könnte mir gut vorstellen, dass etwa „22“ und „Come Die with Me“ auf den britischen Fringe-Festivals ein Zuhause finden.
Die nächste Scratch Night steht unter dem Motto Race, Religion und Culture; Einsendeschluss ist der 14. Mai. Wer mitmachen möchte, besucht die Website von Actor Awareness unter www.actorawareness.co.uk
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