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KRITIK: Das Abode, Underbelly Cowgate, Edinburgh Fringe ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
10. August 2018
Von
markludmon
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Mark Ludmon rezensiert Davey Andersons neues Stück The Abode im Underbelly, Cowgate beim Edinburgh Fringe
Die Besetzung von The Abode. Foto: Terry Murden The Abode Underbelly Cowgate, Edinburgh Fringe
Vier Sterne
Die Trolle in Davey Andersons zeitgemässem neuen Stück The Abode sind keine Märchenwesen aus der nordischen Folklore, sondern sehr reale – und weitaus gefährlichere – Gestalten aus Amerikas „Alt-Right“-Milieu. Diese fantasievolle Fabel ist jedoch nicht nur ein Angriff auf Vorurteile und ultrarechte Extremisten, sondern stellt auch die Frage, wie weit die Trolljäger auf der Linken gehen sollten – und ob ihre Mittel überhaupt ausreichen, um dem Hass wirksam zu begegnen.
So menschlich die Trolle auch sind: Die Erzählung beschwört eine Sci-Fi-Fantasy-Atmosphäre herauf, mit Anklängen an Kultfilme der 80er und 90er – von The Lost Boys bis The Matrix. Im Zentrum steht der Kampf um Herz und Verstand des 20-jährigen Samuel, der noch bei seiner Mum lebt und einen undankbaren Job als Hotelrezeptionist hat. Sein Vater ist seit Langem tot; Samuel ist einsam und unglücklich – bis er über ein altes Walkie-Talkie, das seinem Vater gehörte, auf das Geplauder anderer entfremdeter Männer stösst. Als Metapher für Alt-Right-Online-Communities schürt dies seinen Groll darüber, keine Freundin zu finden, und zieht ihn in eine dunkle, gewalttätige Welt „heterosexueller weisser Männer“, die Frauen, Schwule und Migranten hassen. Ihr Aushängeschild ist Ricky, der charismatische Gründer des Council of Traditional Citizens, der eine Sendefrequenz namens Freedom City etabliert hat – ein Deckmantel für The Abode, gedacht als halluzinatorische Parallelrealität, die sich über das Alltagsleben ihrer Mitglieder legt.
Die Besetzung von The Abode. Foto: Terry Murden
Doch Samuel ist nicht der Held der Geschichte: Es ist seine Halbschwester Wendy, die sich aufmacht, ihren Bruder zu retten – unterstützt von einer Gruppe antifaschistischer Aktivist*innen. Daraus entwickelt sich ein regelrechter Thriller, der andeutet, dass sich manche Menschen durch Hoffnung, Optimismus und den Glauben an das Gute im Menschen noch erreichen lassen. Unterwegs zeichnet das talentierte, junge Ensemble von zwölf Darsteller*innen – souverän inszeniert von Cathy Thomas-Grant – ein breites Bild von Alt-Right-Haltungen und liberalen Gegenreaktionen. Die Warnung ist klar: Dieser Konflikt dauert an und ist komplexer als ein einfacher Kampf zwischen Gut und Böse.
Trotz des düsteren Themas gibt es Leichtigkeit und Humor – auch wenn einige der grössten Lacher aus den Absurditäten der Alt-Right-Rhetorik entstehen, die erschreckend wahr sind. Offensichtlich auf gründlicher Recherche beruhend, liefert die Produktion einige spannende Fakten über die extreme Rechte, etwa die Vorliebe von White Supremacists für Milchwerbung – nicht wegen der Farbe, sondern weil Laktoseintoleranz bei Menschen afrikanischer Herkunft häufiger vorkommt. Ausserdem ist das Stück absolut am Puls der Zeit: Es verweist auf Aspekte von Trumps Präsidentschaft und auf den Misogynismus von Videospiel-Communities, bekannt als Gamergate.
Anderson, der in Glasgow lebt, entwickelte das Stück gemeinsam mit der Besetzung – einer vielfältigen Gruppe junger amerikanischer Männer und Frauen –, die am Department of Theatre der Pepperdine University in Kalifornien studieren. Die Hochschule arbeitet seit 1985 mit schottischen Theaterschaffenden und Autor*innen an Edinburgh-Fringe-Produktionen. Auch wenn die Handlung klar in den USA verortet ist, bietet sie vieles, das angesichts des Erstarkens der extremen Rechten in Grossbritannien und im übrigen Europa nachhallt.
Läuft bis 16. August 2018
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