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KRITIK: Go!, Camden Fringe im Phoenix Artist Club ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Go! Camden Fringe im The Phoenix Artist Club 20. August 2014 3 Sterne
Während das Edinburgh Festival in Schottland in voller Pracht lodert und alle kritischen Blicke dorthin gerichtet sind, wird dem Programm des Camden Fringe viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei bietet das Phoenix Artist Club, mitten im West End, ein eklektisches, abwechslungsreiches Programm, das es mühelos mit allem aufnehmen könnte, was in Edinburgh auf die Bühnen kommt.
Fringe-Festivals sind voller Möglichkeiten. Man kann dort wirklich alles finden: ausgereifte, vollständige Aufführungen von schwachem Material; tastende Erkundungen neuer Formen; herausfordernde Arbeiten für Spielende und Publikum; gut gelaunte, publikumsfreundliche Kost; schlechte Musicals mit hoffnungsvollen Talenten, inspiriert von oder hervorgebracht durch Formate wie X Factor; starkes Material, das von unsicheren Händen zu Nichts zerdrückt wird; und – selten – ein noch unentdeckter Star, der etwas Wagemutiges und Wirksames macht.
Oft weiß man bei Festivals erst, wenn der Vorhang fällt, was für eine Erfahrung man eigentlich gerade gemacht hat.
Das gilt nicht für Go!, ein „Mini-Desaster-Musical“, geschrieben und gespielt von Nikki Aitken und beim Camden Fringe unter der Regie von Christopher Hurrell uraufgeführt.
Von dem Moment an, in dem Aitken die Bühne betritt und das Licht aufgeht, ist klar: Das ist ernst zu nehmen – eine wirklich gut geprobte, durchdachte Produktion eines neuen und anspruchsvollen Stücks Musiktheater.
Die Herausforderungen liegen ganz bei Aitken und Hurrell; das Publikum darf sich zurücklehnen und die Reise genießen – abheben und davonschweben auf einer wunderschönen Flugmaschine aus Albernheit und campiger Melodramatik.
Die Grundidee ist simpel. Flug GO999 startet mit einer bemerkenswert ungleich zusammengewürfelten Gruppe von First-Class-Passagieren, einer effizienten, souveränen Stewardess (Martina), einem bissigen, schrillen stellvertretenden Steward, der es in eindeutig fleischlicher Absicht auf den Piloten – und vielleicht auch den Co-Piloten – abgesehen hat, sowie einem blinden Passagier. Das Flugzeug erreicht sein namenloses Ziel nie, und warum… nun ja, das zu verraten wäre zu viel. (Es ist allerdings herrlich komisch.)
Der Clou, der Trick, die clevere Idee ist, dass all diese Figuren von Aitken gespielt werden – in einem fünfzigminütigen Tour-de-Force. Sie macht dabei alles: die Passagiere aufmuntern, im WC einen Heiratsantrag machen, über gescheiterte Ehen nachdenken und dem kleinen schwarzen Kasten eine Stimme geben, der den Schlüssel dafür enthält, warum der Flug aus dem Ruder läuft.
Aitken ist ein Kraftpaket. Sie hat eine erstaunlich agile Stimme mit Vollgas-Power, die sie hier gleichermaßen mühelos wie grandios einsetzt. Sie ist in jeder Hinsicht eine Freude: mit feinem komödiantischem Timing und jener seltenen Fähigkeit, in einer großen Ensemble-Nummer mehrere Figuren zu spielen, ohne dass das Publikum den Überblick verliert, wer wann singt.
Hurrell führt das Geschehen mit bewundernswerter Klarheit, und es gibt inspirierte Entscheidungen bei Bühne und Requisiten – einige davon lösen ihr ganz eigenes Gelächter aus. Alles ist fokussiert und dient dazu, den Text auszuleuchten.
Es gibt Momente, in denen die Komik zum lauten Lachen bringt; andere, in denen Aitkens stimmliche Umsetzung teuflisch schwieriger Songs schlicht berauschend ist.
Aber natürlich ist nicht alles perfekt. Manche Songs packen weniger als andere, und zu viel ist in derselben Tonart oder um ähnliche Tonartwechsel herum gebaut. Doch es gibt nichts in der Partitur, das nicht durch kluges Kürzen und eine hervorragende Orchestrierung gewinnen würde. Es ist eine sehr lohnende Musik mit beachtlichem Anspruch. Und Musical Director Michael Roulston wird ihr mehr als gerecht.
Die Figur des schwulen Stellvertreters ist Aitkens am wenigsten gelungene, aber einige der anderen sind so scharf beobachtet – selbst als Karikaturen oder Halbkarikaturen –, dass man ihr das leicht verzeiht.
Das ist die Art Produktion, die in Edinburgh zum Gesprächsthema werden würde. Sie ist nicht perfekt, aber sie wird mit Leidenschaft, Können und echter Hingabe gespielt und inszeniert.
Und wie die meisten Flüge hebt sie gut ab – und kommt gut wieder herunter.
Geht hin und seht einen Star im Entstehen in einem Musical im Entstehen – dafür sind Fringe-Festivals schließlich da.
Mehr Informationen zu Go findet ihr auf der Website des Camden Fringe
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