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KRITIK: Misfits, The Queens Theatre, Hornchurch online ✭✭✭✭
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Von
pauldavies
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Paul T Davies rezensiert Misfits – vier Geschichten von vier Dramatiker*innen, präsentiert im Rahmen der Essex On Stage-Saison des Queen’s Theatre, Hornchurch.
Anne Odeke in Misfits. Foto: Zbigniew Kotliewicz Misfits
Queen’s Theatre, Hornchurch
Online-Stream bis 22. November 2020
4 Sterne
Misfits entstand im Rahmen der Essex On Stage-Saison des Hauses und vereint vier Geschichten, geschrieben von vier unterschiedlichen Autor*innen, kunstvoll miteinander verwoben zu einem Abend, der das Wesen der Menschen in Essex auf den Punkt bringt. Essex ist eine Grafschaft, die viel negatives Schubladendenken abbekommen hat – nicht gerade hilfreich war dabei eine gewisse „Reality“-TV-Serie. Hier aber treffen Autor*innen und Darsteller*innen den Kern und die Menschlichkeit des Lebens in Essex. Die Geschichten sind eindeutig in der Region verankert und zugleich universell – getragen von einem enorm energiegeladenen, talentierten Ensemble, das uns vollständig in seine Welten hineinzieht. Obwohl die Stücke für sich stehen, finden sich in jeder Erzählung Echo-Momente; häufig ist es Musik, die Erinnerungen entfacht.
Mona Goodwin in Misfits. Foto: Zbigniew Kotkiewicz
In Sadie Hasslers Everybody Get’s Born steht Daisy kurz vor der Geburt – und plötzlich scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Sie kehrt zurück ins Jahr 1978, als ihre Mum in einer Rockband spielt, und die eigene Kindheit leuchtet in kräftigen Farben auf: Sie hat nie bemerkt, wie wenig Geld sie hatten, weil die Liebe ihrer alleinerziehenden Mutter so stark war. Nun steht sie selbst am Rand der Alleinerziehung, und Gemma Salters wunderbare Darstellung führt uns von der Geburtsangst über das Bedürfnis nach ihrer Mum bis hin zu jener Liebe, die Familie zusammenhält. Fiza, die Titelfigur in Guleraana Mirs Beitrag, ist unter schwierigen Umständen wieder bei ihren Eltern. Als sie eine Kiste öffnet, wird ihr die Vergangenheit förmlich gereicht, und sie erzählt von ihren Clubnächten in legendären Essex-Hotspots. Sie drückt sich vor dem bevorstehenden Schultreffen – offensichtlich organisiert von jemandem, der es „geschafft“ hat – und beginnt, tief zu graben und ihre Vergangenheit anzunehmen. Ein Text, der – wie alle hier – mit Authentizität klingt.
Thomas Coombes, Anne Odeke, Mona Goodwin und Gemma Salter in Misfits. Foto: Zbigniew Kotkiewicz
In Kenny Emsons großartigem Never Never Land begegnen wir Richard in Manchester – dem ehemaligen Essex-Boy-Racer, bekannt als Tag. Über die Jukebox rast er zurück durch seine Erinnerungen: zu seiner letzten Nacht mit den Jungs im Jahr 1998, bevor er zum Studium aufbricht. Im Auto bleibt ein Sitz leer, den niemand besetzt – ein Denkmal für einen verlorenen Freund, und diese letzte Nacht vibriert vor Herausforderungen. Thomas Coombes spielt hervorragend und legt Tags Schutzschichten frei, während er begreift, dass man „Zuhause“ nie wirklich verlässt. Emson macht, wie so oft, Poesie und Liebe aus Schnellstraßen und Tankstellen. Mein persönlicher Favorit ist jedoch The Essex Princess, geschrieben und gespielt von Anne Odeke: eine imaginierte Geschichte der kaum bekannten schwarzen Gewinnerin von Miss Southend 1908. Das ist urkomisch, kämpferisch – und erzählt die weitgehend unaufgezeichnete Geschichte schwarzer Frauen in Essex: ein freudvoller, kraftvoller Beitrag. Für die Schauspieler*innen muss es seltsam gewesen sein, vor einem leeren Zuschauerraum zu spielen, doch ihre Energie knistert über die zwei Meter Abstand hinweg, und sie spielen, als wäre das Haus ausverkauft.
Es ist Douglas Rintoul und Emma Baggott, den beiden Co-Regisseur*innen, hoch anzurechnen, dass die Übergänge so nahtlos funktionieren: Wir bewegen uns zwischen den Geschichten und erhalten einen Abend über Familie, Liebe, Exil – und vor allem Identität. Ebenso ist es ein Verdienst des Queen’s Theatre, dass ein Erstauftrag an Odeke so selbstverständlich neben preisgekrönten Dramatiker*innen bestehen kann. Mit einem sanften Seitenhieb auf den „ländlicheren“ Norden von Essex (zu dem auch Colchester gehört) feiert das Stück seine Regionalität mit lässigem Selbstbewusstsein – eines, das manchmal ins Wanken gerät, wenn das Leben zurückschlägt, das aber stets vor Stolz sprüht. Bravo an das gesamte Team für dieses so starke Live-Streaming.
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