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KRITIK: Betrunkene Shakespeare-Komödie, Viel Lärm um Nichts, Leicester Square Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
alexaterry
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Shit-Faced Shakespeare
Leicester Square Theatre
13. September 2017
4 Sterne
Für mich ist das erste Glas Prosecco immer das beste: dieses goldene Prickeln zu schlucken und zu spüren, wie es langsam durch den Körper flirrt. Beim zweiten Glas habe ich das, was ich gern „Blubber-Boost“ nenne, und nach dem dritten tippe ich dir vermutlich schon schmachtende Kosewörter und lauter „Ich hab dich lieb“. Das vierte Glas leer zu machen – darüber reden wir lieber nicht. Als Rob Smythson, der Moderator von „Shit-Faced Shakespeares Viel Lärm um Nichts“, verriet, dass ein Cast-Mitglied vor der Vorstellung eine Flasche Prosecco und zwei Dosen Lagerbier intus hatte, war mir augenblicklich, als hätte ich schon einen Kater.
Magnificent Bastards Productions hat das Konzept von „Shit-Faced Shakespeare“ aus der Taufe gehoben – eine Mischung aus ernsthafter klassischer Bühne und betrunkenem Chaos. Die Vorstellungen laufen seit 2010 und dank ihres völlig verdienten Erfolgs bei den Fringe-Festivals in Edinburgh und Brighton begeistert die Truppe inzwischen auch Publikum in den USA, während sie parallel weiter durch Grossbritannien tourt. Weil klassisches Theater manchen als eher zäh gilt, will „Shit-Faced Shakespeare“ ihm frischen Spass und ausgelassene Freiheit einhauchen – und das gelingt mit herrlicher Komik.
William Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ ist eine Komödie, die in Messina spielt und die Geschichte von Hero (Beth-Louise Priestley) und ihrer Cousine Beatrice (Stacey Norris) erzählt – und von den turbulenten Romanzen, die sie mit den Soldaten Don Pedros erleben: Claudio (Saul Marron), Benedick (James Murfitt) sowie Don Pedros doppelzüngigem Bruder Don John (John Sebastian Trixibelle Petherbridge Mitton – was für ein Name!). Vor der Vorstellung wird ein Cast-Mitglied bestimmt, das sich seinem liebsten alkoholischen Getränk hingibt – und in den vier Stunden vor Showbeginn ist es seine Aufgabe, sich wirklich ordentlich „abzuschiessen“, bevor sich der Vorhang hebt. Die professionelle Schauspieltruppe rotiert die Rollen, sodass die auserwählte trinkfreudige Person ihre Leber nie öfter als dreimal im Monat „strapazieren“ muss. An diesem Abend war Beth-Louise Priestley an der Reihe, eine steinalte Hero zu spielen – und es gab kaum ein Gebiss, das nicht entblösst, oder einen Bauch, der nicht vor Lachen angespannt war, während wir Priestley dabei zusahen, wie sie wirres Kauderwelsch nuschelte und kichernd von der Bühne flitzte – in dieser 70-minütigen Kurzfassung. Schon bei ihrem allerersten Auftritt mit trübem Blick und ihrer locker-läppischen Flucherei musste ich so laut losprusten, dass ich beinahe den Teppich im Leicester Square Theatre mit meinem Glas Rosé getauft hätte.
Bevor das Stück beginnt, gibt der Moderator einem Publikumsgast einen Gong und einem anderen ein Signalhorn; wenn sie das Gefühl haben, die betrunkene Person auf der Bühne werde wieder zu nüchtern, sollen sie ihr Instrument spielen, die Show wird angehalten und der Schauspielerin bzw. dem Schauspieler wird ein weiteres Getränk gereicht, das sie oder er während des laufenden Geschehens zu sich nimmt. Das Publikum hatte eine ganz eigene Spannung: Wo ich sonst oft erlebe, wie Zuschauerinnen und Zuschauer beim Gedanken an Beteiligung in den Sitz zurücksinken, wollten diese hier unbedingt mitmachen. Rufe wie „Gong schlagen!“ und „Pust rein!“ hallten durch den Zuschauerraum, und eine schluckaufende Hero nippte an einem weiteren Flaschenbier, während sie Claudio versprochen wurde – stilvoll, die Dame! Als dritter Gegenstand wurde einem deutlich zögerlicheren Gast ein Eimer in die Hand gedrückt. Sagen wir’s so: Sie sass möglicherweise in der Spritz-Zone …
Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind klug und schlagfertig – und improvisatorisch aus dem ganzen Herzen talentiert, um den zungenbrecherischen Dialog trotz all der Ablenkung um sie herum durchzuziehen. Am meisten berührt: Die Truppe ist offensichtlich bestens befreundet, und diese sympathische Verbundenheit ist der Kitt, der die Produktion zusammenhält.
„Shit-Faced Shakespeare“ prahlt nicht mit lebensverändernder Theaterkunst und lässt einen auch nicht mit einer bestimmten Emotion taumelnd zurück; ebenso wenig ist es eine Show, die man wegen besonders raffinierter Handlung oder Bühnenbild sehen muss – aber sie lädt das Publikum ein, mal locker zu lassen! In der gleichen Komödien-Küche wie „The Play That Goes Wrong“ gekocht, fordert sie uns dazu auf, über gewisse unglückliche Ereignisse zu lachen. Ich empfehle kein Komasaufen, und es wäre leicht, das Ganze als derb und medizinisch unklug abzutun – doch damit würde man den Punkt verfehlen. Dieses beschwipste „Viel Lärm um Nichts“ ist perfekt als erster Stopp für einen Abend in der Stadt, für Junggesellinnenabschiede, Junggesellenabschiede – oder wenn man einfach einen Abend mit purem Gelächter sucht. Keine Vorstellung ist wie die andere, deshalb lohnt es sich wirklich, dieses Stück immer wieder zu sehen. „Shit-Faced Shakespeare“ – mit dem Geist eines bodenständigen Fringe-Festivals im Herzen – ist ein einladender Abend betrunken-unverschämten Spasses, der einen für eine Weile von der Realität loskettet.
Gönn dir einen kleinen Schluck und sieh dir „Shit-Faced Shakespeares Viel Lärm um Nichts“ im Leicester Square Theatre noch bis zum 16. September 2017 an.
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