NACHRICHTEN-TICKER
REZENSION: Die Ermordung der Schwester George, London Theatre Workshop ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
14. November 2015
Von
danielcolemancooke
Janet Amsden, Sioned Jones und Briony Rawle. Foto: Ashley Carter Der Mord an Sister George
London Theatre Workshop
7. November
4 Sterne
Wer glaubt, Besessenheit vom Showbusiness sei eine moderne Erscheinung, dürfte diesen Monat im London Theatre Workshop eine ziemliche Überraschung erleben.
Der Mord an Sister George erzählt die Geschichte von June Buckridge, einer Schauspielerin, die die beliebte George in Applehurst spielt – einem erfolgreichen BBC-Radio-Drama, das nicht ganz zufällig an The Archers erinnert. Die neurotische und psychotische Schauspielerin ist überzeugt, dass ihre Figur bald aus der Serie geschrieben und getötet wird, und lässt ihre Wut an ihrer naiven, vertrauensseligen Untermieterin Alice aus. Am Ende bewahrheiten sich Junes schlimmste Befürchtungen: Es folgt eine Phase nationaler Trauer – und Junes psychischer Zustand verschlechtert sich weiter.
Frank Marcus’ Text entstand 1965 – das hört man sofort an der sehr ausgefeilten, blumigen Sprache (ganz klassisches BBC-Received Pronunciation). Trotzdem ist das Stück erstaunlich gut gealtert, und die Themen sind so relevant wie eh und je – vielleicht sogar noch mehr. Die öffentliche Fixierung auf fiktionale Figuren hat sich in den Jahren nach Marcus’ Tod nur noch verstärkt, was ihn bemerkenswert vorausschauend erscheinen lässt.
Auch die Besessenheit der BBC-Funktionärin, „zeitgemäß“ zu sein, zeigt sich zwar anders (ein uneheliches Baby – oh Schreck!), doch dieser Drang zur „Modernisierung“ dürfte vielen regelmäßigen BBC-Zuschauer:innen und -Hörer:innen sehr vertraut vorkommen.
Sarah Shelton, Sioned Jones und Briony Rawle. Foto: Ashley Carter
Die Inszenierung hat etwas Pinterhaftes: Es werden sehr dunkle Themen verhandelt, und die Machtverhältnisse verschieben sich ständig. Viele der zentralen Beziehungen zwischen den Figuren bleiben bewusst vieldeutig – besonders die zwischen June und Alice.
Mal wirken sie wie misshandelnde Mutter und unterwürfige Tochter, mal wie beste Freundinnen – und es gibt sogar Momente, in denen Alice Junes offenkundige Zuneigung zu genießen scheint. Zwischen den beiden liegt eine deutliche sexuelle Spannung; das Stück wird oft als Darstellung von Lesbianismus im Theater herangezogen, doch es wird lediglich angedeutet und nie vollständig ausgesprochen.
Diese wechselnden Grundlagen sorgen für ein verstörendes Erlebnis, doch der Realismus der Darstellungen macht es fesselnd und interessant. Wie großartig, eine rein weibliche Besetzung zu sehen – bei der Uraufführung muss das noch bemerkenswerter gewirkt haben.
Mein persönliches Highlight war Sarah Shelton als gutherzige, aber unnachgiebige BBC-Funktionärin Mrs Croft. Sie ist die prototypische Bürokratin, die strikt nach Vorschrift handelt, zeigt im Verlauf des Abends jedoch nach und nach eine weichere Seite. Es war eine vielschichtige Leistung; ihre Rolle als schockierte „Außenstehende“ war ein entscheidendes Gegengewicht, das das Stück im Rahmen des Normalen verankert.
Die Beziehung zwischen June und Alice ist zentral, und beide Rollen sind hervorragend gespielt. Sioned Jones als June ist angemessen manisch – zugleich charmant und unfassbar grausam (wie es viele Psychopathen sind). Zudem gelingt es ihr, dem ziemlich grausigen Charakter dennoch einen Funken Publikumssympathie abzuringen; die letzte Szene (ein echtes „Die können doch nicht wirklich hier Schluss machen, oder?“) ist gleichermaßen traurig wie berührend.
Sioned Jones und Briony Rawle. Foto: Ashley Carter
Briony Rawle ist großartig als die sanfte, naive Alice, die in einer missbräuchlichen häuslichen Beziehung feststeckt. Eine wunderbar ausdrucksstarke Darstellung – man spürt ihren Schmerz und ihre Verzweiflung, zu entkommen. Janet Amsden sorgt außerdem für dringend benötigte komische Entlastung als exzentrische Wahrsagerin Madam Xenia.
Der Mord an Sister George ist ein Stück, das geradezu nach einer Wiederaufnahme ruft; Ensemble und Team werden ihm absolut gerecht. Hochwertiges Theater, das einen definitiv darüber nachdenken lässt, was Ruhm und Prominenz tatsächlich anrichten können.
Der Mord an Sister George läuft im London Theatre Workshop noch bis zum 21. November 2015
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