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REZENSION: Allein in Berlin, Royal and Derngate Northampton ✭✭✭
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Von
markludmon
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Mark Ludmon bespricht die neue Bühnenadaption von Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein am Royal & Derngate in Northampton – und im März anschließend am York Theatre Royal und im Oxford Playhouse
Alone in Berlin
Royal & Derngate, Northampton, anschließend York Theatre Royal und Oxford Playhouse
Drei Sterne
Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, wurde nach der englischen Veröffentlichung 2009 zum weltweiten Bestseller. Nach einer Filmadaption mit Emma Thompson und Brendan Gleeson liegt nun eine Bühnenfassung vor: eine solide Adaption des Übersetzers Alistair Beaton, die den Stoff auf seine zutiefst menschliche Geschichte zuspitzt und die Kraft des Widerstands angesichts von Unterdrückung auslotet. Auf realen Ereignissen basierend folgt sie Otto und Anna Quangel, einem Ehepaar, das sich gegen Hitlers Regime zu wehren beginnt, nachdem ihr Sohn im Krieg gefallen ist. Ihre still heldenhafte Strategie: handgeschriebene Postkarten mit anti-nationalsozialistischen Botschaften in ganz Berlin auszulegen – was eine chaotische Katz-und-Maus-Ermittlung der Behörden nach sich zieht, angeführt vom Kriminalbeamten Escherich. Der weite Atem des Romans, der durch ganz Berlin führt und von vielen Figuren bevölkert ist, wird auf die Geschichte der Quangels konzentriert, doch wir erhaschen weiterhin einen Blick auf die Verfolgung von Jüdinnen und Juden – etwa durch das, was mit ihrer Nachbarin Frau Rosenthal außerhalb der Bühne geschieht. Jonathan Fensoms Bühnenbild, mit Licht von Charles Balfour und Video von Nina Dunn, öffnet den Raum dabei erfinderisch und schafft eine alptraumhafte Vision, in der es in der Dunkelheit nur wenige Risse für Licht gibt.
Neben dem erneuten Fokus darauf, wie gewöhnliche Deutsche unter dem NS-Terror lebten, zwingt uns die Bühnenadaption von Alone in Berlin auch zu der Frage, was wir selbst tun würden, stünden wir in unserem Leben einer populistischen totalitären Regierung gegenüber – oder überhaupt irgendeiner Form sozialer Ungerechtigkeit. Obwohl der Stoff aus einem deutschen Roman von 1947 stammt, ist es unmöglich, keine heutigen Parallelen zu ziehen: zu einer Zeit, in der normale Menschen, konfrontiert mit Armut und Hunger, sich von lügenden Politikerinnen und Politikern kaum beirren lassen, deren „Versprechen selten gehalten werden“.
Beaton hat u. a. Bertolt Brecht übersetzt – darunter Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui am Festival Theatre in Chichester und am Duchess Theatre in London – und der Einfluss des deutschen Dramatikers ist deutlich spürbar. Alone in Berlin spielt in den frühen 1940er-Jahren, als Brecht im Exil fern seiner Heimat war, und wird in einem theatralen Rahmen erzählt: durch eine singende Erzählerin – Berlins goldene Statue Goldelse hoch oben auf der Siegessäule, die zum Leben erwacht. Eindrucksvoll gespielt von Jessica Walker kommentiert und erhellt sie das Geschehen in einer Weise, wie sie für Brechts Dramaturgie typisch ist; dazu kommen Beatons Songs, komponiert von Orlando Gough, in einem Stil, der an die Musik von Brechts Weggefährten Kurt Weill erinnert. Doch während Brecht argumentierte, soziale Ungerechtigkeit sei „aufhaltsam“, zeigt Alone in Berlin die komplexen Herausforderungen für Einzelne, die einem unterdrückerischen Regime Widerstand leisten wollen, dessen Tentakel in jeden Bereich der Gesellschaft reichen.
Denis Conway und Charlotte Emmerson sind als die stillen Heldinnen und Helden Otto und Anna angenehm zurückgenommen und sympathisch, während Abiola Ogunbiyi den unschuldigen Idealismus von Trudi, der Verlobten ihres Sohnes, einfängt. Julius D’Silva und Clive Mendus erwecken die NS-nahen Kriminellen Borkhausen und Kluge mit grobschlächtiger Energie zum Leben, doch der ganze Schrecken der Nazis verdichtet sich besonders eindringlich in Jay Taylors sadistischem SS-Offizier Prall. Das Highlight ist Joseph Marcells fein nuancierte Darstellung von Inspektor Escherich, der angesichts der Taten der Quangels beginnt, seine passive Gefolgschaft zu hinterfragen. Er setzt einige der wenigen Funken, die diese düstere Geschichte entzünden – die, wie das Design, nur selten von Momenten der Leichtigkeit oder des Humors unterbrochen wird. Brecht war berühmt dafür, dass er verhindern wollte, dass das Publikum sich zu sehr mit seinen Geschichten identifiziert, um objektiv zu bleiben. Genau dieser Effekt stellt sich auch in dieser ernsthaften Bühnenadaption unter der Regie von James Dacre ein. Obwohl die Bedrohungen für die Quangels eine Frage von Leben und Tod sind, fehlt der Inszenierung die Spannung und der Nervenkitzel, die man von einer Geschichte über Heldentum, Widerstand und Ungerechtigkeit erwarten könnte. Dennoch bleibt sie dank ihrer kreativen Theatermittel und einiger starker Leistungen eine wirkungsvolle Adaption, an der es viel zu mögen gibt.
FOTOS: Manuel Harlan
Zu sehen am Royal & Derngate in Northampton bis zum 29. Februar 2020, anschließend am York Theatre Royal vom 3. bis 21. März und im Oxford Playhouse vom 24. bis 28. März.
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