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REZENSION: Kleine Kriege, online verfügbar bis zum 3. Dezember ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
pauldavies
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Paul T Davies bespricht Steven Carl McCaslands Stück Little Wars, das über streamtheatrenow.com gestreamt werden kann.
Little Wars GingerQuiff Media sowie Guy Chapman und das Union Theatre
Streaming bis 3. Dezember 2020
5 Sterne
Beim Streaming-Theater haben sich einige Tücken herauskristallisiert – nicht zuletzt Unterbrechungen durch Nachbar*innen, Lieferdienste und andere Störenfriede. Sorgen Sie also dafür, dass Sie wirklich ungestört sind, wenn Sie es sich gemütlich machen, um diese wunderbare einstudierte Lesung von Steven Carl McCaslands außergewöhnlichem Stück zu sehen. Lassen Sie sich auch von den Worten „einstudierte Lesung“ nicht abschrecken: Mit einer Besetzung dieser Klasse wird der Text lebendig und pulsiert. Am Vorabend des Falls Frankreichs 1940 geben Gertrude Stein und ihre Partnerin Alice Toklas ein Dinner für Lillian Hellman, Dorothy Parker und Agatha Christie. Ein Abendessen, für das man sterben würde! Doch so verführerisch das alles ist – von Beginn an spüren wir, dass sich der Krieg zusammenbraut, als die Widerstandskämpferin Muriel Gardner eintrifft, um die sichere Ausreise für drei jüdische Flüchtlinge zu organisieren, die Stein und Toklas unterstützen. Gardner entscheidet sich, über Nacht zu bleiben, nimmt ein Pseudonym an und erzählt den Gästen, sie sei Psychiaterin – was dem Spürsinn dieser Autorinnen wohl kaum die ganze Wahrheit zu sein scheint.
Catherine Russell, Sarah Solemani, Linda Bassett, Natasha Karp, Juliet Stevenson, Sophie Thompson und Debbie Chazen. Foto: John Brannoch
Im Laufe der Nacht und mit zunehmendem Alkoholfluss gibt es reichlich Boshaftigkeiten – besonders zwischen den erbitterten Feindinnen Hellman und Stein –, aber auch viele zarte und ehrliche Offenbarungen (Parker über ihr Trinken und eine Abtreibung, Christie über ihr vielzitiertes Verschwinden). Diese Besetzung macht Lust, die Produktion eines Tages live auf der Bühne zu erleben. Die stets großartige Linda Bassett ist als Stein majestätisch: Sie blickt Hellman durchgehend spürbar von oben herab – selbst durch die Kamera –, vermittelt zugleich aber Wärme und Sensibilität. Juliet Stevenson ist eine kämpferische Lillian Hellman; ihre Ehrlichkeit und Direktheit sind zugleich verletzend und notwendig, und sie erkennt die Gefahr, in der sich die Frauen befinden. Catherine Russell ist eine schöne, feinfühlige Toklas, Debbie Chazen eine witzige und zugleich gebrochene Parker, und Sophie Thompson spielt die Exzentrik von Christie klug zurück und lässt stattdessen die neugierige Krimiautorin hervortreten. Sarah Solemani ist als Gardner ausgezeichnet: ruhig, dringlich und mutig. Als sich herausstellt, dass Bernadette – eine wunderbar fragile und kraftvolle Darstellung von Natasha Karp – nicht einfach nur die Hausangestellte von Stein und Toklas ist, sondern eine Jüdin, die sie aus Berlin gerettet haben und verstecken, legen die Frauen ihre Differenzen beiseite und schmieden einen Plan, sie außer Landes zu bringen.
Hannah Chissicks hervorragende Regie trifft jeden Takt des Textes und lässt Komik wie auch Wehmut gleichermaßen wirkungsvoll landen. Es gibt gelegentlich Tonprobleme, doch das stört bei einer Lesung von solcher Dringlichkeit und Wucht nur selten. Ein treffendes Stück über Zuflucht, Sicherheit, Verstecken, Frauen, Überleben und Liebe. Und selbst durch den Bildschirm spürt man deutlich die starke Verbundenheit zwischen Ensemble und Kreativteam. Die Produktion sammelt Spenden zugunsten von Women for Refugee Women. Ich kannte McCaslands Stück bis jetzt nicht – und ich lege Ihnen sehr ans Herz, es zu entdecken. Eine der besten Online-Erfahrungen, die ich in diesem so herausfordernden Jahr gemacht habe.
Die Produzent*innen haben soeben bekannt gegeben, dass Little Wars aufgrund der großen Nachfrage bis zum 3. Dezember verlängert gestreamt wird.
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