NACHRICHTEN
REZENSION: American Idiot, Arts Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
23. Juli 2015
Von
danielcolemancooke
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Die Besetzung von American Idiot. Foto: Darren Bell American Idiot
3 Sterne
Arts Theatre
22. Juli 2015 Tickets buchen
Man hört Green Day nicht oft im selben Atemzug wie Abba und die Four Seasons. Und doch haben sich die Pop-Punks zu diesen alten Favoriten gesellt und erweitern damit die Liste der Jukebox-Musicals im West End. Die Show eröffnete 2010 am Broadway und ging zwei Jahre später auf UK-Tour – jetzt ist sie zurück und im Arts Theatre nahe dem Leicester Square zu sehen.
Die Handlung ist schlicht (so sehr, dass man oft auf eine Wendung wartet, die nie kommt) – die frustrierten Teens Johnny, Will und Tunny schlagen jeweils unterschiedliche Fluchtwege ein, um dem schläfrigen Vorstadtleben zu entkommen. Johnny sucht sein Glück in der Großstadt, wo ihn Drogen und hübsche Mädchen ablenken; Tunny tritt der Armee bei und wird im Irak eingesetzt, während Will versucht, nach der Schwangerschaft seiner Freundin ein verlässlicher Dad zu sein.
Der Schatten des Bush-Ära-Konservatismus und von 9/11 liegt schwer über dieser Produktion, die insgesamt den wütenden, politisch aufgeladenen Sound, für den Green Day berühmt war, punktgenau einfängt. Diese rohe Wut sorgt zwar für ein paar brillante Songs (man möchte zwischendurch fast aufstehen und moshen), führt aber nicht gerade zu viel Tiefe und Subtilität. Das Stück steht vor der klassischen Jukebox-Musical-Herausforderung: eine Geschichte zu erzählen, ohne Freiheit über die Lyrics zu haben. Noch deutlicher wird das dadurch, dass das Musical komplett durchgesungen ist; ohne einführende Dialoge ist es für die Figuren eine echte Herausforderung, über laute Karikaturen hinauszukommen.
Während einige gitarrenlastige Ensemblenummern bisweilen ineinanderfließen, wurden Green Days ruhigere Hits deutlich kreativer behandelt. Boulevard of Broken Dreams war perfekt inszeniert und arrangiert, ebenso der Klassiker Wake Me Up When September Ends. Der Höhepunkt des Abends war Extraordinary Girl, Tunnys herzzerreißende Ballade aus seinem Krankenhausbett – wunderbar gesungen, mit Licht und Kostümen, die einem den Atem raubten.
Diese Momente – und die unnachgiebig hohe Energie der Produktion – tragen die Show; abgesehen von Johnny und Tunny gibt es nur sehr wenig echte Charakterzeichnung. Der Zuhause-Dad Will wird nicht besonders ausgearbeitet, während Jimmys Love Interest zwar ein paar großartige Songs bekommt, aber kaum eine Persönlichkeit (sie heißt sogar Whatsername!).
Die Besetzung – eine Mischung aus West-End-Stammkräften und etablierten Rock-Sänger:innen – macht durchweg einen großartigen Job und füllt die Show mit Schwung und Energie. Aaron Sidwell ist als Hauptfigur Johnny kantig und gequält und holt sowohl aus den Rocknummern als auch aus seinen gefühlvollen Solomomenten das Maximum heraus. Alexis Gerred fängt Tunnys hilflose Heldhaftigkeit berührend ein, während Steve Rushton als Will ebenfalls solide unterstützt. Die ehemalige X-Factor-Finalistin Amelia Lily hat zwar nicht riesig viel West-End-Erfahrung, bringt aber eine unglaubliche Stimme mit und behauptet sich auch schauspielerisch mehr als souverän. In einem kraftvollen Ensemble gibt es keine schwachen Glieder; Racquel Jones und Natasha Karp fallen mit besonders markanten Leistungen auf.
Die Inszenierung war herausragend; Sarah Perks’ Bühnenbild ist schmuddelig und rau, mit ein paar cleveren Einfällen – etwa einem „Bus“, der größtenteils aus Gitarrenkoffern besteht. Der Fernseher auf der Bühne wurde wirkungsvoll eingesetzt, auch wenn es schade ist, dass die TV-Wand, die in der Broadway-Version so stark war, auf dieser kleineren Bühne nicht nachgebildet werden konnte. Die Kostüme sind herrlich punkig und dystopisch; besonders ein paar wunderbar böse, dämonisch anmutende Cheerleader, die entweder Stoff für Träume oder Albträume sind (ich bin mir noch nicht sicher, was davon!).
Racky Plews’ Choreografie war messerscharf: wütend und leidenschaftlich, wenn es sein musste, aber in den langsameren Nummern auch überraschend bewegend. Trotzdem: Ein witziges Trinkspiel für alle, die hingehen – nimmt man jedes Mal einen Schluck, wenn eine Figur den Mittelfinger zeigt oder sich in den Schritt greift, ist man im Handumdrehen angeheitert! Die Band ist fantastisch und darf zur Hälfte der Show sogar ein bisschen die vierte Wand durchbrechen.
American Idiot ist eine etwas frustrierende Produktion; obwohl die Musik von Green Day einem Musical viel zu bieten hat, wirkt sie für eine komplett durchgesungene Bühnenadaption nicht ganz passend. Doch was der Abend an Plot und Charakterzeichnung vermissen lässt, macht er mehr als wett mit Energie, Leidenschaft und schlichtem, sehr gutem Spaß.
Tickets für das Arts Theatre buchen. Laufzeit bis 27. September 2015
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