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REZENSION: Rent, St James Theatre (auf Tournee) ✭✭✭✭✭
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Von
alexaterry
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Billy Cullum als Mark mit dem Ensemble von Rent. Foto: Matt Crockett
St James Theatre (UK-Tour)
13. Dezember 2016
5 Sterne
Vor zwanzig Jahren schuf Jonathan Larson eine Show, die einen packt – und Bruce Guthries Wiederaufnahme lässt ganz sicher nicht locker. Während ich das schreibe, beneide ich all jene, die diese grandiose Produktion zum 20-jährigen Jubiläum noch vor sich haben: eine Darbietung von unvergleichlicher, schonungsloser Direktheit, gespielt von einem überschaubaren Ensemble, das sich dem Text und der Musik mit Haut und Haaren hingibt – und den verletzten New Yorker Künstler*innen, deren Geschichten sie erzählen.
Giacomo Puccinis Werk ist Adaptionen gegenüber alles andere als fremd – und in seiner „La Bohème“ fand Jonathan Larson die Inspiration für „Rent“: ein Rockmusical im Manhattan der 90er, vor dem Hintergrund von Armut, Drogenabhängigkeit, Krankheit und Bohème-Leben. Ross Hunter bietet einen düsteren, innerlich zerrissenen Roger Davis, einen Musiker und HIV-Positiven, der sich vornimmt, noch einen grossen Song zu schreiben, bevor er stirbt. Mimi (Philippa Stefani), Rogers Liebe, ist Tänzerin, ebenfalls HIV-positiv und drogenabhängig. Mark ist Rogers Mitbewohner, angehender Filmemacher und Erzähler des Stücks – einnehmend gespielt von Billy Cullum. Dann ist da die Performance-Künstlerin und Marks Ex-Freundin Maureen (Lucie Jones), die ihn für Joanne (Shanay Holmes) verlassen hat – eine Anwältin. Und schliesslich Angel (Layton Williams), Drag Queen und AIDS-Patient, der sich in Tom Collins (Ryan O’Gorman) verliebt, der an derselben Krankheit leidet.
Shanay Holmes als Joanne und Lucie Jones als Maureen in Rent. Foto: Matt Crockett „Rent“ ist eine beeindruckende Abfolge mutiger, stimmlicher Kunststücke – besonders bei Jones und Holmes in „Take Me or Leave Me“ sowie bei Ross Hunter, der es locker mit Bon Jovi aufnehmen könnte. Doch Layton Williams als Angel ist die Definition von perfektem Casting, und man sieht ihn mühelos in ein Paar Kinky Boots schlüpfen. Die Chemie zwischen Williams und dem durch und durch liebenswerten Ryan O’Gorman als Tom Collins ist berührend echt; ihr Duett „I’ll Cover You“ gehört zu meinen Lieblingsmomenten. Ein grosses Lob gebührt Philippa Stefani, besonders in der zweiten Hälfte der Show: Sie gibt sich Mimi ganz hin und wird überwältigend verletzlich – eine wahrhaft gebrochene Seele. Stefanis „Goodbye, Love“ ist aufrichtig und unheimlich eindringlich und raubte mir buchstäblich den Atem; die Ader an meiner Schläfe pochte, während ich vergeblich versuchte, nicht mit ihr loszuweinen. Besonders angetan war ich auch von der enorm vielseitigen Jenny O’Leary, die ein bejubelnswertes Solo in „Seasons of Love“ sang und zudem als schlagfertige „Mom“ sowie als abgebrühte Mantelverkäuferin zu sehen war.
Layton Williams als Angel. Foto: Matt Crockett Lee Prouds Choreografie ist aggressiv und voller Tatendrang – von der feurigen Titelszene und „Tango Maureen“ bis zu Angels verspieltem „Today 4 U“ (das Layton Williams mit frecher Lässigkeit und graziler Selbstverständlichkeit auf Plateauschuhen ausführt – besser, als ich in flachen Schuhen überhaupt stillstehen könnte). Die Musik ist ebenso berauschend, die Texte ebenso erschütternd wie beim ersten Hören: „I'm used to relying on intellect,“ singen sie in „Life Support“, „But I try to open up to what I don't know, because reason says, I should have died three years ago“ – selbst mir lief es eiskalt über den Rücken. „Will I?“ war für mich schon immer eine der berührendsten Nummern der Partitur – eine Kanonade von Charakter-Monologen, die persönliche Kämpfe mit Krankheit und dem Leben unter so harten Bedingungen offenlegt, zugleich aber auch das Thema psychische Gesundheit streift: wie verletzlich wir werden können durch das ständige Dröhnen in unseren Köpfen und den endlosen Kreislauf der „Was-wäre-wenns“.
Das Ensemble von Rent. Foto: Matt Crockett Für das Publikum – ganz zu schweigen von den Figuren – ist die Reise eine emotionale Achterbahnfahrt: In einem Moment jubeln wir, wenn Maureen ihren energiegeladenen Protest performt, und feiern „La Vie Bohème“, und im nächsten hallt das Theater vom Klang des Herzschmerzes wider, wenn Collins den sterbenden Angel in den Armen hält und Mimi der Krankheit erliegt. Und doch: Es ist eine Reise, die ich immer wieder antreten würde. „Rent“ ist rau, geladen mit Verzweiflung und Kampfgeist, aber vor allem – es wirkt ernüchternd. Wir werden daran erinnert, dass Jonathan Larson, ein gesunder junger Mann kurz vor dem Durchbruch, an einem Aortenaneurysma starb – in der Nacht vor der ersten öffentlichen Aufführung seiner Show. Umso passender ist es, dass sein „Rent“ uns ermutigt, im Jetzt zu leben und laut zu singen: „No day but today.“
„Rent“ ist im St James Theatre bis zum 28. Januar 2017 zu sehen, bevor die UK-Tour bis Juni weitergeht.
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Philippa Stefani als Mimi und Ross Hunter als Roger in Rent. Foto: Matt Crockett
Layton Williams als Angel in Rent. Foto: Matt Crockett
Layton Williams als Angel in Rent. Foto: Matt Crockett
Das Ensemble von Rent. Foto: Matt Crockett
Das Ensemble von Rent. Foto: Matt Crockett
Philippa Stefani als Mimi und Ross Hunter als Roger in Rent. Foto: Matt Crockett
Billy Cullum als Mark und Ross Hunter als Roger in Rent. Foto: Matt Crockett
Philippa Stefani als Mimi und Ross Hunter als Roger in Rent. Foto: Matt Crockett
Lucie Jones als Maureen. Foto: Matt Crockett
Layton Williams als Angel in Rent. Foto: Matt Crockett
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