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REZENSION: Das Bildnis des Dorian Gray, gestreamt vom Barn Theatre ✭✭✭
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Von
garystringer
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Gary Stringer rezensiert Das Bildnis des Dorian Gray, präsentiert und online gestreamt vom Barn Theatre Cirencester und weiteren Partnern.
Fionn Whitehead Das Bildnis des Dorian Gray
Barn Theatre, Cirencester, und weitere, online
Drei Sterne
Als einer der ursprünglichen „Influencer“ würde Oscar Wilde sich zweifellos freuen, dass seine skandalumwitterte Moralerzählung Das Bildnis des Dorian Gray uns weiterhin fasziniert. Das Kreativteam hinter dem von der Kritik gefeierten What a Carve Up! – Autor Henry Filloux-Bennett und Regisseurin Tamara Harvey – hat die Geschichte in die Covid-Zeit geholt: mit Strampeln und Schreien, oder eher mit Twittern und Streamen.
Die Herausforderungen des Social Distancing bedeuten, dass diese neue, vorab aufgezeichnete Adaption zwangsläufig eine einfallsreiche Produktion ist. Mit einer Reihe von Multimedia-Elementen wird Oscars Geschichte über Ästhetik statt Ethik konsequent in die Gegenwart geholt. Das Produktionsteam leistet ganze Arbeit: beeindruckende Bühnenbilder und Kostüme von Holly Pigott; dazu Benjamins Collins’ Kameraarbeit sowie Sounddesign und Originalmusik von Harry Smith, die dem Ganzen eine filmische Anmutung verleihen. Es gibt zahlreiche kluge, mal subtile, mal weniger subtile Verweise auf die Theatralität des Stücks – und darauf, wie weit es vom gewohnten Live-Erlebnis eines Theaterabends entfernt ist.
Alfred Enoch
Unser Antiheld Dorian wird von Fionn Whitehead mit dem nötigen Charme gespielt – wenn auch mit etwas zu wenig Bedrohlichkeit. Hier ist er als Student dargestellt, der mitten in einer globalen Pandemie mit dem Druck des Lockdown-Alltags zurechtkommen muss. Gleichzeitig – wie so viele junge Menschen – sucht er seinen Platz in einer digitalen Welt der Sofortbefriedigung und versucht herauszufinden, wer er ist und wofür er steht, in einem Zeitalter von Hashtags und Clickbait. Der gefeierte Dorian steht im Zentrum eines emotionalen Tauziehens zwischen dem oberflächlich geschniegelt-dandyesken Harry Wotton – hervorragend: Alfred Enoch – und Russell Toveys Basil Hallward, nun ein Softwareentwickler, der von Wahrheiten eingeengt wird, die er nicht wahrhaben kann oder will. Weitere Versuchung und Turbulenz bringt Sibyl Vane ins Spiel, von Emma McDonald brillant mit Ambition und Naivität zugleich verkörpert. Sibyl bekommt in der schlanken Laufzeit allerdings wenig Raum – was wiederum die Launenhaftigkeit von Dorians Zuneigung und von Ruhm überhaupt unterstreicht. So manche Reality-TV-Persönlichkeit dürfte mit ihrem Schicksal sympathisieren.
Ebenfalls etwas unterversorgt sind die beiden „National Treasures“, die das Ensemble komplettieren. Stephen Fry hat als Interviewer nur wenig zu tun, während Joanna Lumley als Caroline Narborough eine verpasste Chance ist, die Sehnsüchte einer Person jenseits der jugendfixierten Social-Media-Demografie zu zeigen. Dass sie unbedingt Teil dieser schönen neuen digitalen Welt sein möchte, wird zwar angedeutet, aber nicht konsequent weitergedacht.
Joanna Lumley
Dorians Abstieg in seine eigene digitale Finsternis wirft eine ganze Reihe zeitgenössischer Themen auf – und genau hier gerät die Produktion unter die Last ihrer hohen Ansprüche. Die 24/7-Allgegenwart unseres permanent vernetzten Lebens, Einsamkeit, mangelnde Privatsphäre, Cybermobbing, FOMO usw. werden alle gestreift – als Fäden in einem dunklen Netz, das dann auch noch Fake News, Verschwörungserzählungen, die zunehmend spaltende Natur unserer Medien, Einvernehmlichkeit und sexuellen Missbrauch verhandeln will. Das ist sehr viel Stoff; manches wirkt dabei mit dem Holzhammer und lenkt von den starken Leistungen ab.
Wildes Original erzählt mit ernster Wahrhaftigkeit von unserer Besessenheit von Jugend und Schönheit und von der Angst, alt und überflüssig zu werden. Unser digitales Zeitalter ist die ideale Bühne, um diese universellen Fragen zu verhandeln – und diese fesselnde Produktion versucht genau das. Doch trotz eines beeindruckenden Ensembles fällt sie, wie Dorian selbst, ihrer Überambition zum Opfer: Die Kernbotschaft verwässert. Vielleicht gilt wie bei Social Media insgesamt: Weniger ist oft mehr.
Das Bildnis des Dorian Gray ist eine Zusammenarbeit von Theatern in England und Wales, angeführt vom Barn Theatre in Cirencester, dem Lawrence Batley Theatre in Huddersfield, dem New Wolsey Theatre in Ipswich, dem Oxford Playhouse und Theatr Clwyd. Online zu sehen vom 16. bis 31. März. Tickets unter pictureofdoriangray.com.
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