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KRITIK: Die Zeit ist Liebe oder Tiempo Es Amor, Finborough Theatre London ✭✭✭✭
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markludmon
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Mark Ludmon bespricht Time is Love von Autor/Regisseur Ché Walker, derzeit im Finborough Theatre zu sehen.
Cary Crankston und Jessica Ledon in Time Is Love. Foto: DWGH Photos. Time is Love / Tiempo Es Amor
Finborough Theatre, London
Vier Sterne
Tickets buchen In der Pressearbeit hat Autor und Regisseur Ché Walker sein jüngstes Stück Time Is Love / Tiempo Es Amor als inspiriert von Shakespeares Othello und der Frage beschrieben: „Was, wenn Desdemona schuldig wäre?“ Doch es ist weit mehr als das. Nach der Premiere in Los Angeles im vergangenen Jahr ist diese Geschichte von Liebe und Verrat in der Unterwelt der Stadt nun für ihre Europa-Premiere ins Finborough gekommen. Die Handlung ist ausdrücklich im Jahr 2019 verortet und konzentriert sich auf die Beziehung zwischen Blaz, einem Kleinkriminellen, der gerade drei Jahre im Gefängnis verbracht hat, und seiner langjährigen Freundin Havana, die – anders als Desdemona – in seiner Abwesenheit nicht gerade treu gewesen ist. Zugleich versucht Blaz, die brüderliche Verbundenheit zwischen sich und seinem besten Freund Karl zu kitten, der aus Angst vom Tatort geflohen ist – jener Tat, die zu Blaz’ Verhaftung führte.
Gabriel Akuwudike und Benjamin Crawley in Time Is Love. Foto: DWGH Photos
Mit niedrigen Einkommen in einer Welt aus Pistolen und Messern leben die Figuren ohnehin im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und des Älterwerdens. Hinweise auf ihre gemeinsame Kindheit lassen verlorenes Potenzial und eine Unschuld erahnen, die durch Umfeld und schlechte Entscheidungen zerstört wurde. Als Teil einer Reihe von Gegensätzen, in deren Zentrum Liebe und Verrat stehen, etabliert Walker ein wiederkehrendes Motiv: tiefe, bedeutungsvolle Liebe im Vergleich zu einer körperlicheren, sinnlichen Anziehung. Sprache und Bildwelt des Stücks durchziehen diese urbane Welt mit Spiritualität – mit Verweisen auf Sünde, Beichte und Verwandlung –, was umso schärfer kontrastiert mit der gottlosen Kampfzone, in der sie leben.
Auf Basis von Recherche und eigener Erfahrung als Bewohner von Los Angeles geht Walker über bloße Chiffren hinaus und zeichnet Latino-Lebenswelten, indem er vielschichtige Figuren schafft, angetrieben vom Bedürfnis nach Liebe. Mitunter wirkt die Regie etwas steif und verliert zwischen den Szenen kurzzeitig an Schwung, doch dank einiger hervorragender Darstellerleistungen, der poetischen Sprache und einer atmosphärischen musikalischen Klanglandschaft von Sheila Atim geht das Konzept auf.
Jessica Ledon und Benjamin Cawley in Time Is Love. Foto: DWGH Photos.
In einer herausragenden Leistung spielt Atim außerdem Rosa, eine Lapdancerin, die mit ihrem eigenen Verlust und dem Bedürfnis nach Liebe ringt. Sasha Frost glänzt ebenso als Serena, eine abgeklärte Sexarbeiterin, deren Wärme und unverstellte Ehrlichkeit zum Vorschein kommen, sobald sie ihre Perücke abstreift. Mit zurückhaltender Schlichtheit übernimmt Jessica Ledon erneut die Rolle der Havana, die sie in LA kreiert hat – an der Seite von Gabriel Akuwudike und Benjamin Cawley, die Blaz und Karl eine verletzliche Männlichkeit verleihen. Cary Crankston ist charismatisch als Seamus, ein raubtierhafter Polizist, getrieben von seinen eigenen sinnlichen Begierden.
Sheila Atim in Time Is Love. Foto: DWGH Photos
Zusätzliche Körperlichkeit entsteht durch den Einsatz von Bewegung, choreografiert von Jonny Vieco, die das Bedürfnis der Figuren nach sinnlicher Leidenschaft spiegelt. Ergänzt wird das Geschehen durch Chai Rolfes Video, das regelmäßig eine gefilmte Version dessen zeigt, was auf der Bühne passiert – jedoch um ein paar Sekunden voraus – und so eine unwiderstehliche Unausweichlichkeit des Geschehens andeutet. Walkers raue, oft lyrische Sprache wird gelegentlich von Passagen auf Spanisch durchbrochen, meist dann, wenn die Emotionen hochkochen. Auch wenn mir vieles davon im umgangssprachlichen europäischen Spanisch nicht geläufig ist, unterstreicht es, dass dieses Drama Amor und Pasión jenseits bloßer Worte erkundet.
Läuft bis 26. Januar 2019
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