NACHRICHTEN-TICKER
REZENSION: Die Farbe Lila zu Hause, Curve Leicester ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
18. Februar 2021
Von
Ray Rackham
Ray Rackham rezensiert die Online-Musicalproduktion von The Color Purple at Home, präsentiert vom Curve Leicester.
Das Ensemble von The Color Purple at Home. Foto: Pamela Raith
The Color Purple at Home
Online-Stream
Curve Leicester
5 Sterne
Eine Reihe vertikaler Bühnenleuchten ragt über einer versammelten Gruppe von Zeug*innen empor; in unmittelbarer, freudiger Harmonie legen sie eine Vergangenheit offen, die die Welt am liebsten vergessen hätte – in Marsha Norman, Brenda Russell, Allee Willis & Stephen Brays verblüffend zeitgemässem Musical The Color Purple. Es ist ein Sonntagmorgen, und das Ensemble, das diese Welt bevölkert, lässt uns wissen, wo wir sind und warum. Wir wissen, dass diese Geschichte Celies Geschichte sein wird (T’Shan Williams in einer majestätisch fesselnden Darstellung). Wir wissen, dass uns das Ensemble mit grosser Souveränität durch die Jahre und Tragödien tragen wird, die eine marginalisierte, brutal behandelte und oft hoffnungslose Community treffen. Wir wissen, dass das Stück nicht nur den schwarzen Kampf ohne Scheu und ohne Entschuldigung sichtbar macht, sondern auch schwarzes Leben mit Freude und Überschwang feiert. Am wichtigsten jedoch werden wir, während sich die Ereignisse entfalten, ganz subtil daran erinnert, wie bedeutsam diese Geschichte weiterhin ist.
T'Shan Williams (Celie), Ako Mitchell (Mister) und Danielle Fiamanya (Nettie). Foto: Pamela Raith.
Nach der grossartigen Weihnachtsproduktion von Sunset Boulevard – einem Musical, das für diese neue Welt des Theater-Streamings wie aufgefrischt und neu gedacht wirkte – ist es erstaunlich festzustellen, dass das Curve mit The Color Purple das scheinbar Unmögliche geschafft hat: Es hat sich noch einmal gesteigert. Eine kluge Kameraführung fängt den beinahe greifbaren Dunst ein, den man sonst nur im Live-Theater erwartet, während die Lichttürme (Ben Cracknells intuitives Design) einen körperlich spürbaren Spielraum rahmen. Dass das Ensemble knapp ausserhalb der Drehbühne bleibt, aber trotzig weiterhin im Bild, wirkt dabei fast wie eine Erweiterung von uns, dem Publikum.
Danielle Fiamanya als Nettie. Foto: Pamela Raith
Tom Marshalls Sounddesign – mit pulsierenden Echos von Grillen, Vogelgesang und Kinderlachen – verleiht dem Abend eine unheimliche Authentizität und verschmilzt erneut die Mittel von Theater und Kino. Es werden keine zusätzlichen Schichten aufgetragen, um die Nähte des Live-Streamings zu kaschieren: Wir sehen Kamera-Operator*innen Seite an Seite mit den Darsteller*innen, prächtig gekleidet in Alex Lowdes sepiafarbene Kostüme, die Zeit und Ort verankern – mit Farbtupfern, die Figuren hervorheben. Projektionen und Overlays dienen nicht dazu, das Drumherum eines arbeitenden Theaters zu verbergen, sondern seine Existenz zu betonen. Diese Version von The Color Purple ist ein kreativer und technischer Triumph – eine Verbindung aus Klasse, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit aus jeder Abteilung. Tinuke Craigs Platz ist damit als führende Regisseurin für diese Art von Theater gesichert: Sie steuert ein gestreamtes Musical, das man womöglich kaum je besser machen wird.
T'Shan Williams (Celie) und Carly Mercedes Dyer (Shug). Foto: Pamela Raith
Der Erfolg von The Color Purple beruht zu einem grossen Teil auf den Fähigkeiten seiner Besetzung – und in diesem Fall ist das Ensemble durchweg und überwältigend gut. Von Carly Mercedes Dyers packend starker, zutiefst menschlicher Shug Avery bis zu Karen Mavundukures verzweifelter, widerstandsfähiger und schmerzhaft roher Sofia: Das Musical setzt ganz klar auf die Kraft von Weiblichkeit – und bleibt damit Alice Walkers Roman treu. Danielle Fiamanyas entrückte Nettie erkundet schwarzes Leben jenseits der beengenden Grenzen des Deep South und führt zu Beginn des zweiten Aktes das Ensemble in einem atemberaubenden, showstoppenden „Africa“ an. Doch auch Ako Mitchells Mister verdient besondere Beachtung: Seine Verwandlung führt ihn weg von einer Willy-Loman-artigen Karikatur hin zu einem voll ausgearbeiteten Bestandteil dieses musikalischen Gewebes – und fügt dem Stück eine wunderschöne Ebene hinzu, am deutlichsten ab seinem tour de force „Mister Song“ im zweiten Akt. Aber die Show gehört Williams, deren unvergleichliche Celie präzise gestaltet, entblösst und gesungen ist; jedes beiseite gesprochene Wort durch das Kameraobjektiv direkt an uns gerichtet – eine elektrisierende Erinnerung an ihr Handwerk; jede Note getragen vom Schmerz einer Frau, die von der Gesellschaft, in der sie gefangen ist, zurechtgewiesen wird und sich doch weigert, sich brechen zu lassen. Um den Song „I’m Here“ wird stets viel Aufhebens gemacht – umso schöner ist es zu erleben, wie Williams ihn ganz zu ihrem eigenen macht.
Das Ensemble von The Color Purple at Home. Foto: Pamela Raith
Das Stück trifft mit voller emotionaler Wucht – auch aufgrund dessen, was mit dem Theater, der Welt und unseren einzelnen Communities passiert ist, seit wir es zuletzt besucht haben. Celies Reise legt sich mit geschärfter Dringlichkeit offen, während wir die Themen Gemeinschaft, Angst, Resignation und Isolation nach 2020 erkunden. Im Kern greift Craigs Produktion auf die Traditionen der Sklaverei im Süden zurück – mit all ihrer bösen Misogynie und ihrem brutalen Rassismus. Sie verhandelt geschickt jenes Amerika, das die Welt lieber als unbequeme Folklore wegdrücken würde, und hält seiner erschütternden Hinterlassenschaft heute, morgen und so lange den Spiegel vor, bis wir endlich wirklich zuhören. Bei einer so starken Partitur (Alex Parker in Hochform als Musical Director) fällt es schwer, nicht zuzuhören – und mehr noch, nicht nachzudenken, und zwar gründlich. Während 2021 weiterhin eine Fülle an Online-Inhalten liefert, verliert man leicht aus dem Blick, welche Kraft Kunst haben kann: den Blick zu verändern und Handeln zu mobilisieren. Wenn dieses Ensemble singt „rising like the sun is the hope that sets us free“, gönnen Sie sich unbedingt diese Erinnerung. Sie ist wichtig.
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