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REZENSION: A Monster Calls, Old Vic Online ✭✭✭✭
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Von
pauldavies
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Paul T Davies rezensiert „A Monster Calls“, basierend auf Patrick Ness’ Roman – jetzt online über die Website des Old Vic verfügbar.
„A Monster Calls“ „A Monster Calls“. Old Vic Theatre, Streaming bis 11. Juni 4 Sterne Online ansehen Wir alle trauern. Um Menschen, Freund*innen und Angehörige, um Routinen, die wir als selbstverständlich genommen haben, um Bewegungsfreiheit, um das Leben, das wir vor der Pandemie geführt haben. Es gibt Dinge, zu denen wir nicht zurückkehren möchten – und wir trauern darüber, dass wir womöglich zu dem zurückkehren, was nicht gelernt oder nicht repariert wurde. Umso mutiger also vom Old Vic, seine gefeierte Produktion von „A Monster Calls“ in Zusammenarbeit mit dem Bristol Old Vic zu streamen: ein kraftvolles Stück nach Patrick Ness’ Roman – eine Betrachtung über Liebe, Verlust und vor allem über Loslassen und Heilung. Der dreizehnjährige Conor und seine Mum kommen seit dem Umzug seines Vaters nach Amerika eigentlich gut zurecht, doch nun ist sie sehr krank (von Krebs ist nie die Rede, aber es wird angedeutet), und seine Gran, zu der er ein schwieriges Verhältnis hat, muss sich in seine Betreuung einschalten. Jede Nacht um 12.07 Uhr wird er vom Monster besucht, das im Eibenbaum am Ende des Gartens wohnt und ihm drei Geschichten aus der Zeit erzählt, als es noch über die Erde wandelte. Sind sie erzählt, muss Conor seine eigene Geschichte erzählen – und sich seinen dunkelsten Ängsten stellen.
Regisseurin Sally Cookson bringt ihren unverwechselbaren Stil mit gewohnt visionärem Gespür auf die Bühne; entwickelt wurde das Stück gemeinsam mit dem Ensemble, das als nahtloses Kollektiv arbeitet und das Chaos von Conors Welt entstehen lässt. Im Zentrum steht eine wunderbare Leistung von Matthew Tennyson, der Conors Isolation, Wut und Verletzlichkeit perfekt einfängt. Eine außerordentlich bewegende Darstellung. Auch visuell ist die Produktion atemberaubend: Dicke Taue formen den Eibenbaum, Stamm und Äste schwingen und kündigen das Erscheinen von Stuart Goodwins ambivalentem Monster an – oberkörperfrei, mit einer Kette aus Beeren. Er ist der Green Man: vital und dominant, zugleich aber – in den Schlussmomenten des Stücks – gütig und vermenschlichend. (Es ist eine Erleichterung, dass die Produktion so beeindruckend aussieht, denn beim Ton hatte ich Schwierigkeiten: Ich musste die Lautstärke am Fernseher deutlich erhöhen, um jede Zeile zu verstehen. Der Mitschnitt ist außerdem überwiegend im Breitbildformat aufgenommen; ein paar Nahaufnahmen hätten uns noch tiefer ins Herz der Geschichte geführt.)
Das Ensemble von „A Monster Calls“. Foto: Manuel Harlan
Die Geschichte – und die Inszenierung – lässt sich Zeit, ihre Ebenen aufzubauen; die Gleichnisse, die der Eibenbaum erzählt, erschließen sich erst in der zweiten Hälfte, doch dranzubleiben lohnt sich sehr. Trotz des sensiblen Themas weichen die Fantasyelemente der Realität von Conors Lage nicht aus – besonders in einer überwältigenden Sequenz, in der Conor das Haus seiner Großmutter verwüstet und sie nach einer emotional extrem belastenden Schicht mit ihrer Tochter im Krankenhaus nach Hause kommt und vor Trauer aufschreit. Das Pendel ihrer geerbten Standuhr wird dabei wie eine Abrissbirne eingesetzt und vermittelt eindrucksvoll die Turbulenzen in Conors Innerem. Die letzten etwa zehn Minuten sind ein theatraler Triumph: Conor stellt sich seiner größten Angst, und das Monster hält ihn nun – ein tröstendes Wesen, das ihn die letzten Schritte bis 12.07 Uhr begleitet. Vielleicht war es ganz gut, dass ich es nicht im Theater gesehen habe, denn ich habe offen geweint: ungemein bewegend und sehr behutsam erzählt. Der Satz „Dein Verstand wird tröstliche Lügen glauben und zugleich die schmerzhaften Wahrheiten kennen, die diese Lügen notwendig machen“ macht diese Inszenierung zu einem Stück für unsere Pandemiezeiten. Ein beeindruckendes, wunderschön berührendes Werk.
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