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KRITIK: Ear For Eye, Royal Court Theatre ✭✭✭✭
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Von
markludmon
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Mark Ludmon bespricht Debbie Tucker Greens neues Stück Ear For Eye am Royal Court
Das Ensemble von Ear For Eye. Foto: Stephen CumminskeyEar For Eye
Royal Court, London
Vier Sterne
Als weisser, privilegierter Mann habe ich keine Erfahrung damit, in einer Welt zu leben, in der die Farbe meiner Haut bedeutet, dass ich deutlich eher Gefahr laufe, von der Polizei angehalten zu werden oder generell wie ein Krimineller behandelt zu werden. Den neuesten Daten zufolge werden schwarze Menschen in Grossbritannien dreimal so häufig festgenommen wie weisse Menschen und viermal so häufig wird von der Polizei Gewalt gegen sie angewendet. Angesichts erschütternder, immer wiederkehrender Fälle von Polizeigewalt in den USA gegen Afroamerikaner*innen, die mitunter dazu führen, dass unbewaffnete Männer erschossen werden, versucht Debbie Tucker Green, einen Teil dieser Ungerechtigkeit und Wut in ihrem neuen Stück Ear For Eye einzufangen. Es macht deutlich, dass es Fortschritte gegeben hat – aber bei Weitem nicht genug.
Lashana Lynch und Demetri Goritsas in Ear For Eye. Foto: Stephen Cumminskey
Mit einer Laufzeit von über zwei Stunden ohne Pause ist es ein eindringlicher, unerbittlicher Aufschrei des Protests. In drei Teile gegliedert, ist der Mittelteil der naturalistischste: Ein weisser Mann und eine schwarze Frau sezieren die Vorurteile und Annahmen über die Täter von Massenerschiessungen in den USA – je nach Hautfarbe und Herkunft. Brillant geschrieben und mit bitterdunklem Humor zieht es uns hinein in die wachsende Frustration der Frau (gespielt von Lashana Lynch) über die Arroganz und die ständigen Unterbrechungen des weissen Psychologen (gespielt von Demetri Goritsas).
Dem geht ein langer Auftakt voraus, der aus einer Reihe von Szenen besteht – voller bewusster Wiederholungen –, die die Erfahrungen schwarzer Männer und Frauen auf beiden Seiten des Atlantiks offenlegen, oft nahezu identisch: vom Umgang mit Polizeigewalt bis zur Teilnahme an Demonstrationen. In einer beklemmend komischen Szene erklärt eine Mutter ihrem Sohn, dass es für eine schwarze Person buchstäblich keine Geste gibt, die ein*e Polizist*in nicht als feindselig deuten könnte – was im Publikum hörbare Zeichen des Wiedererkennens auslöste. Aus dem durchweg hervorragenden 16-köpfigen Ensemble einzelne herauszugreifen, fällt schwer, daher nenne ich sie alle: Hayden McLean, Sarah Quist, Angela Wynter, Michelle Greenidge, Nicholas Pinnock, Tosin Cole, Seroca Davis, Shaniqua Okwok, Faz Singhateh, Jamal Ajala, Anita Reynolds, George Eggay, Kayla Meikle und Eric Kofi Abrefa.
Angela Wynter, Hayden McLean, Anita Reynolds, Seroca Davis in Ear For Eye. Foto: Stephen Cumminskey
Die ersten beiden Teile, in der Gegenwart angesiedelt, werden durch einen Kurzfilm historisch eingerahmt, der – wie der Rest des Stücks – von Debbie Tucker Green geschrieben und inszeniert wurde. Er zeigt weisse Amerikaner*innen, darunter Kinder, die die Jim-Crow-Gesetze der Bundesstaaten vorlesen, welche im 20. Jahrhundert die rassistische Segregation in den USA festschrieben – einige davon noch aus dem Jahr 1956. Sie trennten weisse und schwarze Menschen in allen Lebensbereichen: von Krankenhäusern und Schulen bis hin zu Restaurants und Friedhöfen. Doch auch Grossbritannien kommt nicht ungeschoren davon: Der Film zeigt zudem weisse Brit*innen, die Sklavencodes vorlesen, die im kolonialen Jamaika bis ins 19. Jahrhundert bestanden und schwarzen Menschen Besitz und Handel untersagten sowie ungleich brutalere Strafen verhängten als für weisse Menschen. Das erinnert uns daran, dass Rassismus in den USA noch vor gerade einmal 50 Jahren gesetzlich verankert war – und zugleich daran, dass seit den jamaikanischen Sklavencodes noch viel mehr Zeit vergangen ist, was nahelegt: Zeit ist keine Entschuldigung.
Shaniqua Okwok, Seroca Davis und Kayla Meikle in Ear For Eye. Foto: Stephen Cumminskey
Das Bühnenbild von Merle Hensel ist minimal, mit kluger Beleuchtung von Christopher Shutt, beginnt jedoch mit einer eindrucksvollen Glasbox, die das schwarze Ensemble einschliesst und sie in einer Wolke aus weissem Nebel nur schemenhaft sichtbar macht. Doch dies ist nicht nur ein Proteststück. Die Figuren mögen keine Namen haben, aber sie werden angetrieben von dem Bedürfnis, ihre Identität zu behaupten, zu sagen: „Ich war hier.“ Unter der Regie von Debbie Tucker Green selbst ist dieses kraftvolle, herausfordernde Drama ein dringender, ungeduldiger Ruf nach Veränderung.
Zu sehen bis zum 24. November 2018.
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