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KRITIK: Pinter Sechs, Harold Pinter Theater London ✭✭✭✭
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pauldavies
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Paul T Davies rezensiert Pinter Six, derzeit im Harold Pinter Theatre zu sehen, im Rahmen der Spielzeit Pinter at the Pinter.
Das Ensemble von Pinter Six. Foto: Marc Brenner Pinter Six Das Harold Pinter Theatre.
4. Januar 2019
4 Sterne
Zwei Dinnerpartys aus der Hölle – oder zumindest spielt sich die Hölle draussen in der Gesellschaft ab. Pinter 6 ist ein Doppelabend gesellschaftlicher Anlässe, die Klasse und Snobismus entlarven – gespielt von einem herausragenden Ensemble. Kein Wunder, dass in dieser Spielzeit so viele exzellente Schauspieler:innen aufgetreten sind: Pinter gibt ihnen enorm viel Material.
Das Ensemble von Pinter Six. Foto: Marc Brenner
In Party Time (1991) sind wir zurück in den höchsten Kreisen der Gesellschaft – einem offensichtlich hoch angesehenen Milieu. Doch die Gäste mussten sich erst durch die Strassen kämpfen: Dame Melissa (Celia Imrie) beklagt, sie habe durch „so etwas wie eine Strassensperre“ gemusst. Unabhängig von der Lage muss Terry (John Simm) gemeinsam mit Gavin (Phil Davis) stets die Oberhand behalten – und Liz (Katherine Kingsley) sowie Charlotte (Tracy-Ann Obermann) sorgen für das weibliche Gegenstück. Douglas (Ron Cook) und Fred (Gary Kemp) wissen, wie man ein Land mit eiserner Faust regiert; beiläufige Misogynie und Sexismus sitzen fest im Sattel. Das Ensemble ist grossartig – und Pinter lässt einem das Lachen oft im Mund gefrieren. Damals schrieb er noch über die Hooray Henrys der Thatcher-Ära, doch ihre Gespräche wirken heute umso treffender und verstörender. Durch das Stück hindurch fragt Dusty (Eleanor Matsuura), was mit ihrem Bruder Jimmy geschehen sei – und jedes Mal wird sie abgewürgt, ebenso wie jede Erwähnung von Tod.
Ron Cook und Celia Imrie in Pinter Six. Foto: Marc Brenner
In Jamie Lloyds schnörkelloser Inszenierung und Soutra Gilmours Bühnenbild springt immer wieder eine Tür einen Spalt auf, und ein Lichtstrahl dringt herein. Doch es ist nicht Hoffnung, die die Dunkelheit durchbricht, sondern Jimmy – ein angeketteter, schlurfender Bärenmensch, grandios gespielt von Abraham Popoola: ein Mann, den Leute wie Gavin von der Strasse zusammengetrieben haben. Er ist Caliban, in seiner eigenen Welt gefesselt von Kräften, die ihn niederhalten können. Die Arbeit, die in Pinter 1 zu sehen war, stellte bereits eine starke Verbindung zum politischen Protest her – und dieser Faden wird hier weitergeführt. Zusätzlich erhält das Ganze einen starken Kontext durch eine elektronische Version von Händels Sarabande, die an die klassische Elektronik des Soundtracks von Uhrwerk Orange erinnert.
Abraham Popoola in Pinter Six. Foto: Marc Brenner
Pinters letztes Stück, Celebration (2000), war angeblich seine Antwort auf die Rüpelhaftigkeit einer Dinnergesellschaft am Nebentisch im The Ivy – „dem besten und teuersten Restaurant Londons“, wie es im Stück heisst. (Tatsächlich stellt The Ivy das Geschirr und die Tischware.) Ironischerweise ist es ausgerechnet sein letztes Stück, das für mich am stärksten gealtert ist. Vielleicht, weil TOWIE längst an den höchsten Tischen Platz genommen hat und der Schockeffekt dadurch geringer ausfällt; und weil es in einem so kurzen Stück kaum Figurenentwicklung gibt und man ihr trashiges Verhalten einfach so hinnehmen muss. Trotzdem ist das Ensemble hervorragend, besonders Celia Imrie und Tracy-Anne Oberman als die Schwestern Prue und Julie. Ihr Prahlen mit Sex und Geld wird durch existenzialistische Gedanken des Restaurantleiters Richard (Gary Kemp), der Kellnerin Sonia (Eleanor Matsuura) und vor allem des namenlosen Kellners durchlöchert. Abraham Popoola stiehlt auch hier erneut die Show: urkomisch mit seinen (wohl erfundenen) Anekdoten über seinen Grossvater – und am Ende faltet er aus einer Serviette ein kleines Boot und träumt von der Flucht: eine Geschichte von Migration und Exil.
Eleanor Matsuura, Tracy-Ann Oberman, Ron Cook und John Simm in Pinter Six. Foto: Marc Brenner
Das Stück ist durchzogen von exzellentem Humor und pointierten Einzeilern; besondere Erwähnung verdienen die Perücken und Kostüme – ein Festival aus Big Hair und goldenen Pailletten! Jamie Lloyds präzise Regie holt aus jeder Zeile, jeder Pause und jedem Beat von Pinters klassischen Texten das Maximum heraus.
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