NACHRICHTEN
REZENSION: The Toxic Avenger, Arts Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
julianeaves
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Mark Anderson als Toxie in The Toxic Avenger
Arts Theatre,
2. Oktober 2017
5 Sterne
Tickets buchen Größer als dieser Knaller geht’s kaum. Nach einem sensationellen Lauf im Southwark Playhouse und anschließend einem ausverkauften Erfolg beim Edinburgh Fringe bringen Katy Lipson für Aria Entertainment gemeinsam mit Derek Nicol und Paul Walden für Flying Entertainment ihre großartige Produktion dieser herrlich derben, fantastisch überdrehten und rundum beglückenden Show nun ins West End – und, wenn man nach der spontanen Standing Ovation von gestern Abend geht, wird sie dort auch noch eine ganze Weile bleiben. Aktuell ist eine zehnwöchige Spielserie angesetzt; die Tickets dürften also sehr schnell weg sein – also, was auch immer ihr tut: nicht mit dem Kauf warten.
Oscar Conlon-Morrey, Natalie Hope, Che Francis und Mark Anderson.
Für alle, die mit dem „Superhelden“-Genre nicht so vertraut sind, braucht es vielleicht ein paar kurze Infos zur Handlung. Basierend auf dem gleichnamigen Film von B-Movie-Maestro Lloyd Kaufman aus der Schmiede von Troma Studios befinden wir uns im super-gewöhnlichen Tromaville, New Jersey – der Müllkippe für all den Giftmüll aus Manhattan, dessen glitzernde Türme im Hintergrund von takis’ ökonomisch brillantem Bühnenbild zu sehen sind. Als Opfer der „Town Bullies“ (die erste von vielen Inkarnationen der Multirollen-Spieler Oscar Conlon-Morrey und Che Francis) wird der Super-Lauch Melvin (der hinreißende Mark Anderson) in ein Fass mit chemischem Schleim geworfen – und steigt daraus, verwandelt, als knallgrünes, kräftig bemuskeltes, fürchterlich entstelltes (aber auch, nun ja, priapisch aufgerüstetes) Monster wieder heraus, das fröhlich auf den Namen „Toxie“ hört. Auf der Suche nach einer „Rolle“ in der Welt – wie eben jene, die zu Monstern werden, sie sich zwangsläufig suchen – führt er einen Rachefeldzug gegen die „normale“ Welt, die ihn beschädigt hat: Zu den ersten Opfern gehören natürlich die Schläger, die erst blutig ausgenommen und in Stücke gerissen und anschließend geköpft werden. Und so geht es weiter, bis – notwendigerweise – die süße Stimme buchstäblich blinder Unschuld (Emma Salvos köstlich unbeholfene Bibliothekarin Sarah) seinen Zorn besänftigt und ihn auf einen Weg sinnvoller Weltverbesserung und Wohltätigkeit lenkt. Das ruft den Zorn der unerbittlichen Bürgermeisterin hervor (Natalie Hope, die zudem sensationell als Melvins/Toxies Mum doppelt), die gegen ihn und Sarah in den Krieg zieht – bis zum unvermeidlichen Showdown. Unterwegs bekommen wir ein ganzes Bündel wunderbar erdachter Figuren von Conlon-Morrey und Francis zu sehen, dazu ein paar überraschende Auftritte aus den Seiten – samt Meta-Einsatz der Bühnencrew (angeblich Peter Bindloss und Sophia Lewis), der mit verheerend komischer Wirkung ausgespielt wird. Das alles ist Joe Di Pietros inspiriertem Buch zu verdanken – und der punktgenauen Regie des immer weiter aufsteigenden Sterns am Regiehimmel: Benji Sperring.
Oscar Conlen-Morrey, Emma Salvo und Che Francis
Bitte, Leute: Wer unbedingt nach tiefen Wahrheiten und brennend wichtiger Gesellschaftskritik in Musical-Komödien suchen will (ausgerechnet dort!, ehrlich?) – das hier ist ganz klar für den Spaß gedacht. Haben wir das alle verstanden? Ich hoffe es sehr, denn draußen in der Welt passiert schon genug Grauenhaftes, ohne dass dann auch noch deprimierende Stimmen verlangen, wir sollten aus unseren Theatern jede Vision verbannen, in der das Gute tatsächlich über das Böse siegt, in der regelmäßig gesungen wird (hier zu Musik und Texten von Bon-Jovi-Mann David Bryan), in der es eine spritzige Choreografie gibt (hier von Lucie Pankhurst, in Bestform, die mit einer kleinen Besetzung wahre Wunder vollbringt – unterstützt von Paul Sanders), und wunderschönes Licht (Nick Farman) sowie tiefen, satten Sound (Andrew Johnson), die das Maximum aus der glänzend erweiterten Band von Musical Director Alex Beetschen herausholen (die – zusätzlich zu Beetschen an den Keys – aus Tom Coppin, Gitarre; Jack Reddick, Holz-/Blechbläser; Sam Pegg, E-Bass; Bob Carr, Drums besteht).
Oscar Conlen-Morrey, Natalie Hope und Che Francis
Das Buch ist witzig und respektlos und macht sich über viele Institutionen und Überzeugungen lustig, die in der Gesellschaft als heilig gelten; die Songs aber sind pures Rock’n’Roll – ein Titel nach dem anderen bringt den Fuß zum Wippen und den Körper zum sanften Mitschwingen, getragen von diesen ansteckenden Rhythmen. Ob mit der herrlich überzogenen „Jersey Girl“ der Bürgermeisterin oder Toxies exquisit ausgearbeitetem „Thank God She's Blind“ – so oder so wird diese Partitur euch finden, wo immer ihr seid, und euch mit ihrem Charme verführen. Ich habe die Show inzwischen dreimal gesehen, und ihre Anziehungskraft ist auch bei wiederholter Begegnung ungebrochen. Von wie vielen neuen Shows kann man das sagen? Eben. Das ist eine großartige neue Ergänzung für Londons Theaterlandschaft – und möge sie lange bleiben. Ich wäre nicht überrascht, wenn sie in ein größeres Haus wechselt. In dieser äußerst gelungenen, klug austarierten Umsetzung eines ausgesprochen gut geschriebenen Stücks gibt es keinen schwachen Bestandteil.
Mark Anderson und Emma Salvo Nachdem Sperring – Hand in Hand mit takis – den offenen Thrust-Raum im Southwark Playhouse bespielt hat, haben sie die Optik und den Charakter der Show nun auf die Guckkastenbühne und die frontale Spielweise im Arts zugeschnitten; am stärksten wirkt das Ergebnis in der zweiten Hälfte, wenn die Verbindung zum Publikum am intensivsten ist. Auch beim Text hat man sich erfreuliche Freiheiten gegönnt, und Di Pietro selbst war zur Stelle, um ein paar clevere Umarbeitungen abzusegnen. Wer weiß? Wenn alle sehen, wie gut sie funktionieren, könnten durchaus noch mehr dazukommen. Bis dahin gibt es hier genug zu genießen, um den Ticketpreis zu rechtfertigen. Also los – du hast es dir verdient. Gönn dir was!
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