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REZENSION: Apartment 40C, St James Studio ✭✭✭

Veröffentlicht am

10. April 2015

Von

timhochstrasser

Nova Skipp (Kathryn) und Peter Gerald (Edward) in Apartment 40c. Foto: Matthew Lees Apartment 40C

St James Studio

3 Sterne

Apartment 40C ist ein Musical in zwei Akten und dauert knapp unter zwei Stunden inklusive Pause. Ursprünglich entstand es als vielgelobte Produktion am London Theatre Workshop in Fulham Ende 2014 und wird nun – nach Überarbeitungen und mit neuem Material – ins St James Studio übernommen, den intimen, cabaret-grossen Spielort unter dem St James Theatre.

Die Handlung spielt an einem einzigen Abend in einem Hochhaus-Apartment in New York City. Die Wohnung wirkt deutlich bewohnt, abgenutzt und keineswegs geschniegelt für Besuch. Ein Haufen Bücher, Einkäufe, das Durcheinander eines Umzugs, ein bequemes Sofa zum Zusammenbrechen nach Feierabend und hastige Mahlzeiten aus einer schmalen Pantryküche zwischen Tür und Angel – all das setzt den Ton für ein geschäftiges, wenn auch nicht selten überfordertes Grossstadtleben, in dem Lärm, Gedränge und Stress der City stets ganz nah sind. Doch auch wenn in der Nähe vielleicht „noch hundert Leute“ „aus dem Zug ausgestiegen“ sind, fühlt sich das hier sofort deutlich rauer, weniger entspannt und kantiger an als Sondheims Company. Nach und nach bevölkern drei Paare mit ähnlichen Namen die Bühne und entfalten in einer Folge von Szenen und Songs ihre getrennten, am Ende jedoch miteinander verflochtenen Geschichten. Mal erscheinen die Paare gleichzeitig auf der Bühne, mal gemeinsam, mal nur einzeln. Wir wechseln von Dialog und Monolog zu Solo und Duett und schliesslich zum Ensemble. Die Paare decken Generationen ab – von den Youngsters Katie und Eddie (Alex Crossley und Alex James Ellison) über die jungen, mittelalten Berufstätigen Kate und Ed (Lizzie Wofford und JohnJo Flynn) bis zu Kathryn und Edward (Nova Skipp und Peter Gerald). Allmählich wird klar, dass die Paare in Wahrheit verschiedene Ausprägungen desselben Paares in unterschiedlichen Lebensphasen sind: Momentaufnahmen entscheidender Stationen ihres Lebens – und alle spielen sich in Apartment 40C ab.

Stilistisch und thematisch liegt dieses Musical nah bei jüngeren Erfolgen dieses Genres wie The Last Five Years und If/Then, erreicht deren Qualität in der vorliegenden Form jedoch nur phasenweise. Um zu verstehen, warum, hilft es vielleicht, sich die drei Mantras vor Augen zu halten, die Sondheim als Leitfaden fürs Schreiben von Musicaltheater nennt: „Content dictates Form“; „Less is more“; und „God is in the details“.

In der ersten Hinsicht gelingt dem Abend vieles sehr überzeugend. Das Konzept, eine Beziehung in solchen Momentaufnahmen zu betrachten, ist originell und bietet echten Spielraum, das Publikum mit allmählichen Enthüllungen zu ködern, die sich erst in der zweiten Hälfte vollständig fügen. Zudem funktionieren die Musiknummern gut als Verdichtung einzelner Stimmungen, Augenblicke und Reaktionen – und können später im Stück mit noch grösserer Wirkung wieder aufgegriffen werden. Diese Nummern bieten der starken Besetzung gute Möglichkeiten, Figuren mit Nuance und Subtilität zu entwickeln – und sie nutzt sie klug. Die ausgezeichnete Band aus Klavier, Violine und Cello passt ebenfalls hervorragend zum Format, zumal bei der Dominanz von Musik, die Elegie und sehnsüchtige Reue atmet, für die diese Besetzung besonders berührend ist.

Weniger überzeugend ist der Abend allerdings als Verkörperung von „less is more“. Es ist, um das Programmheft zu zitieren, ein Musical mit „viel Buch“ – und auch wenn die Dialoge scharf beobachtet und wirkungsvoll realistisch sein können, hat das Schattenseiten. Die schiere Länge der gesprochenen Szenen erweckt vor allem in der ersten Hälfte den Eindruck, man sähe ein Schauspiel mit beiläufiger Musik, statt ein Musical mit dem unvermeidlichen und bedeutungsvollen Auf und Ab zwischen Wort und Musik, in dem beides natürlicher Träger von Figur und Gefühl ist. Zudem ist vieles im Dialog weniger situationsbezogen als erklärend: Er liefert Beschreibungen und Hintergrund, die den dramatischen Impuls ausbremsen. Knappere, flinkere Szenen würden mehr Energie und Dynamik bringen – und uns stärker an die Figuren als Individuen glauben lassen und mit ihnen mitgehen.

Diese Wortlastigkeit wirkt sich auch auf die Musik aus. Ihr vorherrschender Ton und Verlauf ist eine arioso-Form in gemächlichem Schritttempo. Es gibt wenige Up-Tempo-Nummern, und oft wandert die Melodie zu den Instrumenten, weil die Sängerinnen und Sänger schlicht zu viele Worte unterbringen müssen. Die Melodien bleiben eher kurz, statt lange Bögen zu schlagen, weil so viel Text vertont werden muss. Eine konsequentere Vereinfachung von Inhalt und Information würde also auch den musikalischen Fluss stärken. Die zwingenden Musicalmomente, in denen diese einzigartige Alchemie aus Wort und Musik entsteht – wenn man spürt, dass ein Song, und genau dieser Song, für den Augenblick die einzig richtige Form ist –, sind schwer zu definieren, geschweige denn zu zerlegen. Aber das Zurücknehmen von Überkomplexität ist dafür sicher eine Voraussetzung.

Das zeigt sich besonders deutlich in den letzten zwanzig Minuten der Aufführung, wenn eine entscheidende Wendung die Aufmerksamkeit plötzlich bündelt und Dialog wie Musik in eine straffe, bewegende Schlusssequenz von roher Emotion führt – sodass man sich auf einmal fühlt, als sähe man ein anderes Stück. Die letzten drei Songs „Pocket Park“, „Time“ und „A Child“ sind sehr gelungen, zeigen, wozu dieses Kreativteam in Bestform fähig ist, und bestätigen das Format des Musicals insgesamt. Allen Beteiligten würde ich dringend empfehlen zu prüfen, wie sich ein wenig vom Zauberstaub dieser Schlusssequenz auch über die erste Hälfte streuen lässt.

Auch Sondheims letzte Beobachtung ist hier treffend. Es gibt viele fein ausgearbeitete Details in Spiel und stimmlicher Gestaltung – besonders gelungen ist etwa das geschickte Weiterreichen von Requisiten von einem Paar zum nächsten, wenn derselbe Gegenstand in verschiedenen Episoden eine Rolle spielt. Insgesamt muss die Produktion jedoch in ihrer aktuellen Spielstätte noch sicherer ankommen. Das Bühnenbild ist stellenweise ungünstig angeordnet, sodass den Figuren kaum Raum bleibt, sich mühelos um Möbel und aneinander vorbei zu bewegen. Ebenso gab es Momente, in denen nicht klar war, warum manche Figuren auf der Bühne blieben und andere nicht. Diese Punkte liessen sich im Zuge des allgemeinen Ausmistens, das diese Show braucht, leicht beheben – und würden die klaren, straffen Linien eines im Kern ausgezeichneten Konzepts freilegen, das noch weiterer Verfeinerung und Entwicklung bedarf.

Apartment 40c läuft im St James Studio bis zum 12. April 2015

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