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REZENSION: Musical Cabaret im Kit Kat Club (ehemals Playhouse Theatre) ✭✭✭✭✭
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Von
douglasmayo
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Douglas Mayo wagte sich hinaus, um Londons begehrtestes Ticket zu erleben – denn Rebecca Frecknall und ihr unglaubliches Kit Kat Club-Kreativteam mitsamt Ensemble verwandeln eine potenziell „ordentliche“ Wiederaufnahme des Kander-und-Ebb-Klassikers in etwas geradezu Sensationelles.
Eddie Redmayne (Emcee) und Jessie Buckley (Sally Bowles). Foto: Marc Brenner Cabaret – das Musical
Kit Kat Club (Playhouse Theatre)
5 Sterne
Jüngere Produktionen im Playhouse Theatre haben bereits mit einer Umgestaltung des Hauses geliebäugelt. Fiddler on the Roof und The Jungle waren jedoch nur ein vorsichtiges Herantasten – verglichen mit dem, was Besucher*innen im Kit Kat Club bei dieser bahnbrechenden Cabaret-Produktion erwartet.
WAS NÜTZT ES, GANZ ALLEIN IN DEINEM ZIMMER ZU SITZEN?
Wie viele leidenschaftliche Theatergänger*innen tat ich mich nach der Wiedereröffnung zunächst schwer mit Vorstellungsbesuchen – aus Paranoia und der Erkenntnis, dass die Sicherheits-PR mancher Betreiber eben genau das war: eine Show. Umso erfreulicher, berichten zu können, dass es hier nicht so war.
Außenansicht des Kit Kat Club
Weil Publikum und Darsteller*innen in dieser Inszenierung sehr dicht beieinander sind, kündigten die Produzent*innen schon vor einigen Wochen – deutlich früher als viele andere – an, dass das Tragen von Masken verpflichtend sei, ebenso wie der Nachweis eines negativen Lateral-Flow-Tests, der innerhalb von 24 Stunden vor der Vorstellung durchgeführt wurde. Es war ungemein beruhigend, dass dieser Test tatsächlich kontrolliert wurde – und zu sehen, wie viele im Publikum dieser Bitte nachkamen. Es gibt hier Speisen und Getränke per Tischservice, aber ich muss sagen: Das war das besterzogene und respektvollste Theaterpublikum, dem ich seit Monaten begegnet bin.
KOMM, KOSTE DEN WEIN
Tom Scutt und sein Team haben das Innere des Playhouse in eine Art TARDIS verwandelt: mit dunklen Nischen, schummrig beleuchteten Korridoren und einem zentralen Spielbereich, der schlicht atemberaubend ist – ein Raum, in dem diese Besetzung wirklich spielen kann. Ich musste mich daran erinnern, dass ich in London bin; die Atmosphäre ist so dicht, dass man sich der Show im Handumdrehen hingibt. Es wurden Tische und kleine Getränkeständer selbst für die regulären Theatersitze installiert, und auffallend geschniegelt wirkendes Servicepersonal – wie aus einer vergangenen Zeit – ist zur Stelle, um (kulinarisch jedenfalls … aber man weiß ja nie) nahezu jeden Wunsch zu erfüllen.
Elliott Levey (Herr Schultz) und Stewart Clarke (Ernst Ludwig). Foto: Marc Brenner KOMM, HÖR DIE BAND
Musikalische Leiterin Jennifer Whyte und ihre fröhliche Truppe großartiger Musiker*innen – gut sichtbar positioniert, ergänzt durch umherziehende Instrumentalist*innen – hauchen Kander und Ebbs Partitur aus nächster Nähe ein Leben ein, von dem andere Produktionen ehrlich gesagt nur träumen können. Vergesst Liza in Cabaret: Diese Inszenierung ist musikalisch so vielschichtig, dass man förmlich spürt, wie sie einem im einen Moment neue Lebenskraft einpumpt – und im nächsten jede Nackenhaare aufstellt und Gänsehaut an Stellen erzeugt, an denen vorher keine war. Wie herrlich, diese Künstler*innen nicht im traditionellen Orchestergraben versteckt zu sehen – und wie viel Spaß sie mit dieser Musik haben.
Liza Sadovy als Fräulein Schneider. Foto: Marc Brenner KOMM, BLAS EIN HORN
Nun ja – bildlich gesprochen. Angeführt von Eddie Redmayne als Emcee und Jessie Buckley als Sally Bowles, die Leistungen abliefern, die man anderswo kaum übertreffen dürfte. Redmaynes Emcee ist verrenkt, kantig, gebrochen – fast, als sähe man ihn in einem zersplitterten Spiegel: abstrakt. Buckleys Sally verbirgt Angst unter einer vorlauten, burschikosen Fassade. Wenn sie den heraufziehenden Sturm nur nicht anerkennt, hat sie sich eingeredet, werde schon alles gut. Zwischen diesen beiden bekommt man einen seltenen Einblick darin, wie selbst Klassiker noch überraschen können. Aber lasst euch nicht zu sehr von diesen beiden Talenten hypnotisieren: Unter der glitzernden Oberfläche gibt es wunderschön filigrane Leistungen von Omari Douglas als Clifford, Anna-Jane Casey als Fräulein Kost und einen vielschichtigen Nazi – in einem Moment lächelnd und freundlich, im nächsten mit einem hässlichen Biss, geliefert von Stewart Clarke.
Omari Douglas als Cliff Bradshaw. Foto: Marc Brenner
Natürlich sind da auch Liza Sadovys Fräulein Schneider und Elliott Leveys Herr Schultz – Figuren, die von diesen beiden Schauspieler*innen so fein gezeichnet werden, dass sie einem Lied mit einer Ananas und einer Papiertüte eine ganz neue Schönheit abgewinnen. Vielleicht glaubt ihr, Cabaret zu kennen – doch allein dieser Moment lässt euch mit frischen Augen darauf blicken, denn wie du und ich wissen, sollte das „Das geht schon vorbei“-Denken jener Zeit nicht eintreten, sondern den Weg für einen unvorstellbaren Horror ebnen, der Millionen treffen würde. Parallelen im heutigen Klima sind unübersehbar.
In Frecknalls Kit Kat Club gibt es die üblichen Cabaret-Girls, die uns Redmaynes Emcee als „Bootiful“ anpreist – ich würde eher sagen: verführerisch und unverfroren – sowie einige assorted, lüsterne Gestalten, meist gespielt von Matthew Gent, die durch eine Reihe entschieden unangemessener und fragwürdiger Begegnungen mit dem Publikum hüpfen. Bei diesem Ensemble scheint die Club-Policy zu lauten: „Wenn es einen Puls hat, wird’s …“ – das ist offenbar das Motto des Abends, und das Publikum scheint es nicht zu stören.
Julia Chengs Choreografie ist ein pausenloses visuelles Kakofonie-Feuerwerk, das den schäbigen Charme des Kit Kat Club geradezu ausdünstet, während das Lichtdesign von Isabella Byrd und der Sound von Nick Lidster schlicht nicht zu beanstanden sind. Es ist ein seltenes Vergnügen, etwas so Besonderes wie diese Cabaret-Produktion zu sehen – und sie ausgerechnet jetzt zu präsentieren, dafür werde ich dieser außergewöhnlichen Company dankbar sein. Danke!
Das Leben ist ein Cabaret, komm ins Cabaret!
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