NACHRICHTEN
REZENSION: Dusty - Das Musical, Charing Cross Theatre ✭
Veröffentlicht am
8. September 2015
Von
danielcolemancooke
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Dusty – The Musical
Charing Cross Theatre
7. September 2015
1 Stern
Man kann wohl mit Recht sagen, dass das neue Musical des Charing Cross Theatre über Dusty Springfield bislang keinen leichten Stand hatte. Nachdem die Previews bereits im Mai begonnen hatten, öffnete die Produktion erst in dieser Woche ihre Türen für die Presse – begleitet von Gerüchten über kreative Spannungen hinter den Kulissen.
Es ist eine so geradlinige Biografie, wie man sie nur sehen kann: Springfield’s Karriere wird in ihrem Aufstieg und Fall nachgezeichnet, unterbrochen von ihrem hervorragenden Hit-Katalog. Wenn man schon ein Biopic auf die Bühne bringt, muss das Thema wirklich fesseln; abgesehen von ein paar Reibereien mit Freunden und Familie wirkt Springfields Leben in „Dusty“ erstaunlich unerquicklich. Im Vergleich zu ähnlichen Produktionen wie Jersey Boys (Mafia-Verbindungen) und Sunny Afternoon (familiäre Trauer) finden sich in Handlung und Text auffallend wenig Emotion oder Drama.
Gelegentlich blitzen interessante Ansätze auf, doch sie werden nachlässig und frustrierend umschifft. Über Springfields „Ausweisung“ aus Südafrika, weil sie vor einem nicht segregierten Publikum auftrat, ließe sich problemlos ein ganzes Stück schreiben; hier bekommt das Thema genau eine Szene, bevor es nie wieder erwähnt wird. Dustys Lesbianismus zieht sich als Motiv durch den Abend, und die Liebe ihres Lebens, Norma Tanega, wird uns in der zweiten Hälfte vorgestellt. Wie Dusty jedoch mit Nähe und Intimität umgeht, erfahren wir nicht – die beiden trennen sich bereits in der nächsten Szene. Im Programmheft ist von Kämpfen mit Alkohol, Drogen und Selbstverletzung die Rede; auf der Bühne würde man davon nichts ahnen. Das ist symptomatisch für die gesamte Produktion: Chancen auf Tiefe und Figurenentwicklung werden schmerzlich ungenutzt gelassen.
Übrig bleibt ein Text, der vor blassen Klischees strotzt, wie man sie in jedem Showbiz-Biopic findet („Du bist doch nur ein Mädchen aus Ealing“, „Ich habe dich zu dem gemacht, was du heute bist – ohne mich wärst du niemand“ usw. usw.). Gerahmt wird die Show von einem Interview mit einer von Springfields besten Freundinnen; ihr Dialog ist besonders unerquicklich, mit einer derart plumpen Exposition, dass man sie vermutlich noch aus dem All lesen kann. Jukebox-Musicals können selbst im besten Fall angestrengt wirken – umso mehr brauchen sie ein messerscharfes Buch, um wirklich zu glänzen. Und doch klang der Dialog hier stellenweise unerquicklich unnatürlich, und das Ensemble hatte sichtbar Mühe, ihn glaubwürdig zu vermitteln.
Die Produktion rühmt sich als Multimedia-Erlebnis, und einige Projektionen waren tatsächlich beeindruckend. Allerdings wurden sie massiv überstrapaziert und saugten dem Abend viel Leben aus. Gute Musicalnummern sollten Geschichte und Handlung vorantreiben; Archiv-Konzertmaterial plus Live-Backing-Vocals leisteten weder das eine noch das andere. „Son of a Preacher Man“, eigentlich ein sicherer Publikumsliebling, wirkte durch die Abhängigkeit von einer energielosen TV-Aufzeichnung flach wie ein Pfannkuchen.
Die Songs, die wirklich live auf der Bühne gesungen wurden (etwa „All Cried Out“ und ein schön harmonisiertes Schlussstück), waren deutlich stärker und hinterließen spürbar mehr emotionalen Eindruck. So brillant Springfield zweifellos ist – ihre Diskografie ist nicht besonders vielfältig, sodass die musikalischen Einschübe oft gleichförmig wirkten, zumal sie fast jedes Mal auf nahezu identische Weise inszeniert wurden.
Am Ensemble lässt sich kaum etwas aussetzen: Trotz dünnem Material liefern alle eine energiegeladene Leistung ab, und viele wurden erst in allerletzter Minute engagiert. Alison Arnopp hat eine völlig ordentliche Stimme, musste jedoch gegen die häufig eingespielten Clips der echten Dusty ankämpfen – was den Abstand zwischen beiden nur umso deutlicher machte. Francesca Jackson singt als Nancy ebenfalls gut, ist aber mit einer stark unterentwickelten Rolle und dem bereits erwähnten schwachen Text belastet.
Witney White glänzte als Motown-Legende Martha Reeves und brachte mit der einen Nummer, die sie bekam, dringend benötigte Energie und Esprit. Es gab einige interessante und sauber ausgeführte Choreografien, wobei Amanda Digon Mata innerhalb der soliden Tanztruppe besonders herausstach. Auch Jason Kealers Kostüme waren entsprechend leuchtend und extravagant und rekonstruierten Epoche und Dustys opulente Garderobe sehr treffend.
Doch selbst ohne Kenntnis der turbulenten Preview-Phase war klar, dass nicht alles rund lief. Musikalische Einsätze kamen zu spät oder zu früh, Szenenwechsel waren holprig, und die Tonmischung war uneinheitlich; das finale Medley war stellenweise kaum hörbar. Sogar das offizielle Programmheft wirkte wenig überzeugend: Statt einer Songliste gab es eine Auswahl an Titeln, die möglicherweise vorkommen könnten – was nahelegt, dass bis zur verspäteten Pressenacht noch bis zuletzt umgebaut wurde.
Auch wenn es ein paar gelungene Momente gibt, sorgen „Dustys“ abgenutztes Buch und die unbeholfene Inszenierung dafür, dass nicht einmal der „Son of a Preacher Man“ sie retten kann. Die Produktion ist inzwischen bei ihrem dritten Regisseur angekommen und hat neun Ensemblemitglieder verloren – da kann man sich des Gedankens nicht erwehren, dass sie wohl die richtige Entscheidung getroffen haben.
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Fotos: Elliott Franks
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