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KRITIK: Missverhältnis, Orange Tree Theatre ✭✭✭✭
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markludmon
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Mark Ludmon bespricht die funkelnde neue Inszenierung von Shaws weniger bekanntem Stück Misalliance im Orange Tree Theatre
Rhys Isaac Jones, Marli Siu, Pip Donaghy in Misalliance. Foto: Helen Maybanks Misalliance
Orange Tree Theatre
Vier Sterne
Jetzt buchen George Bernard Shaw versah sein Stück Misalliance von 1910 unheilvoll mit dem Untertitel „eine Debatte in einer Sitzung“ – und bereitet uns damit auf eine wortreiche, intellektuelle Ideenbühne vor, der es vermeintlich an theatraler Spannung mangelt. Wie die neue Produktion im Orange Tree Theatre zeigt, steckt das Stück tatsächlich voller Worte und Gedanken; unter der Regie von Paul Miller wird die Debatte jedoch lebendig, mit einigen brillanten Darbietungen, die es zeitweise auf das Niveau einer funkelnden Gesellschaftskomödie heben.
Marli Siu und Simon Shepherd in Misalliance. Foto: Helen Maybanks
Die Handlung ist weitgehend zweitrangig gegenüber den vielen Themen, die Shaw verhandelt – von Klasse und Sozialismus über Ehe und Männlichkeit bis hin zur Rolle der Frau. Locker ist das Ganze um die Tarletons gebaut, die einen Samstagnachmittag in ihrem großen Landhaus in Surrey verbringen, während Tochter Hypatia sich darauf vorbereitet, Bentley zu heiraten, den affektierten Sohn des pensionierten Beamten Lord Summerhays. Dann nimmt alles eine herrlich absurde Wendung: Ein Flugzeug stürzt in ihren Garten und bringt einen weiteren heiratsfähigen Junggesellen sowie eine polnische Akrobatin ins Spiel – just in dem Moment, in dem ein geheimnisvoller junger Mann hereinplatzt und mit einer Pistole herumfuchtelt.
Rhys Isaac Jones in Misalliance. Foto: Helen Maybanks
Was ihnen widerfährt, ist weniger wichtig als der Witz dieser temporeichen „Debatte“. Das Stück ist voller zitierfähiger Aphorismen, die es mit Oscar Wilde aufnehmen können, und die Figuren feuern ihre Ansichten in einem atemberaubenden Tempo ab, sodass das Gespräch kaum je ins Stocken gerät. Zum Glück bleibt unter Millers sicherer Führung alles leicht und klar, mit präzisem komödiantischem Timing, das dem Text jedes mögliche Lachen abringt.
Pip Donaghy in Misalliance. Foto: Helen Maybanks
Pip Donaghy ist großartig als Familienpatriarch: Er würzt seine Verlautbarungen mit literarischen Zitaten, verliert dabei aber nie das Funkeln im Blick. Gabrielle Lloyd ist als seine ergebene Ehefrau urkomisch – ein Musterbeispiel gut gelaunter Ratlosigkeit angesichts gesellschaftlicher Veränderungen. Tom Hanson überzeugt als ihr Sohn, ein rauer, maskuliner Kontrast zu dem schilfrohrhaften, schmachtenden Bentley, gespielt von Rhys Isaac-Jones. Marli Siu ist hinreißend bissig als protofeministische Hypatia; Luke Thallon ist ihr ebenbürtig als widerwilliger Verehrer, der buchstäblich vom Himmel gefallen ist. Simon Shepherd als der urbane Lord Summerhays, Lara Rossi als die unverblümte polnische Akrobatin und Jordan Midsúd als der nervöse Eindringling runden ein starkes Ensemble komödiantischer Leistungen ab.
Auch wenn viele der in Misalliance hin- und hergeworfenen Ideen ganz klar aus ihrer Zeit stammen, gibt es doch einiges, das weiterhin nachhallt – am deutlichsten die Stellung von Frauen und Außenseitern in einer männlich geprägten Gesellschaft. Tatsächlich liegt in dem Stück eine überraschende Frische und Erfindungsgabe, die es umso erstaunlicher macht, dass dies die erste größere Londoner Wiederaufnahme seit über 30 Jahren ist.
Spielzeit bis 20. Januar 2018
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