NACHRICHTEN-TICKER
REZENSION: Der Vater und der Attentäter, Nationaltheater ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
15. September 2023
Von
pauldavies
Paul T Davies rezensiert Anupama Chandrasekhars Stück The Father and the Assassin, jetzt am National Theatre zu sehen.
Foto: Marc Brenner The Father and the Assassin
National Theatre (Olivier)
14/9/23
5 Sterne
Über Mahatma Gandhi, den Vater des unabhängigen Indien, ist viel bekannt. Über seinen Attentäter Nathuram Godse hingegen weiss man erstaunlich wenig – möglicherweise, weil Indiens erster Premierminister Nehru Godses Erklärung vor Gericht von der Veröffentlichung ausschloss und die Worte des Attentäters unterdrückte. Godse glaubte an ein unabhängiges hinduistisches Indien und stand damit in direktem Gegensatz zu Gandhis Vorstellung eines unabhängigen säkularen Indien – einer inklusiveren Gesellschaft. Anupama Chandrasekhars aussergewöhnliches Stück ist historisches Theater in Bestform: grossartig und fesselnd, es verdichtet die Geschichte mit feinem Gespür zu einer zweistündigen Erzählung, die bildet und unterhält. Doch hier wird nicht mit dem breiten Pinsel gemalt – das ist scharfsinnig und detailreich, perfekt gebaut und mit einem pointierten Sinn für Humor.
Foto: Marc Brenner
Im Zentrum steht Hiran Abeysekera mit einer herausragenden Leistung als Godse: verspielt und boshaft, und er lädt uns ein, Zeit mit einem Mörder zu verbringen; das Metatheater ist urkomisch und schafft Nähe. Seine Körperlichkeit, die man schon in Life of Pi so eindrucksvoll sehen konnte, füllt wirklich jeden Zentimeter der Olivier-Bühne. Gleichzeitig ist es ein spannender Blick auf Identität und Gender-Politik: Da ihr einziges überlebendes Kind ein Mädchen war, zogen seine Eltern ihn als Mädchen auf – aus Angst, die männliche Linie sei verflucht.
Foto: Marc Brenner
Hier sorgt er für das Einkommen der Familie, als Mittler zur Göttin Durga. Das ist kraftvoll und wunderschön gespielt, immer wieder durchstochen von verschmitzten Blicken ins Publikum. Paul Bazely verkörpert Gandhi und lässt ihn im Lauf der Jahre überzeugend altern – stets mit einer Würde, die den Raum erfüllt. In einem Stück voller starker Stimmen gibt es nur wenige, die besser sind als Ayesha Kala als Vimala: hervorragend, sie stört unseren unzuverlässigen Erzähler und liefert genau das Gegengewicht, das das Stück braucht. Und Tony Jayawardena ist grossartig als Savarkar, Godses rechter Mentor. Insgesamt ist es ein perfektes Ensemble – jede Figur fein gezeichnet und nuanciert.
Foto: Marc Brenner
Die Schrecken der Teilung treffen einen in die Magengrube und sind doch schlicht auf die Bühne gebracht. Ein entscheidendes Merkmal von Indhu Rubasinghams herausragender Regie ist der Fluss des Abends: einfach, aber wirkungsvoll inszeniert. Rajha Shakirys Bühnenbild stimmt dabei Ton und Bewegung präzise an. Der aktuelle Aufstieg des Nationalismus wird im Schlussbild erschreckend klar eingefangen. Das National Theatre ist derzeit in Bestform – mit unmittelbar bevorstehenden, erstklassigen West-End-Transfers und einem hohen Niveau, das durch Produktionen wie diese gehalten wird, bevor dann ein verlockendes Herbstprogramm übernimmt. Es wirkt wie eine perfekte Feier zum 60. Geburtstag des Hauses – und dieses Stück sollte man nicht verpassen. Herausragende Arbeit von allen Beteiligten; ich verliess das Theater bestens informiert und rundum unterhalten.
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