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KRITIK: Das Leben der Party, Menier Chocolate Factory ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Caroline O'Connor, Andrew Lippa, Summer Strallen und Damian Humbley © Francis Loney Life of the Party
Chocolate Menier Theatre
14. Juni 2014
4 Sterne
Ich sollte gleich zu Beginn offenlegen, dass ich zu den (offenbar wenigen) Besucher:innen gehörte, die die ursprünglichen Broadway-Produktionen von The Addams Family und Big Fish für verdammt gelungene Beispiele dieses Genres hielten; beide waren durchzogen von Freude, Herz und Cleverness. Und beide profitierten von starken Songtexten und mitreissender, eingängiger Musik mit jener seltenen, schwer fassbaren Qualität – man glaubt, die Melodien schon einmal gehört zu haben, nicht weil sie banal oder repetitiv wären, sondern weil sie die Seele ansprechen, Erinnerungen und Leidenschaften freisetzen und einen wohlig, entspannt und in genau der richtigen Stimmung zurücklassen.
Andrew Lippa ist Komponist und Texter, der für beide Musicals verantwortlich zeichnet. Unbegreiflicherweise wurden seine Arbeiten in London bislang nicht mit professionellen Produktionen bedacht – vielleicht war das der Grund, warum David Babani, künstlerischer Leiter und treibende Kraft hinter der gefeierten Menier Chocolate Factory, Lippa als Künstler für eine dreiwöchige Cabaret-/Revue-Reihe auswählte.
Was auch immer die Motivation war: Es war ein kluger und inspirierter Schritt.
Denn The Life Of The Party, die daraus entstandene Cabaret-/Revue, die gestern Abend ihren kurzen, aber bedeutenden Lauf in der Menier Chocolate Factory beendete, war ein grossartiger und wichtiger Beitrag zur Londoner Musicalszene. Schwer vorstellbar, dass irgendjemand nach diesem Abend nicht mehr von Lippas Arbeiten sehen und hören möchte – insbesondere von den hier präsentierten.
Nicht zuletzt lag der Reiz des Abends in seiner Dramaturgie. Babani entwickelte das Programm gemeinsam mit Lippa; die Auswahl ist klug und stimmig und zeigt die grosse Bandbreite von Lippas Schreiben und Können.
Es gibt umwerfende Songs in voller, kraftvoller Pracht: Be The Hero, I Don't Need A Roof und Fight The Dragons (Big Fish); Love Somebody Now (nicht aus einer Show, aber umwerfend schön); When You're An Addams und Just Around The Corner (The Addams Family); Just Like You und Bye, Room (John & Jen); Let Me Down, An Old Fashioned Love Story und Poor Child (The Wild Party); You Are Here (I Am Harvey Milk) sowie I Do What I Do und To The Gods (aus dem Work-in-Progress The Man In The Ceiling).
Jeder Titel war anders: voller unerwarteter Freude und pointierter Einsichten; mit interessanten, mitreissenden Melodien; Höhen und Tiefen; Geschichten, erzählt durch Musik.
Die Nummern aus dem neuen Stück The Man In The Ceiling waren besonders stark. Sie versprechen eine Show, die man unbedingt sehen will. Es kommt nicht oft vor, dass ein neuer Song einen sofort zum Mitsingen bringt – aber I Do What I Do hat genau diesen Sog. Und To The Gods ist der Broadway-Showstopper-Typ, der Karrieren prägt und das Publikum auf die Füsse springen lässt, gierig nach mehr.
Lippa selbst ist eine einnehmende Persönlichkeit und hält die Erzählung mit lässigem, sicherem Charme mühelos zusammen. Doch abgesehen von der Harvey-Milk-Nummer, die herausragend war, wäre es besser gewesen, wenn er andere, begabtere Interpret:innen seine bewundernswerten Melodien hätte singen und seine ebenso bewundernswerten Texte hätte vermitteln lassen. Seine Bühnenpräsenz ist nicht durchgehend so beeindruckend, wie es sein Material verdient.
Vielleicht wurde das durch die Gesellschaft, in der er hier stand, noch deutlicher. Nicht, dass er schlecht oder unerquicklich gewesen wäre – das war er nicht. Aber er war auch nicht so elektrisierend, leidenschaftlich oder involviert, wie es sein Material verlangt. Besonders galt das für die Big Fish- und Addams Family-Nummern. Zweifelsohne aber gehörte seine Darbietung von You Are Here aus I Am Harvey Milk zu den ganz grossen Momenten des Abends – und das war ein sehr persönliches Solo von Lippa.
Damian Humbley gelingt mit der Musik von Big Fish das, wozu Norbert Leo Butz am Broadway auffallend nicht in der Lage war: Er macht sie packend, aufregend, voller Träume, Ideale und Staunen. Gesanglich ist er durchweg in Bestform und zeigt verschiedene Facetten seiner Vielseitigkeit – wunderbar verführerisch als Fester in The Moon And Me und völlig anders als der dunklere, trostlose Mann, der Let Me Drown singt. Es wäre das reine Glück gewesen, hätte man ihm auch Happy/Sad aus The Addams Family gegeben.
Doch der eigentliche Kick des Abends kam aus der trügerisch zierlichen Gestalt dieses aussergewöhnlichen Talentvulkans namens Caroline O'Connor. Ohne grosse Unterstützung durch Kostüme oder Make-up erschuf O'Connor mühelos eine Reihe sehr unterschiedlicher Frauen und lieferte eine Handvoll bemerkenswerter Songs – jeder verlangte eine ganz eigene, eigenwillige Virtuosität und ernstzunehmende stimmliche Klasse.
Mit ihrer durchgeknallten, komischen Interpretation von An Old Fashioned Love Story riss sie das Haus ohne Anstrengung von den Sitzen – ihr Belt war klar und sicher, ihre Artikulation grandios, und in ihren Augen funkelten Anspielung und Versprechen. Zuvor aber hatte sie eine wunderbare, stimmungsvolle und herzzerreissend schöne Version von Love Somebody Now gegeben, eine nachdenkliche, seelenforschende, introspektive Ballade. Für solche Nummern ist O'Connor nicht unbedingt bekannt – doch sie hatte keinerlei Mühe, sie perfekt zu liefern. Sie sollte sie immer singen.
Am stärksten war sie allerdings in ihren Morticia-Momenten. Köstlich trocken, makellos schaurig, herrlich geschniegelt und mit dem Glanz des Schwarzen Todes funkelnd. Ihr Auftritt hier machte einen regelrecht verzweifelt danach, sie die Rolle komplett spielen zu sehen – an der Seite eines Gomez, der ihre Nuancen, ihr Können, ihre pure Lebensfreude kontern kann. Falls es einen solchen gibt.
Babani hat hier etwas ausserordentlich Cleveres getan. Er wählte ein weit gefächertes Repertoire, das Andrew Lippas Talente glänzend zur Geltung brachte.
Aber ebenso – und vielleicht noch wichtiger – zeigte er die enorme Bandbreite, über die O'Connor und Humbley verfügen.
Die Menier Chocolate Factory ist ein wichtiger, ja unverzichtbarer Bestandteil der Londoner Landschaft, wenn es um die Brutstätte für Musical-Neuentwicklungen geht. The Life Of The Party war eine nahezu perfekte Bühne für unbekanntes Schreiben und unentdecktes Talent. Gleichzeitig zeigte der Abend, wie gut eine kleine Band klingen kann – und liess zugleich erahnen, was ein voller Orchesterklang noch zusätzlich schenken würde. Lynne Page steuert wunderbare, kluge Choreografie bei, die Melodien und Themen köstlich und unaufdringlich akzentuiert.
Her mit den vollständigen Produktionen von Lippas Arbeiten.
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