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KRITIK: Abigail's Party, Queen's Theatre Hornchurch ✭✭✭✭
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Von
markludmon
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Mark Ludmon rezensiert Mike Leighs ikonisches Stück Abigail’s Party, jetzt im Queen’s Theatre, Hornchurch – vor der Tournee.
Das Ensemble von Abigail’s Party. Foto: Mark Sepple Abigail’s Party
Queen’s Theatre Hornchurch, London
Vier Sterne
Seit seiner Uraufführung 1977 hat Mike Leighs ikonisches Abigail’s Party immer wieder neues Bühnenleben in London, in ganz Grossbritannien und sogar Off-Broadway gefunden – nun aber kehrt es endlich zu seinen Essex-Wurzeln zurück, in einer vergnüglichen neuen Produktion am Queen’s Theatre in Hornchurch, gleich die Strasse runter von Romford. Vor der Kulisse von Lee Newbys akribischem, hinreissendem Periodenbühnenbild beleuchtet das Stück den Wandel und die sich verschiebenden Werte der 1970er-Jahre – anhand eines Samstagabend-Zusammenseins bei Drinks im Haus der sozial aufstrebenden Beverly und ihres gestressten Ehemanns Laurence. Bei Käse-Ananas-Häppchen und reichlich Gin und Bacardi bewirten sie ihre Nachbarn: das junge Paar Ange und Tone sowie die geschiedene Sue, die sich dem Weg ihrer 15-jährigen Punk-Tochter Abigail und deren Hausparty entzieht.
Melanie Gutteridge und Liam Bergin in Abigail’s Party. Foto: Mark Sepple.
Die Spannungen in beiden Ehen liegen kaum unter der Oberfläche, und während der Alkohol fliesst, treten klare Zeichen von Unzufriedenheit, Feindseligkeit und Groll zutage – alles jedoch gerade noch im Zaum gehalten durch die aufgesetzte Höflichkeit des Anlasses. Die anhaltende Faszination des Stücks verdankt sich nicht zuletzt Leighs feinem Ohr für Alltagsrede: Sätze, die mit dazu beigetragen haben, dass daraus ein vielzitierter Kultklassiker wurde. Zugleich gibt es Themen, die weit über die 1970er hinaus nachhallen.
Vierzig Jahre später ist Beverly und Laurences Klassenfixierung noch immer hochaktuell – in einer Gegenwart, in der soziale Aufstiegschancen und Möglichkeiten für Menschen aus der Arbeiterklasse weiterhin begrenzt bleiben. Obwohl „Race“ nur ganz am Rande von den fünf weissen Figuren gestreift wird, zeigt das Stück Menschen, die ihren Alltag bewältigen in einer Zeit massiver gesellschaftlicher Umbrüche – etwas, das sich im Grossbritannien der Brexit-Ära ebenso schmerzlich anfühlt. Angesiedelt auf dem Höhepunkt von „women’s lib“ zeichnet es Menschen, die in der Ehe nach ihrer Identität suchen, während traditionelle Rollen durch den Feminismus herausgefordert werden. Bisweilen liegt eine beunruhigende pintereske Stimmung in der Luft, besonders wenn die Figuren zum Tanzen die Partner wechseln; doch unter der Regie von Douglas Rintoul betont diese Inszenierung auch Leighs Darstellung männlicher Gewalt – von Laurences frustrierten Wutanfällen gegenüber Beverly bis zu Tones finsterer Gereiztheit gegenüber der warmherzigen Ange.
Amy Downham und Melanie Gutteridge in Abigail’s Party. Foto: Mark Sepple.
Trotz all der dunkleren Themen ist der grösste Reiz von Abigail’s Party sein Humor – und unter Rintouls Regie gibt es davon reichlich. Melanie Gutteridge überwindet die Erinnerungen an frühere Beverlys, von Alison Steadman bis zur jüngeren Jill Halfpenny und Amanda Abbington, mit einer ungewöhnlich zurückgenommenen Darstellung, die jedes Risiko von 70er-Jahre-Camp vermeidet. Stets darauf bedacht, ihren angestrebten gesellschaftlichen Status zu behaupten, wirkt sie nur dann wirklich glücklich und entspannt, wenn sie zu ihren Lieblings-Popsongs tanzt. Und ja: Demis Roussos ist immer noch dabei – ebenso weitere Seventies-Hits, darunter Baccaras stimmungsvoller Klassiker „Yes Sir, I Can Boogie“.
Vielleicht prangt Beverlys Gesicht auf allen Plakaten, doch dieser Zugang zu ihrer Figur macht das Stück umso stärker zu einem echten Ensembleabend. Amy Downham glänzt als die gutherzige Ange, die einzige Figur, die wirklich bei sich zu sein scheint. Mit treffsicherem Romford-Akzent ist ihre Ange kein devotes Dummchen, sondern jemand, der sein Leben im Griff hat – mit stählernem Rückgrat und praktischer Bodenständigkeit, die dann an die Oberfläche kommen, wenn es wirklich zählt.
Melanie Gutteridge als Beverly Foto: Mark Sepple
Christopher Staines ist hervorragend als Laurence: ein straff gespannter Kern aus Angst, überzogen von einer dünnen Schicht verbindlichen Charmes. Susie Emmett ist perfekt als die mittelständische Sue – nervös und leicht fassungslos angesichts des Verhaltens ihrer Nachbarn. Liam Bergin ist als Tone eine düstere, finster dreinblickende Präsenz: ein gescheiterter Profifussballer, der gezwungen ist, als Computerbediener zu arbeiten, und offenbar wenig übrig hat für seine redselige, sozial selbstbewusste Ehefrau. Die bekannten Figuren sind alle da, doch Rintoul eröffnet einen frischen Blick auf sie – und lässt sie so lebendig und wirklich wirken wie vor vier Jahrzehnten.
Läuft am Queen’s Theatre Hornchurch bis 22. September 2018 und geht danach auf Tournee.
26. September–20. Oktober: Derby Theatre 30. Oktober–17. November: Salisbury Playhouse 27.–29. November: Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
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