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KRITIK: Alice's Abenteuer im Wunderland, Opera Holland Park ✭✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

timhochstrasser

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Opera Holland Park: Alice's Adventures In Wonderland. Foto: Alex Brenner

Opera Holland Park

18/07/15

5 Sterne

Diese entzückende Oper von Will Todd und Maggie Gottlieb wurde vor ein paar Jahren in der Opera Holland Park uraufgeführt und kehrte 2015 im Rahmen der regulären Sommersaison ins Repertoire zurück. Eine CD mit allen wichtigsten Nummern erschien vor einigen Monaten und wurde hier besprochen. Gespielt wurde auf einer der Rasenflächen hinter dem Hauptkomplex im Holland Park, mit vier verschiedenen Spielorten, zwischen denen Sänger*innen, Orchester und Publikum unter dem Schutz einer wiederkehrenden (und ausgesprochen eingängigen) lateinamerikanischen Übergangssequenz wanderten. Ensemble und Mitwirkende übernahmen weitgehend ihre Rollen von 2013. Figuren und Haupthandlung stammen von Lewis Carroll (inzwischen zarte 150 Jahre jung), doch gibt es außerdem eine rahmende Idee, offenbar inspiriert von den Harry-Potter-Geschichten: Sie verortet Alice (Fflur Wyn) zunächst nicht im viktorianischen Oxford, sondern in Grimthorpe, einer wenig einladenden nordenglischen Stadt, aus der sie nur allzu gern flieht, sobald sie sich mit einem sprechenden weißen Kaninchen (James Cleverton) zusammentut. Nach ersten Begegnungen mit einem als Countertenor auftretenden Grinse-Kater (Magid El-Bushra) und einer singenden Flasche (Maud Millar), die Cunégonde in Sachen Koloratur locker Paroli bieten würde – sind wir bestens unterwegs. In rascher Folge begegnen wir allen vertrauten Figuren der Geschichte; die meisten erhalten ihre eigene Arie, um die Grundzüge ihres Charakters zu markieren, und tauchen in späteren Tableaus wieder auf. Viel Dialog ist klugerweise direkt Carroll entnommen und dann mit einer Prise Feenstaub aus witzigen zeitgenössischen Anspielungen bestreut (besonders treffend: die Satire auf die heutige Obsession mit Schultests, vor allem in den Händen von Humpty Dumpty sowie Tweedle Dum und Tweedle Dee). Beim Weiterziehen von Spielort zu Spielort zeigt sich, dass es reichlich „Malice in Wonderland“ gibt – in Gestalt der Roten Königin (Robert Burt) und ihrer Handlanger. Die zweite Hälfte der Oper gehört Alice’ wachsendem Entschluss, dieser willkürlichen und wuchernden Autorität entgegenzutreten und in Wunderland wieder Ordnung herzustellen. Ein zentraler Moment ist dabei Alice’ einzige wirklich ausgedehnte Arie – „I flew high in my dreams“ – eine weit ausgreifende, sehnsuchtsvolle Sondheim-Nummer, die an sein „I remember sky“ aus Evening Primrose erinnert. Von dort bis zum Schluss bröckeln die Kräfte der Bosheit, Wunderland ist im Handumdrehen wiederhergestellt, und Alice kehrt nach Grimthorpe zurück – subtil verändert. Warum funktioniert das alles so gut? Zum Teil liegt die Antwort darin, dicht am Original zu bleiben und nicht um der Veränderung willen zu verändern. Wer Carroll adaptiert, tut gut daran, sich zu erinnern, dass er im wirklichen Leben Mathematiker und Logiker von Rang war. Das Denken mag auf den Kopf gestellt und das Gegenteil von vernünftig sein – doch es folgt einer eigenen Logik, die umso amüsanter wird, wenn sie wie hier todernst ausgespielt wird. Eine weitere Form der Treue zu Carroll (und Tenniel!) zeigt sich in den Kostümen, die in ihrer Authentizität brillant ausgearbeitet sind und dort, wo sie davon abweichen müssen, voll Fantasie stecken. Das Raupenkostüm ist beispielsweise herrlich überdreht, und die Rüstung des Weißen Ritters ist genial aus den banalsten glänzenden Küchenutensilien improvisiert. Die Bühnenbilder sind hell, fröhlich und handfest – am überzeugendsten vermutlich der scharf kantige Tisch für die Teegesellschaft des verrückten Hutmachers. Auch die natürliche Umgebung wird geschickt genutzt: Figuren tauchen plötzlich aus dem Unterholz auf, und auch die Bäume vor Ort werden in die Handlung einbezogen. Die Musik ist ebenfalls so angelegt, dass sie im Freien gut funktioniert. Vieles ist eine raffinierte Untermalung, die die Textverständlichkeit nicht beeinträchtigt. Gleichzeitig gibt es große stilistische Vielfalt – reichlich Latin-, Calypso- und Jazz-Rhythmen sowie viele Anklänge an vertraute Komponisten, etwa an den Bernstein von West Side Story. Es gibt reichlich augenzwinkerndes Pastiche, das stets elegant gelingt. Das zwölfköpfige Orchester hat viel zu tun: Es legt mit einer lebhaften, atmosphärisch einführenden Ouvertüre los, und im weiteren Verlauf gibt es zahlreiche charaktervolle Soli. Für den Dirigenten Matthew Waldren ist es keine leichte Aufgabe, diese unterschiedlichen Kräfte unter freiem Himmel und in Bewegung zu koordinieren – doch er wählte zügige Tempi und hielt alle ohne sichtbare Probleme zusammen. Unter den Einzelleistungen steht Wyn an erster Stelle: mit klarer Text- und Melodieprojektion sowie einer temperamentvollen, zugleich präzisen Gestaltung der Titelrolle. Robert Burt entfachte als Rote Königin einen Sturm aus künstlich geschäftiger Empörung – ganz wie eine Schwester von Miss Trunchbull. Keel Watson machte aus seinen „Wonderland Blues“ großes Theater, wohl die einprägsamste einzelne Musiknummer des Abends; und Victoria Simmonds kommandierte, nörgelte und polterte energiegeladen als verrückter Hutmacher, bevor sie dem Charme der elfenhaften Herzogin, gespielt von Maud Millar, erlag. Märzhase, Weißer Ritter, Siebenschläfer und Humpty Dumpty erhielten allesamt lebendige Porträts. Ein Quartett „Viktorianer“, als wären sie geradewegs aus Topsy-Turvy entwischt, lieferte Hintergrund, Kommentar und zugleich Orientierung bzw. Koordination fürs Publikum. Und wie reagierte das Publikum? Die Kinder schienen vom Geschehen durch und durch bezaubert, und nicht wenige Erwachsene standen hinten und grinsten sich durch die vielen Zeilen, die für verschiedene Altersgruppen eine doppelte Bedeutung tragen, ohne gleich Zweideutigkeiten zu sein. Ganz überzeugt hat mich das Argument nicht, das Herumziehen von Spielort zu Spielort sei nötig, um zu verhindern, dass die Kinder unruhig und gelangweilt werden. Von meinem Platz aus war davon wenig zu sehen; und in mancher Hinsicht schadete das ständige Wechseln der Konzentration und dem Fokus auf zwei konkrete Arten. Erstens dauerte es jeweils eine Weile, bis sich alle wieder beruhigt und mit Musik und Text verbunden hatten; zweitens verhinderte die Abfolge der Szenenwechsel, dass die Darsteller*innen energisch und direkt mit einzelnen Publikumsmitgliedern in Kontakt traten. Die Zutaten sind hier ähnlich wie bei einer wirklich guten britischen Pantomime zur Weihnachtszeit: Ein bisschen mehr unmittelbare Interaktion in echter Panto-Tradition hätte den jungen Zuschauer*innen noch mehr Vergnügen bereitet.

Das ist freilich nur ein kleiner Einwand. Wenn Sie diese charmante Oper diesmal verpasst haben, dann buchen Sie am besten jetzt noch für eine der Vorstellungen im Linbury Studio Theatre Anfang November. Sie werden es nicht bereuen.

Weitere Informationen unter www.operahollandpark.com

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