NACHRICHTEN
REZENSION: Alles Schwindel, Maxim Gorki Theater Berlin ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
28. Dezember 2017
Von
julianeaves
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Vidina Popov und Jonas Dassler. Foto: Esra Rotthoff Alles Schwindel
Maxim Gorki Theater, Berlin,
22. Dezember 2017
5 Sterne
Wenn sich in Grossbritannien überhaupt noch jemand an den Namen Mischa Spoliansky erinnert, dann meist nur im Zusammenhang mit einigen der beliebtesten Filme aus den goldenen Jahren der britischen Filmindustrie: Zu den vielen äusserst erfolgreichen Komödien, für die er die Musik schrieb, gehören etwa „The Happiest Days of Your Life“ und „Trouble In Store“, während Dramen wie „Saint Joan“ und Abenteuerfilme wie „North West Frontier“ sowie das nicht namentlich erwähnte „King Solomon's Mines“ zeigen, dass er ebenso mühelos auch andere Genres bediente. An seine frühere Laufbahn dürfte sich jedoch kaum jemand erinnern – an die Zeit, bevor er und seine Familie das Glück hatten, der Verfolgung der Juden im Hitler-Deutschland zu entkommen, wo er zu den prägenden Köpfen des Musiktheaters der Weimarer Republik zählte. Tatsächlich wird er selbst in Deutschland erst jetzt wiederentdeckt: Hier und da tauchen vereinzelte Inszenierungen seiner Werke auf – lange nach seinem Tod in London 1985 (wo er 1973 seine letzte Filmmusik schrieb) und 80 Jahre nachdem er eine Grösse war, mit der man zu rechnen hatte.
Umso grösser ist die Freude, dieses erstaunliche Kleinod einer musikalischen Komödie auszugraben, das 1931 zum ersten – und letzten – Mal zu sehen war. Die schlanke Handlung, ein zerbrechliches Süßgebäck aus wohlbekannten Musical-Komödien-Tropen über einfache arme Leute, die sich als etwas Bemerkenswertes und Reiches ausgeben, hält uns nicht lange auf – und soll es auch nicht. Sie ist jedoch ein wunderbarer Kleiderbügel, an dem eine veritable Dekonstruktion von Schein und Wahrhaftigkeit hängt – eine Gesellschaftskomödie, die genauso gut gestern geschrieben worden sein könnte. Dafür gebührt unserem Dank das brillante Team um Hausregisseur Christian Weise, dessen behutsame, zugleich künstlerisch entschlossene Betreuung dieser Wiederbelebung den ganzen Schwindel in den Bereich ernsthafter Kunst hebt – etwas, das man im Musiktheater nur selten erlebt.
Der Rest des Teams stützt das Unternehmen mit einer Reihe von Leistungen, die den Geist ebenso anregen wie die Sinne blenden. Von zentraler Bedeutung ist dabei die musikalische Leitung von Jens Dohle: Seine Arrangements taumeln kühn durch Epochen und Stile, verweilen selten lange in einer klar identifizierbaren Stimmung; und doch ergibt am Ende alles Sinn – vom Charleston bis zu R'n'B findet hier alles seinen Platz. Ebenso eklektische und verblüffende choreografische Effekte beschwört die wilde Fantasie eines weiteren regelmässigen Weise-Mitstreiters herauf: Alan Barnes, Absolvent des Dance Theater of Haarlem sowie der Arnie Zane and Bill T Jones Company. Mit auffallend expressionistischen – und durchaus zeitgenössischen – 2-D-Bühnenbildern der ebenfalls vertrauten Kollaborateurin Julia Oschatz, mit Kostümen von Adriana Braga Peretzki und Frank Schönwald, mit wunderbarem Licht von Jens Krüger und hervorragenden Projektionen von Oschatz und Jesse Jonas Kracht ist dies eine Produktion, die einen überwältigenden physischen Eindruck auf die Sinne macht.
Mitten in all dem ist auch die Besetzung ebenso leuchtkräftig. An dem Abend, an dem ich dort war, kam noch eine zusätzliche Portion Nervenkitzel hinzu – ausgelöst durch die offenbar plötzlich eingetretene Indisposition des männlichen Hauptdarstellers Jonas Dassler. In letzter Minute, hiess es, sei er erkrankt und durch Theo Trebs ersetzt worden, der – offen gesagt – Unglaubliches leistete: Text, Songs, Tänze, komplizierte Bewegungsabläufe und … Moment mal; war das wirklich alles so, wie es schien, oder war es womöglich doch alles ein Schwindel … „Alles Schwindel“? Wer weiss. Was auch immer der tatsächliche Auslöser des Tumults war: Er führte zu zunehmend bizarren, dekonstruierten Eingriffen – nicht zuletzt durch den Regisseur selbst, der mehrfach die Bühne betrat, um uns zu erklären, was gerade geschah, sowie durch merkwürdig aufdringliche Erscheinungen der Bühnencrew, der Soufflage (die immer stärker ins Spielgeschehen hineingezogen wurde) und anderer Gestalten, die sich zunehmend schwer zuordnen liessen.
Kurz gesagt: Trebs übertraf sich selbst – und ebenso die bezaubernde Vidina Popov als seine vermeintliche Liebespartnerin. Diese beiden Figuren waren die einzigen, die nicht mehrere Rollen spielen mussten. Der Rest des Ensembles hatte bis zu einem halben Dutzend Parts oder mehr zu bedienen. Die Krönung darunter war zweifellos Oscar Olivo, der regelmässig aus der Rolle trat, um das Publikum direkt anzusprechen und über seinen Hintergrund sowie über die jeweils neueste Person oder Sache zu kommentieren, die er gerade darstellen sollte. Ein grosser Teil des Textes – in stampfender Burleske-Manier von Marcellus Schiffer geschrieben und gespickt mit vielen sehr komischen Pointen – setzte ein gutes Verständnis des Berliner Dialekts voraus. Das muss einer Weiterreise des Stücks natürlich nicht im Weg stehen, und tatsächlich wurden hilfreicherweise englische Übertitel angeboten, um das internationale Verständnis und die Wertschätzung zu erleichtern. So liessen wir uns tief hineinziehen in die herrlich durchgeknallte Welt, die Mareike Bezkirch, Alexander Darkow, Johann Jürgens, Jonathan Kempf, Svenja Liesau, Catherine Stozan, Aram Tafreshian und Mehmet Yilmaz erschufen – eine Welt, in der sie in prachtvoll pantomimischer Manier alles spielen mussten: Menschen, Tiere, Bäume und andere unbelebte Gegenstände. Dohle selbst leitete das Geschehen vom auf der Bühne platzierten Doppelgraben aus, gemeinsam mit Falk Effenberger (Keys) und Steffen Illner (Bass).
Das Ganze war ein Riesenspass, und ich kann es kaum erwarten, noch mehr von diesem wunderbaren Schöpfer musikalischer Komödien zu entdecken, der zu einem von uns wurde: der unermessliche Herr Spoliansky.
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