Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

Seit 1999

Vertraute Nachrichten & Rezensionen

26

Jahre

Das Beste des britischen Theaters

Offizielle Eintrittskarten

Wählen Sie Ihre Plätze

  • Seit 1999

    Vertrauenswürdige Nachrichten & Rezensionen

  • 26

    Jahre

    Das Beste des britischen Theaters

  • Offizielle Eintrittskarten

  • Wählen Sie Ihre Plätze

KRITIK: An Oak Tree, National Theatre ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

stephencollins

Share

Tim Crouch in An Oak Tree. Foto: Greg Veit An Oak Tree

Temporary Theatre, National Theatre

29. Juni 2015

4 Sterne

Was für einen Unterschied ein Tag machen kann.

Es ist eine oft übersehene Wahrheit, dass jede Aufführung eines Theaterstücks anders ist. Form und Gefühl mögen Abend für Abend ähnlich sein, doch da Menschen nun einmal Menschen sind, ergeben sich immer kleine Abweichungen – je nach Energie, Konzentration, Gesundheit und allerlei weiteren Faktoren. Das kann gut oder schlecht sein, je nachdem, an welchem Tag man die Vorstellung sieht.

Selten ist es allerdings so, dass gerade das Anderssein an jedem Abend der Kern eines Theaterabends sein soll. Doch genau darauf beruht die Prämisse von Tim Crouchs Stück An Oak Tree, das derzeit im Temporary Theatre des National Theatre läuft. Es handelt sich um eine Wiederaufnahme zum zehnten Jubiläum, gemeinsam inszeniert von Karl James und Andy Smith – und jeden Abend steht ein anderer Schauspieler bzw. eine andere Schauspielerin mit auf der Bühne. Nicht просто jemand anderes, sondern, wie man uns sagt, jemand, der weder geprobt noch das Skript zuvor gesehen hat.

Im Mittelpunkt steht ein Hypnotiseur (gespielt von Crouch), der in einem Pub – ein Jahr in der Zukunft – seine zweitklassige Nummer abzieht und Besucherinnen und Besucher aus dem Lokal auf die Bühne bittet, um sie zu hypnotisieren. Alle diese „Gäste“ sind imaginär, bis auf die Figur, die vom jeweiligen Gastdarsteller gespielt wird. Die Dialoge zwischen Hypnotiseur und Gastdarsteller bilden das Rückgrat des Stücks und kreisen um Schuld und Verlust, die die Figur des Gastdarstellers empfindet – ausgelöst durch den plötzlichen, unerwarteten Tod seiner Tochter, die von einem Auto erfasst wurde, als sie unachtsam auf die Fahrbahn trat: Kopfhörer auf, nicht hingeschaut.

Mehr über die Wendungen der Handlung zu verraten, würde das Erlebnis komplett verderben – nicht zuletzt, weil man unmittelbar spürt, wie unterschiedlich verschiedene Schauspielerinnen und Schauspieler durch andere Betonungen jeweils andere Aspekte der Situation hervorheben könnten. Genug gesagt: Wer genau hinhört und hinschaut, wird belohnt.

Mit rund 85 Minuten an dem Abend, an dem ich dort war, ist Crouchs Stück ein faszinierendes Experiment. Die Präsenz des Gastdarstellers definiert die Aufführung – entscheidend sind dessen Fähigkeit, kurzfristig zu improvisieren und mit Crouch zu reagieren, ebenso wie das Talent, in kürzester Zeit das Vertrauen und die Sympathie des Publikums zu gewinnen.

Bislang wurde die Gastrolle in dieser Serie von Conor Lovett, Maggie Service, Kate Duchêne, Philip Quast, Stephen Dillane und Naomi Wirthner übernommen. In der Vorstellung, die ich gesehen habe, hatte Samuel Barnett den Auftritt.

Barnett besitzt auf der Bühne eine Wärme und einen natürlichen Charme, die es leicht machen, sich mit ihm zu identifizieren und ihn zu verstehen. Er wirkt keinen Tag älter als damals, als er als Posner in The History Boys bekannt wurde – und spielt hier bewusst gegen sein Image: einen deutlich älteren, verheirateten Mann, Vater von zwei Kindern, vom Kummer aufgezehrt, ausgehöhlt und verstört. Zugleich verlangt das Stück von Barnett, stellenweise er selbst zu sein, und seine Reaktionen auf den sich entfaltenden Text wirken absolut glaubhaft. Ein ansteckender Humor prägt seinen Zugang – wodurch die Passagen, in denen Unsicherheit, Schmerz oder Wut im Zentrum stehen, umso stärker einschlagen. Seine Zugänglichkeit und Freundlichkeit lassen Qual und Reue noch tiefer wirken – und dienen zugleich dazu, Crouchs Manipulation des Publikums sowohl zu verschleiern als auch zu unterstreichen.

Hier steckt viel Kunstgriff dahinter, von Crouch meisterhaft zu einem erfinderischen und (noch immer) verblüffend originellen Stück aus entwickelt-improvisiertem Theater verschmolzen. Crouch trägt die Rolle des zerbrochenen Hypnotiseurs wie einen gut eingetragenen Handschuh, und die Wirkung seiner Darstellung ist ähnlich: vertraut, an manchen Stellen etwas locker, an anderen leicht abgenutzt – und doch auf seltsame Weise tröstlich. Er weiß ganz genau, was er tut, und mit Barnetts hervorragender Unterstützung sind die zentralen Passagen gleichermaßen konfrontierend wie fesselnd.

Musik wird mit hervorragender Wirkung eingesetzt und verändert sowie formt die Stimmung mühelos. Das Herumhantieren an der Tontechnik nervte anfangs etwas, doch sobald das Muster klar ist, stört es nicht mehr, sondern wird Teil der schäbigen Pub-Hypnose-Nummer. Crouch hat sich wirklich in die Welt versenkt, die das Publikum sich ausmalt – und das Ergebnis ist beeindruckend.

Crouch liebt Theater, das verunsichert und Grenzen auslotet – und An Oak Tree ist da keine Ausnahme. Stellenweise ist es brillant, und es ist nie weniger als packend – zumindest war es das an dem Abend, als Barnett der Gastdarsteller war. An anderen Tagen kann es anders sein: besser, weitgehend gleich oder schlechter. Die Dynamik der Mitwirkenden, die sonst in Proben geschliffen wird, ist hier im Grunde roh – und entweder funktioniert sie oder eben nicht. Wenn Barnett und Crouch diesen Tarantella-Tanz aus Schuld, Trauer und gelegentlicher Raffinesse aufführen, wird daraus ein eigenwilliges, originelles und mitreißendes Experiment an den Rändern der Theaterform.

Sehen Sie es, wenn Sie können – und hoffen Sie, dass Ihr Gastdarsteller mindestens so gut ist wie Barnett (oder noch besser).

An Oak Tree läuft am National Theatre bis zum 15. Juli 2015

Diesen Artikel teilen:

Diesen Artikel teilen:

Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach

Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.

Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie

FOLGEN SIE UNS