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REZENSION: Emilia, Vaudeville Theatre London ✭✭✭✭✭
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markludmon
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Mark Ludmon rezensiert Morgan Lloyd Malcolms Emilia, jetzt im Vaudeville Theatre in London zu sehen.
Clare Perkins, Saffron Coomber und Adele Leonce in Emilia. Foto: Helen Murray Emilia
Vaudeville Theatre, London
Fünf Sterne
Tickets buchen Braucht die Welt wirklich noch einen Mann, der über Emilia schreibt – Morgan Lloyd Malcolms packende Geschichte über eine aussergewöhnliche Woman of Colour, die in der patriarchalen Gesellschaft des 16. Jahrhunderts darum kämpft, gehört zu werden? Nach dem Wechsel vom Globe ins West End in der vergangenen Woche wurde die Produktion von den Kritiker:innen gefeiert; doch 400 Jahre später sind die Schiedsrichter des Geschmacks weiterhin überwiegend weisse Männer (so wie ich). Abgesehen von The Stage und dem Daily Telegraph hat die Mainstream-Presse – wie so oft – nur eine männliche Perspektive auf die Show geliefert, was besonders irritiert, denn dieses Stück handelt davon, wie Frauen ihre Stimme jenseits der Kontrolle und Erlaubnis von Männern finden. Ich war jedoch von der Originalproduktion im Globe letzten August so überwältigt, dass ich unbedingt wissen wollte, wie sich dieser überschwängliche, körperlich spürbare Aufschrei nach Veränderung in der engeren Atmosphäre des Vaudeville Theatre schlagen würde.
Der Umzug vom 1.400 Plätze fassenden Open-Air-Spielort in ein 690 Plätze umfassendes Indoor-Theater hat der Wucht der Inszenierung keineswegs geschadet. Im Gegenteil: Es bekommt sogar zusätzlichen Nachdruck, wenn die dynamische, 16-köpfige rein weibliche Besetzung das Stück in einem Raum spielt, der im letzten Jahr die gepflegten Pointen einer Oscar-Wilde-Spielzeit beherbergte. Die Titelfigur selbst ist eine derart mächtige Kraft, dass es drei Darstellerinnen braucht, um sie zu verkörpern: Clare Perkins kehrt als ältere Emilia zurück, Saffron Coomber und Adelle Leonce übernehmen ihre jüngeren Versionen – ein Trio beeindruckender Leistungen. Wie unterstützende Schwestern erzählen sie ihre Geschichte, die auf den lückenhaften historischen Überlieferungen zu Emilia Bassano Lanier basiert, die einigen Theorien zufolge die „Dark Lady“ war – die Muse einiger von Shakespeares Sonetten. Lloyd Malcolm hat klug aus dem wenigen, das man über die reale Emilia weiss – meist gebrochen durch die Feder und den Blick von Männern – eine Vorstellung geformt und die Lücken gefüllt, um die Kämpfe einer unabhängig denkenden Dichterin im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert zu imaginieren. Obwohl fest in der Vergangenheit verankert, entfaltet das Stück viel Resonanz und Relevanz für Frauen im 21. Jahrhundert, geprägt von Feminismus und der #MeToo-Bewegung.
Die Besetzung von Emilia. Foto: Helen Murray
Will Shakespeare tritt als Emilias Freund und Liebhaber auf – erneut brillant gespielt von Charity Wakefield, mit Schnurrbart und Draufgängertum. Zunächst wirkt er wie ihr Verbündeter, doch letztlich glaubt er, seine grösste Würdigung ihres Talents bestehe darin, ihre Worte und Ideen als seine eigenen auszugeben. Emilias wahre Verbündete sind die Frauen um sie herum, und das Stück feiert die Stärke der Schwesternschaft. Da die meisten Darstellerinnen mehrere Rollen übernehmen, ist Sarah Seggari herrlich komisch als die junge Lady Cordelia, während Nadia Albina als Lady Katherine Howard hart, aber verletzlich wirkt. Anklänge von Machismo kommen von Jackie Clune als toxischem Lord Thomas Howard, Carolyn Pickles als Emilias erstem Liebhaber, Lord Henry Carey, und Amanda Wilkin als ihrem urkomisch bockigen schwulen Ehemann Alphonso.
Regisseurin Nicole Charles führt ein rein weibliches Kreativteam an, das durch die Komponistin Luisa Gerstein und die Sounddesignerin Emma Laxton ergänzt wurde. So entsteht eine klangliche Kulisse, die traditionelle Instrumente mit zeitgenössischen Effekten mischt und durch Songs ergänzt wird, die von der gebündelten Stimmkraft des Ensembles leben. Bühnenbildnerin Joanna Scotcher bringt Elemente des Globe ins Vaudeville – mit einem flexibleren Halbkreis aus hölzernen Stufen und Rahmen, nun ergänzt durch das Lichtdesign von Zoe Spurr, das zusätzliche Intensität liefert und zur hochspannenden Action passt. So wie das Stück kollektives Handeln feiert, arbeiten Ensemble und Kreative zusammen, um ein Leben auszuleuchten, das der Geschichte weitgehend verloren gegangen ist – und sprechen nicht nur für Emilia, sondern für alle, deren Stimme von den dominierenden Kräften der Gesellschaft zum Schweigen gebracht oder überhört wurde. Da bislang jede Vorstellung das überwiegend weibliche Publikum zu stehenden Ovationen hingerissen hat, braucht Emilia mein Urteil nicht – doch an seinem neuen Spielort bleibt es ein empowernder Aufruf zum Handeln, der vor Wut und Schmerz brüllt.
Spielzeit bis 15. Juni 2019
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