NACHRICHTEN
KRITIK: Augen geschlossen, Ohren bedeckt, Bunker Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
julianeaves
Teilen
Danny-Boy Hatchard und Joe Idris-Roberts in Eyes Closed, Ears Covered. Fotos: Anton Belmonte Eyes Closed, Ears Covered
Bunker Theatre
16. September 2017
3 Sterne
Kurz vor dem Jubiläum seines ersten vollen Betriebsjahres präsentiert dieser unterirdische, zeitgenössische Spielort erneut die Entdeckung eines faszinierenden Textes – mit frischem, messerscharfem Blick auf die Welt von heute. Regisseur Derek Anderson, den wir noch lebhaft für seinen „Sweeney Todd“ am kurzlebigen Twickenham Theatre in Erinnerung haben, trat mit diesem Projekt an das Haus heran: einem neuen Stück von Alex Gwyther, das von zerbrochenen, hoffnungslosen Charakteren und ihren traurigen, ziellosen Leben erzählt. Die erste Hälfte erinnert durchaus an Philip Ridleys dysfunktionale Soldaten – wir haben das Gefühl, sofort zu wissen, wo wir bei ihnen sind, mit ihren bösen, brutalen und kurzen Leben. Doch da steckt mehr dahinter. Gwyther hat mehr Tricks im Ärmel, als er zunächst preisgibt, und es macht großen Spaß, im zweiten Akt zu verfolgen, wie er Wendungen und Enthüllungen von zunehmend bizarrer Art hervorbringt. In Andersons sicheren Händen fließt die Handlung klar voran, durchtränkt von Norvydas Genys’ eindrucksvollem Licht- und Videodesign und belebt von Jonnie Riordans überschäumenden Bewegungsausbrüchen, während Jon McLeod den Raum mit Musik und Sounddesign füllt. Dazu liefert Alyson Cummins ein scheinbar unaufgeregtes Setting: ein erhobenes, modelliertes Podest, darüber gerahmt von Paneelen um das Licht-Rig.
Danny-Boy Hatchard in Eyes Closed, Ears Covered. Foto – Anton Belmonte
In dieser Landschaft verfolgen wir das Fortschreiten des dreiköpfigen Ensembles: Danny-Boy Hatchard ist – so scheint es – die zentrale Figur, deren wütendes Anrennen gegen die Welt immer wieder von körperlosen Voice-overs eines Polizei-Vernehmungsbeamten unterbrochen wird. Dieser ernste Ton wird jedoch aufgelockert durch sein kumpelhaftes Herumtollen mit dem bewundernden Sidekick Seb (Joe Idris-Roberts), der seinerseits ebenfalls befragt wird – nur deutlich freundlicher und weniger konfrontativ. Nach und nach erfahren wir von einem Ausflug der beiden ans Meer, bei dem anschließend etwas Schreckliches geschah. Die Einführung einer dritten „Live“-Figur, Lily (Phoebe Thomas), erweitert und verschärft ihre Lage. Diese karge, grausame Welt rückt dennoch nie weit weg, und unweigerlich denken wir an die Härte eines Buechner oder Artaud, während sie gefangen wirken und dem Untergang geweiht – Kräften ausgeliefert, die sie weder begreifen noch beherrschen können. Wie ein klassischer Dramatiker verzögert Gwyther die Entfaltung der Erzählung so lange wie möglich, und das Stück wird zur Übung darin, den vom Schicksal gebeutelten Figuren beim Weitermachen zuzusehen – bis zu dem Moment, in dem wir begreifen, dass es für sie kein Weiter mehr gibt.
Phoebe Thomas und Joe-Idris Roberts in Eyes Closed, Ears Covered. Foto: Anton Belmonte
Die Unzugänglichkeit vieler Vorgänge sorgt allerdings auch für ein eher distanziertes, kühles Erleben: Intellektuelle Verwirrung triumphiert häufiger, als man sich wünschen würde, über empathische Anteilnahme. Hatchard und Thomas sind beide erfahrene TV-Darsteller*innen und bringen viel feinste Detailarbeit in ihre Charakterzeichnungen, während Idris-Roberts, frisch von der RADA, in seinem Lebenslauf eher einen „Rep“-Einschlag hat (zwei Alan Bennetts, Shaw und eine Rockoper). Sie wissen, wie man selbst das herbste Material „menschlich“ macht – ihr Regisseur ebenso –, doch Gwyther macht es ihnen nicht leicht. Letztlich bleibt ein Großteil der vordergründigen „Bedeutung“ des Dramas schwer zu fassen, dunkel – fast so, als würde man wirklich eingeladen, wiederzukommen und es noch einmal zu versuchen, um seine geheimen Nebenwege zu entschlüsseln. Dem gegenüber steht vor allem der zweite Akt, der eine prachtvolle Kaskade theatraler Effekte entfesselt, die für sich genommen ein Vergnügen ist – nicht zuletzt wegen der schwindelerregenden visuellen und akustischen Wechsel, die durch die rund 450 Cues in etwa 90 Minuten Spielzeit ausgelöst werden.
Das ist faszinierend anzusehen und weist klar auf interessante, zum Nachdenken anregende neue Talente hin. Was das alles am Ende genau bedeuten mag, können möglicherweise nur die einzelnen Zuschauer*innen für sich entschlüsseln.
TICKETS FÜR EYES CLOSED EARS COVERED
Diesen Artikel teilen:
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie