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BEWERTUNG: Hadestown, National Theatre ✭✭✭✭
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matthewlunn
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Matthew Lunn bespricht Hadestown, ein neues Musical von Anaïs Mitchell, das derzeit im National Theatre zu sehen ist.
André De Shields und das Ensemble von Hadestown. Foto: Helen Maybanks Hadestown
National Theatre (Olivier)
14. November 2018
4 Sterne
Als Anaïs Mitchell das Konzeptalbum schrieb, das dieses Musical inspirierte, war die Welt ein hoffnungsvollerer Ort. Obama war gerade etwas mehr als ein Jahr im Amt und hatte die „Abreibung“ bei seinen ersten Midterms noch vor sich. Die grosse Rückwärtsbewegung in der US-Politik steckte noch nicht einmal in den Kinderschuhen, und Mitchells Darstellung eines redegewandten Despoten, der „riesige Deals“ macht, „den Rust Belt rollen lässt“ und eine Mauer baut, um die Freiheit seines Volkes zu bewahren, wirkt bemerkenswert vorausschauend. Mythen sind so mächtig, weil sie zeitlose Geschichten erzählen – und dieses Musical erkundet die Schönheit und Melancholie, die einige unserer tiefsten Hoffnungen und Ängste tragen.
Eva Noblezada (Eurydike) und Reeve Carney (Orpheus) in Hadestown. Foto: Helen Maybanks Hadestown versetzt den Mythos von Orpheus und Eurydike in eine verarmte moderne Gesellschaft: einen endlosen Winter, in dem Arbeit und Nahrung knapp sind. Eurydike (Eva Noblezada) und Orpheus (Reeve Carney) verlieben sich; sein unbeschwertes Wesen und seine wunderschöne Musik schenken einen Moment der Zuflucht vor der Kälte. Der Frühling kehrt zurück, als Persephone (Amber Gray) erscheint, und die Liebenden sind überzeugt, ihre Sorgen seien vorbei. Doch als Persephones Ehemann Hades (Patrick Page) sie zurück nach Hadestown ruft – in eine unterirdische Fabrik, die all ihren Arbeiterinnen und Arbeitern Essen und Unterkunft verspricht –, kehrt der Winter mit voller Wucht zurück. Eurydike beginnt die Hoffnung zu verlieren, und als sich ihr ein verführerischer Fremder nähert, begreift sie, dass Liebe allein sie nicht satt macht – und nimmt ein One-Way-Ticket nach Hadestown. Als Orpheus von ihrer Entscheidung erfährt, ist er verzweifelt, doch der rätselhafte Hermes (André De Shields) erzählt ihm von einem tückischen Schleichweg zur Fabrik, und Orpheus fasst den Entschluss, sie zu retten.
Patrick Page (Hades) und Amber Gray (Persephone) in Hadestown. Foto: Helen Maybanks In seinen besten Momenten ist Hadestown schlicht überwältigend. „Way Down Hadestown“ – ein jazziges, hochoktaniges Arrangement, das dem Publikum die titelgebende Fabrik vorstellt – ist atemberaubend und ein Höhepunkt von David Neumanns beispielhafter Choreografie. Die Lyrics sind durchgehend beeindruckend und stellenweise von erhabener Poesie. Nicht hoch genug loben kann ich Hades’ Grübeleien in „His Kiss, The Riot“, wo seine Furcht vor Orpheus’ „Belladonna-Kuss“ sich in die Erkenntnis verwandelt, dass „Nichts macht einen Mann so kühn/Wie das Lächeln einer Frau und eine Hand zum Festhalten/Doch ganz allein wird sein Blut ganz dünn/und der Zweifel zieht ein“.
Das Ensemble von Hadestown. Foto: Helen Maybanks
Auch die Darstellerleistungen sind schlicht grossartig. Page und Gray spielen Hades und Persephone seit zwei Jahren und verleihen ihren überirdischen Figuren eine Natürlichkeit, die die Allegorie des Musicals noch schärfer hervorhebt. Auch wenn ihre Beziehung nicht in der Tiefe ausgelotet wird, eröffnen die feinen Nuancen, mit denen sie als Gegenbilder zu Orpheus und Eurydike fungieren, einen faszinierenden Blick darauf, wie Liebe uns erhebt und Gier uns verkleinert. Pages wohlklingender Ultra-Bass, der an den späten Leonard Cohen erinnert, ist zugleich furchteinflössend und fesselnd – pure Macht. Noblezadas Eurydike ist wunderbar austariert; ihre kraftvolle, traurige Stimme zeichnet mühelos Leidenschaft und inneren Konflikt. Carney ist ein überaus überzeugender Orpheus; die Reinheit seines Herzens leuchtet durch eine Figur, die in weniger sensiblen Händen leicht selbstbezogen wirken könnte. Und De Shields ist ein eleganter, charismatischer Erzähler.
Patrick Page, Amber Gray und Reeve Carney in Hadestown. Foto: Helen Maybanks Hadestown hat ein paar Schwächen, die es daran hindern, ganz zur absoluten Grösse aufzuschliessen. Orpheus ist zu knapp gezeichnet und dadurch weniger menschlich als Eurydike; seine beinahe göttlichen Obsessionen harmonieren nicht immer mit der „Great Depression“-Ästhetik, die das Verhalten seiner Geliebten mit auslöst. Überhaupt scheint das Musical bisweilen unschlüssig, ob Hadestown eine wörtliche oder eine metaphorische Hölle ist – Hermes’ Zeile „Eurydike war ein hungriges junges Mädchen, aber sie war nicht mehr hungrig/Was sie stattdessen war, war tot – /Der Welt jedenfalls tot“ widerspricht scheinbar einer früheren Beschreibung, sie liege „sechs Fuss unter der Erde“. Zwar ist das Musical im World-Building häufig brillant – man sieht es an der mühelosen Lebendigkeit, die Persephones Rückkehr an die Oberfläche mit sich bringt –, doch die Schrecken der Fabrik bleiben nicht vollständig konturiert, sodass die Musik zu viele Aufgaben gleichzeitig schultern muss. Der Chor war in Energie und Vielseitigkeit beeindruckend, hätte aber womöglich von einer grösseren Besetzung profitiert, um das Leid der Arbeitenden zu vergrössern und die unnachgiebige Bürokratie, die in den Songs so treffend beschworen wird, noch plastischer werden zu lassen. Unstimmigkeiten müssen jedoch der Freude nicht im Weg stehen. Das Gelungene an diesem Musical ist so triumphal, dass man sich schon sehr anstrengen müsste, um den Saal nicht mit einem leichteren Gefühl zu verlassen. Hadestown hat das Potenzial, etwas wirklich Besonderes zu werden.
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