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KRITIK: Hangmen, Wyndham's Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
matthewlunn
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Craig Parkinson, Tony Hirst, Sally Rogers, Ryan Pope, Simon Rouse, David Morrissey und James Dryden Foto: Helen Maybanks Hangmen
Wyndham's Theatre
25. Januar 2016
5 Sterne
Tickets kaufen Wenn man jemandem zutrauen kann, eine schwarze Komödie punktgenau zu liefern, dann Martin McDonagh. Der irische Dramatiker ist ein unbestrittener Meister des Genres – mit einem beneidenswerten Werkverzeichnis, zu dem unter anderem The Pillowman, The Cripple of Inishmaan, The Lieutenant of Inishmore und In Bruges zählen. Hangmen ist eine würdige Ergänzung dieser Reihe und bietet einen faszinierenden Einblick in die dunklen Absurditäten einer vom Tod besessenen Kultur. Angesiedelt im Oldham der 1960er-Jahre endet der Prolog mit einer bedeutenden Hinrichtung, deren Nachhall einen grossen Teil der Handlung antreibt. Eindrücklich ist dabei: Wenn die Darsteller*innen die Bühne verlassen, zieht sich die Henkerschlinge verführerisch in die Decke zurück – ausser Sicht, aber fest im Kopf des Publikums verankert. Obwohl es eine Welt ohne Henker ist, bleibt die Erinnerung an ihre grobe Gerechtigkeit bestehen. Hangmen erzählt die Geschichte von Harry Wade (David Morrissey), einem gefeierten Henker, der sich mit der Überflüssigkeit seines Berufs auseinandersetzen muss. Doch Harry ist kein Mann, der vergangene Triumphe einfach verblassen lässt. Der Pub, den er mit seiner Frau Alice (Sally Rogers) führt, ist voll von ehrfürchtigen Gästen – beste Voraussetzungen, um nach Herzenslust den Platz am Stammtisch zu beanspruchen. Diese zufriedenstellende Rente gerät ins Wanken, als Peter Mooney (Johnny Flynn) auftaucht: ein selbstsicherer, rätselhafter junger Mann mit einer geheimnisvollen Agenda. Als auffälliger Aussenseiter kippt seine Präsenz ins Bedrohliche, nachdem er ein unheimliches Gespräch mit der ahnungslosen Teenager-Tochter der Wades, Shirley (Bronwyn James), geführt hat, in dem er anbietet, sie zu einer Freundin in eine Burnleyer Anstalt zu fahren. Als Harrys entfremdeter früherer Assistent Syd (Andy Nyman) im Pub eintrifft, kommt die Rede auf die umstrittene Hinrichtung eines angeblichen Sexualtäters. Syd glaubt, dem wahren Schuldigen begegnet zu sein – und Harry ist entsetzt, als er erfährt, dass es derselbe seltsame Mann gewesen sein könnte, der nur wenige Stunden zuvor in seinem Pub war.
Morrissey ist in Bestform als der ätzende, selbstgefällige Harry – stets bereit, einen der Gäste abzukanzeln, Shirley dafür anzufahren, dass sie „so mies gelaunt“ sei, oder mit spitzfindiger Akribie die Schwächen seines bekannteren Kollegen Albert Pierrepoint aufzuzählen. Die Autorität und der Humor, mit denen Morrissey Harrys Prominenz beglaubigt, werden wunderbar von seinem wachsenden Bewusstsein für die eigene Irrelevanz getragen. Fixiert auf sein öffentliches Image, erklärt Harry einem Journalisten, es sei sein gutes Recht, zur Abschaffung des Hängens „seinen eigenen Rat“ zu behalten – doch es braucht nicht viel, um ihn dazu zu bringen, preiszugeben, wie viele Menschen er in den Tod geschickt hat oder warum es in dieser Hinsicht ein „Sternchen neben dem Namen“ geben müsse. Solche Spitzen verankern Harrys Stolz in seinem bitteren Kern, der sich in den Begegnungen mit Syd und Mooney weiter zeigt und im Finale schonungslos offengelegt wird.
Johnny Flynn, Tony Hirst, Simon Rouse und Ryan Pope Foto: Helen Maybanks Vielleicht ist das Beeindruckendste an McDonaghs Text die karriereprägende Rolle des Peter Mooney – aussergewöhnlich gespielt von Johnny Flynn. Als Singer-Songwriter bekannt, besitzt sein Mooney kein bisschen von jener sanften, poetischen Seele. Stattdessen ist er ein gut gelaunter Soziopath mit Talent zum Monolog. Flynn gestaltet das mit einer nüchternen, zugleich seltsam überzeugenden Art zu sprechen – mit einem Rhythmus, der an In Bruges’ Harry Waters erinnert. Seine Sätze rollen in verblüffender Weise ineinander, und dabei beobachtet er ständig ihre Wirkung. Zwar lässt Mooney in zwei Schlüsselszenen die Maske fallen (und zwar dramatisch), doch meist ist er beeindruckend chamäleonhaft und projiziert jeweils die Version seiner selbst, die jedes Publikum für sich gewinnen soll. Ob er eine Runde für die Stammgäste ausgibt oder sich in eine aufgeregte Verlegenheit hineinsteigert, um Shirley seine angebliche „Schüchternheit“ zu verkaufen – seine Unaufrichtigkeit ist verblüffend anzusehen. Er ist abscheulich und unberechenbar, was dramatisch höchst wirkungsvoll ist. McDonagh bringt uns dazu, über unser eigenes Verlangen nach „Gerechtigkeit“ gegenüber so einer Figur nachzudenken, gerade weil Verhalten und Motive stets zumindest teilweise im Dunkeln bleiben.
Auch wenn Morrissey und Flynn ihre komischen Momente haben, kommt ein grosser Teil des vordergründigen Humors vom hervorragenden Ensemble in den Nebenrollen. Andy Nymans willensschwacher, frustrierter Syd ist ein herrlich komisches Gegenstück zu Harry Wade: Seine Versuche, eine sympathischere Version seiner selbst zu präsentieren, werden durch schiere Inkompetenz unterlaufen. Sally Rogers’ Alice ist eine angenehm gestresste Erscheinung, und ihre schnippische, letztlich aber ziemlich liebevolle Beziehung zu Shirley verleiht vielen späteren, rabenschwarzen Szenen zusätzlichen Biss. Bronwyn James – in ihrem ersten West-End-Stück – liefert wiederum eine nuancierte Leistung. Shirleys „Schüchternheit“ ist köstlich dick aufgetragen, doch das frostige Verhältnis zu ihrem Dad und ihre Eitelkeit angesichts Mooneys Aufmerksamkeit lassen auf ein reiches, und ziemlich trauriges Innenleben schliessen. Die Stammgäste an der Bar (Tony Hirst, Ryan Pope, Craig Parkinson und Simon Rouse) sind ungemein unterhaltsam – wobei Simon Rouses tauber und ziemlich gedankenloser Arthur eindeutig das Highlight der Truppe ist. Besonders zu erwähnen ist auch John Hodgkinsons grandios vulgärer Gastauftritt als Albert, der dem wunderbaren Finale noch zusätzliche Würze verleiht.
Auch das Bühnenbild ist schlicht wundersam. Anna Fleischle erschafft drei eigenständige Räume: die trostlose grün-beige Gefängniszelle des Prologs – die sich nach dessen Ende in die Decke hebt –, den verrauchten, schummrig beleuchteten Pub, in dem der Grossteil der Handlung spielt, und das schäbige, vom Regen gepeitschte Café der Eröffnungsszene des zweiten Teils. Dieser Bravour-Dialog zwischen Syd und Mooney findet einige Meter über der Bühne statt und rückt das Publikum von einem schmutzigen, unangenehmen Gespräch ab – macht es aber zugleich zu einer Art Kuriosum. Matthew Dunsters grossartige Regie fällt hier besonders auf: Die Machtverhältnisse zwischen den beiden Männern werden durch das jeweils unterschiedliche Mass an Freiheit, das jeder in diesem beengten Raum ausstrahlt, deutlich sichtbar. Ohne eine der besten Szenen des Abends zu spoilern: Noch nie wurde das Wort „definitiv“ mit derart erhabenem komischen Effekt eingesetzt.
Hangmen ist ein witziges und zum Nachdenken anregendes Stück, mit einer dunklen Strömung, die für vieles in McDonaghs Arbeit typisch ist. Es ist eine hervorragende Ergänzung seines Repertoires – und ich kann mir gut vorstellen, dass auf der West-End-Bühne noch viele Jahre lang grossartige Schauspieler*innen ihre eigenen Harry Wades und Peter Mooneys spielen werden. Hangmen läuft im Wyndham's Theatre bis zum 15. März. Jetzt buchen!
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