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REZENSION: Joseph und der fantastische Technicolor Traum-Mantel, London Palladium ✭✭✭✭✭
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julianeaves
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Julian Eaves rezensiert Andrew Lloyd Webber und Tim Rices Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat, derzeit im London Palladium zu sehen.
Jac Yarrow und das Joseph-Ensemble Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat London Palladium
11. Juli 2019
5 Sterne
50 Jahre sind vergangen, seit dieses Stück die erstaunlichen Musical-Karrieren von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice so richtig ins Rollen brachte – und es hat sich einen bemerkenswerten Platz in den Herzen des britischen Publikums erobert. Einen besseren Beweis dafür konnte man sich kaum vorstellen als die Szene gestern Abend: draussen vor dem Flaggschiff der britischen Unterhaltungsbühne herrschte nahezu ekstatische Verehrung. Die Argyll Street war von einem Ende bis zum anderen voll mit begeisterten Theaterfans und Promi-Guckern, als wir zur Premiere einer brandneuen Produktion dieses Dauerbrenners ankamen – noch bevor wir überhaupt im Saal waren, hatte unsere Vorfreude längst Bananen-Niveau erreicht.
Jac Yarrow und Sheridan Smith mit dem Joseph-Ensemble. Foto: Tristram Kenton
Doch nichts davon hätte uns auf das vorbereiten können, was wir gleich erleben sollten. Regisseur Laurence Connor, der bereits viele der am längsten laufenden Shows in London und New York aufgefrischt hat, tut hier nicht nur das: Er entdeckt eine Folk-Pop-Oper völlig neu – komplex, klug, mitreissend und wunderschön. Ausgehend von der biblischen Geschichte von Jakob und seinen zwölf Söhnen – dem geliebten Goldjungen des Titels und den elf, die das Nachsehen haben – findet Connor im Libretto eine brillant gearbeitete und feinfühlige Untersuchung von Charakter und Schicksal. Die Partitur, in den energiegeladenen Händen von John Rigby, und mit stupenden Tanz-Arrangements von Sam Davis sowie schillernd lebendigen, wach-evokativen Orchestrierungen von John Cameron, ist weit mehr als eine Reihe von Pastiches, eingerahmt vom Hit „Any Dream Will Do“. Sie ist eine eigene Welt. Lloyd Webbers Gabe für Melodien und sein noch stärkeres Gespür für grosses Theater wirkten selten so ausgeprägt, und Rices Texte sind Meisterwerke an Klarheit, Witz und Vielfalt. Das ist nicht nur eine Show für Kinder. Es ist auch nicht bloss ein interessantes Frühwerk zweier Autoren, die später noch Besseres schufen. Das hier ist eines ihrer besten Werke.
Sheridan Smith und das Joseph-Ensemble. Foto: Tristram Kenton
Um diese Vision umzusetzen, wird der Bühnen- und Kostümbildner Morgan Large (der sich in den letzten Jahren mit einer Reihe wunderbar souveräner Projekte, die klein begannen und rasch immer grösser wurden, einen Namen gemacht hat) eingeladen, sein visuelles Genie auf der gigantischen Palladium-Bühne auszuspielen. Das tut er mit intellektueller Strenge, Verve und einem Sinn für Spass, der sämtliche Ebenen von Kopf und Sinnen anregt – und dabei, selbst in den opulentesten Momenten, so schlicht und unschuldig wie möglich bleibt. Dazu bedient er sich von Cézannes Kegel, Kugel und Dreieck sowie einer guten Anzahl Kisten, um den drei Welten der Geschichte harmonische Einheit zu verleihen: der des Erzählers; Kanaan; Ägypten.
Den Auftakt macht Sheridan Smith – ganz entspannt in zeitgenössischem Streetwear-Look, mit einem Haufen blonder Locken auf einer Seite (Richard Mawbey verantwortet Perücken, Haar und Make-up) – und sie ist in dieser Rolle eine reine Freude. Sie wirkt kurviger und sieht wirklich glücklich aus, klingt auch so: ihr perfekt dosiertes, wissendes und zugleich vertrautes Flirten mit dem Publikum schafft genau die richtige Verbindung, und mit den vielen ausgezeichneten Kindern in dieser Besetzung hat sie eine geradezu magische Beziehung. Ihre Stimme ist in bestechender Form. Ihre Eröffnungsnummer trifft den Ton – und führt zugleich die herrlich wandlungsfähige Choreografie der Amerikanerin Joann M Hunter ein: Sie baut sich auf, wächst, verändert und entwickelt sich mit jeder Wendung der Handlung, stets im Einklang mit der mitreissenden Partitur, und reicht in ihren Anspielungen von Michael Kidd bis zu Pop-Promos.
Sheridan Smith, Jason Donovan, Jac Yarrow und das Joseph-Ensemble. Foto: Tristram Kenton
Am bemerkenswertesten aber ist der brandneue Newcomer Jac Yarrow, der – unglaublich – hier sein professionelles Bühnendebüt gibt: in der Hauptrolle einer grossen West-End-Wiederaufnahme eines grossen Titels. Das ist ein Traum. Und genau diese aufrichtige, echte Idealismus-Qualität durchdringt jedes Wort und jede Geste, während er seine Reise durchläuft. Unterwegs landet er einige beachtliche Triumphe – allen voran die Fidelio-hafte Gefängnisarie „Close Every Door“, die ihm stehende Ovationen einbrachte.
Das Ensemble um ihn herum ist als Erzählertruppe ebenso elektrisierend und fesselnd. Das einzig schwache Glied in der Kette zeigt sich leider im zweiten Akt – mit dem lang erwarteten Auftritt eines weiteren grossen Namens, der Publikum ins Haus zieht: ein ehemaliger Joseph selbst, internationaler Recording- und TV-Star Jason Donovan. Körperlich macht er immer noch Eindruck, und – herausgeputzt in Metern von Fake-Gold und mit Sonnenbrille – funktioniert seine pharaonische Elvis-„King“-Presley-Imitation bewegungstechnisch gut. Das Problem ist nur seine Stimme. Anders als die kristallklare Artikulation, die man ansonsten wirklich überall hört – einschliesslich beim frechen Kinderdarsteller als Potiphar – habe ich persönlich kein einziges Wort verstanden, das Donovan sang. Bei einer Show, die so enorm bekannt ist, mag das kaum ins Gewicht fallen, aber ich habe sie noch nie zuvor gesehen und die Partitur seit Jahrzehnten nicht mehr durchgehört.
Das Joseph-Ensemble. Foto: Tristram Kenton
Abgesehen davon gibt es an dieser Produktion nichts zu kritisieren. Die 14-köpfige Band spielt sensationell – die straffe, üppige, kernige Balance der Blechbläser wird man nicht vergessen, und Huw Clement Evans’ Englischhorn-Soli werden Ihre Träume heimsuchen; dieses Orchester entfaltet in Gareth Owens nahezu makellosem Sounddesign einen gewaltigen Klang. Auch Ben Cracknells Licht ist himmlisch und verbindet Showbiz-Glamour mit der Wahrheit der Kunst. In diesem Leben – oder zumindest in dieser Theatersaison – bekommt man kein besseres Bild vom Paradies.
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