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KRITIK: Leave To Remain, Lyric Hammersmith ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
1. Februar 2019
Von
jenniferchristie
Jennifer Christie rezensiert das neue Musical Leave To Remain, das jetzt im Lyric Hammersmith läuft.
Tyrone Huntley (Obi) und Billy Cullum (Alex) in Leave To Remain. Foto: Helen Maybanks Leave to Remain
Lyric Hammersmith
29. Januar 2019
4 Sterne
Tickets buchen Leave to Remain wird bereits als das nächste grosse britische Musical gefeiert. Derzeit ist es in seiner Premieren-Spielzeit am Lyric Hammersmith zu sehen.
Das Thema ist hochaktuell, die Musik greift afrikanische Beats und Harmonien auf, getragen von einem konstanten elektronischen Dance-Club-Drive, und die Choreografie verbindet Contemporary Dance mit Hip-Hop. Das hat Schwung – ein stilbewusster Mix aus Trends mit viel Esprit. Es stellt sich die Frage, ob hier wirklich Neuland betreten wird; aber das ist eine alte Frage. Warum also nicht die aktuellen Sounds und Bewegungen geniessen, bevor es weiter zum nächsten Trend geht?
Der Kern der Geschichte stammt vom Co-Autor Kele Okereke, der seine Idee einer Story über eine gleichgeschlechtliche Ehe zu Matt Jones brachte. Der Dreh: Einer von beiden ist sich nicht sicher. Das passiert in jeder Ehe bis zu einem gewissen Grad – hetero wie queer – aus den unterschiedlichsten Gründen. Die eigentliche Tiefe entsteht jedoch aus den Beziehungen innerhalb und zwischen den beiden Familien. In jedem dieser Gefüge gibt es so viele Probleme, dass es ist, als sähe man einem Autounfall zu – manchmal in Zeitlupe.
Die Besetzung von Leave To Remain. Foto: Helen Maybanks
Trotz der Unsicherheit, ob geheiratet werden soll oder nicht, braucht einer der Bräutigame ein Visum, der andere hat ein Geheimnis – diese Ehe wird also auf Unwahrheiten auf beiden Seiten gebaut sein. Der schwule Freund, der mich begleitet hat und selbst verlobt ist, äusserte Bedenken hierzu und zu weiteren klischeehaften Situationen, die Stereotype über queeres Leben fortschreiben und die Relevanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Ehe untergraben. Jenseits der drogen- und alkoholdurchtränkten Dance-Raves gibt es eine ruhigere, sozial etablierte Kultur, die Anerkennung verdient. Allein die Familiensituationen böten genug Drama für eine starke Erzählung – auch ohne die zahlreichen zusätzlichen Verwicklungen.
Die Show stürmt durch die Exposition: Tyrone Huntley in der Rolle des Obe und Billy Cullum als sein Partner Alex lernen sich kennen, verlieben sich und ziehen zusammen. Das Tempo baut sich zu einem grossartigen Höhepunkt auf – mit Spoken Word und einer vielschichtigen musikalischen Deutung von Paarbeziehungen. Alex und Obe, beide Elternpaare sowie ihre Freunde Raymond und Damien sprechen alle The Lies We Tell. Die Figuren sprechen einzelne Sätze, die von einer anderen Figur aufgegriffen werden, und wenn die Emotionen hochkochen, setzt die Melodie ein. Ein sehr cleveres Mittel, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in uns allen herauszuarbeiten.
Billy Cullum (Alex) und die Besetzung von Leave To Remain. Foto: Helen Maybanks Huntley hat mehrere atemberaubende Solostücke sowie einige hochdramatische Szenen und zeigt grosse Klasse, eine glaubwürdige und sympathische Figur zu zeichnen. Top of Form Cullum muss auf sein Solo The Sea Between Us warten, das er dann mit Überzeugung und kräftigen Vocals liefert.
Der Rest des Ensembles hat ausgeprägte Figuren, dazu einige kleinere Parts. Die Frauenrollen sind durchweg kraftvoll und komplex. Johanne Murdock spielt Diane, Alex’ Mutter. Diane fliegt für die überstürzte Hochzeit nach London. Überstürzt muss sie sein angesichts von Alex’ möglicher, Brexit-bedingter Ausweisung aus Grossbritannien. Diane ist nicht so stark, wie sie wirkt, und Murdock zeichnet diese gequälte Mutter mit viel Empathie – und spielt das alkoholbedingte Erbrechen ihrer Wahrheit fein und zurückgenommen. Murdock hat den Auftakt zu einer Nummer, die das Zeug zum Showstopper hätte: Sie beginnt zu glühen und endet viel zu früh.
Rakie Ayola (Grace) und Cornell S John (Kenneth) in Leave To Remain. Foto: Helen Maybanks
Obes Mutter Grace spielt die erfahrene Schauspielerin Rakie Ayola. Grace ist lange der patriarchalen Linie gefolgt, und erst in den letzten Szenen findet sie Worte für den Frust über die verpassten Jahre in Obes Leben. In den triumphalen Schlussszenen steht sie endlich für sich und ihren Sohn ein. Ayola hat eine grossartige Singstimme – und es wäre wunderbar gewesen, mehr davon zu hören, als diese Produktion hergibt.
Aretha Ayeh ist Obes Schwester Chichi – nicht die niedliche Figur, die der Name vermuten lässt, sondern eine durchsetzungsstarke, erfolgreiche Anwältin und eine verlässliche Stütze für ihren Bruder. Ayeh liefert ebenfalls eine starke Leistung und zieht mit ihren kurzen Solo-Gesangsmomenten sofort Aufmerksamkeit auf sich.
Die Besetzung von Leave To Remain. Foto: Helen Maybanks
Die übermächtige patriarchale Figur William wird von Cornell S. John verkörpert. Seine Zeichnung als unnachgiebiger Vater von Obe, der seinen 16-jährigen Sohn verstösst, weil er schwul ist, ist erschreckend kalt.
Die Choreografie – in Tanz wie in den Bewegungen auf der Bühne – ist in dieser Produktion herausragend und stammt von Regisseur Robby Graham (im Programm gibt es keine weitere Nennung, was angesichts von Grahams Tanz-Hintergrund auffällt). Die Fliessfähigkeit der Bewegung ist wunderschön anzusehen, ebenso die energetischeren, kraftvolleren Nummern. Die Szenen, in denen Zeitlupe eingesetzt wird, sind sehr wirkungsvoll und legen den emotionalen Strom unter der Handlung frei.
Das Bühnenbild von Rebecca Brower ist häufig integraler Bestandteil der Bewegung: Das Ensemble verschiebt Wände, trägt Stühle und richtet das Set in gut einstudierten, choreografierten Abläufen ein. Das unterstützt die Erzählung und sorgt dafür, dass der Fluss der Geschichte reibungslos vorangeht. Auf diesem Set spielt das lebendige Lichtdesign von Cat Carter.
Leave to Remain steckt voller kluger Ideen, und das Ensemble sprüht vor Talent.
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