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REZENSION: Liebe in Unruhe. Apollo Theatre ✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

julianeaves

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Eve Best (Olivia Brown) und Anthony Head (Sir John Fletcher). Foto: Catherine Ashmore Love In Idleness

Apollo Theatre

18. Mai 2017

3 Sterne

Karten buchen In jüngster Zeit ist ein regelrechter Run auf Terence Rattigans Meisterwerk „The Deep Blue Sea“ zu beobachten: mit prominenten Wiederaufnahmen, einem neuen Film und sogar einem brillanten neuen Stück von Mike Poulton, „Kenny“, das sowohl auf den realen Ereignissen beruht, die es angestossen haben, als auch auf dem sorgfältig konstruierten Drama, das aus deren Asche entstand.  Da war es vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand Rattigans Sammlung von Skizzen für das spätere, deutlich ausgereiftere und erfolgreichere Stück hervorholt – jenes Werk, das seinen Titel einer eigentümlichen Anspielung auf Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ verdankt und nun, nach dem Upgrade aus der Menier Chocolate Factory, in dieser Verlegung an die Shaftesbury Avenue angekommen ist.

Beworben – in Bob Kings sorgfältig komponiertem Grafikdesign – als Dreipersonenstück zwischen dem jungen Mann Michael Brown, der Frau in den besten Jahren Olivia Brown und dem älteren Sir John Fletcher, erzählt das Stück eine simple Geschichte: Das Kartenhaus einer ehebrecherischen Liaison gerät ins Wanken, als der Sohn der Dame nach Jahren der Abwesenheit zurückkehrt – inzwischen deutlich erwachsener und reichlich unerquicklich.  Dass der ältere (verheiratete) Liebhaber zudem Minister in Churchills Kriegskabinett ist und seine Geliebte eine effizient versierte Society-Dame, hält der Leichtigkeit, mit der ihre Abmachung durch die Rückkehr eines naiven 17-Jährigen aus der kanadischen Evakuierung aus der Bahn geworfen wird, kaum mehr als einer flüchtigen Überprüfung stand.  Doch das ist nur die erste und auffälligste von buchstäblich Dutzenden Schwächen im Text.  Das Ganze ist eine wahre Trickkiste, vielleicht etwas hastig zusammengezimmert vom sonst deutlich sorgfältigeren Rattigan: Alle ein, zwei Seiten bekommen wir einen neuen Ton, eine neue „Einflussquelle“ (oder Übernahme).  In der Welt der leichten West-End-Unterhaltung könnte man behaupten, solche Einwände seien egal.  Aber das stimmt nur, wenn einem sonst am Stück ebenfalls nichts liegt.  Und wenn das so ist: Warum spielt man es dann?

Eve Best (Olivia Brown), Anthony Head (Sir John Fletcher) und im Hintergrund Edward Bluemel (Michael Brown). Foto: Catherine Ashmore

Nun, ich glaube, ich kenne die Antwort.  Es gibt drei begabten Darstellerinnen und Darstellern freien Lauf, um zu zeigen, was sie können.  Bei den Männern bekommt ein charismatischer, attraktiv gebauter jugendlicher Hauptdarsteller die Chance, sein herrisch-ephebisches Material auszustellen, und als würdiges Gegengewicht dient ein grauhaariger Charakterdarsteller, der uns daran erinnert, dass in Herzensdingen Erfahrung am Ende doch ungleich mehr zählt als jede Portion jugendlicher Impulsivität und Schmollen.  Zwischen diesen beiden markant gezeichneten Polen hat die betreffende Dame – vom Mechanismus der Handlung wie eine ödipale Marionette hin und her gezogen – zwei Möglichkeiten: Entweder versucht sie das Unmögliche und bastelt aus den Häppchen, die der Autor ihr in der „Rolle“ hinwirft, eine irgendwie stimmige Charakterzeichnung zusammen; oder – und genau das passiert hier – sie ist eine starke Persönlichkeit mit treuer Gefolgschaft, auf die man sich verlassen kann, dass sie allein mit Willenskraft über die zahllosen Widersprüche und Non sequiturs hinwegfegt, die ihr der nickende Schreiber in den Weg legt, und sich bis zur Ziellinie durchkämpft – so, dass das Publikum glaubt, den Ticketpreis nicht völlig umsonst bezahlt zu haben.

Insofern: Gott sei Dank für dieses Ensemble.  Der Junge wird energiegeladen und überzeugend vom Newcomer Edward Bluemel mit reichlich schütterem Haar gespielt; der ältere Herr mit überragender Könnerschaft vom patricischen Profi Anthony Head; und die Frau, die sich zwischen den beiden behaupten muss – verzeihen Sie den Ausdruck – ist keine Geringere als Eve Best, die hier ein Musterbeispiel liefert, wie ein gusseiserner „Auftritt“ ein Stück vor dem Vergessen bewahren kann.  In Ehrfurcht vor der schieren Entschlossenheit dieses Trios, mit Professionalität die Schwächen des Autors auf diesem Feld zu übertrumpfen, sprang das Publikum nach den vier grosszügigen (in jeder Bedeutung des Wortes) Szenen, aus denen diese Erzählung besteht, von den Sitzen – nein, nicht aus Hast, um den Zug nach Hause zu erwischen, sondern aus aufrichtiger Bewunderung für das, was es gerade gesehen hatte: die Verwandlung eines Schweinsohrs in einen Seidenbeutel.

Eve Best (Olivia Brown) und Edward Bluemel (Michael Brown). Foto: Catherine Ashmore

Bei diesem titanischen Unterfangen werden die Spielerinnen und Spieler tatkräftig unterstützt von einem der erfahrensten Regisseure des Landes: Trevor Nunn.  Kaum jemand dürfte besser wissen als er, wie man Konstruktionsfehler, psychologische Schnitzer, Registerprobleme, das blecherne Klirren unfertiger Dialoge oder die schludrige Preisgabe jeder Logik kaschiert – all das, was dieses Skript wie aufgetürmte Trümmerberge aus ausgebombten früheren Fassungen verstopft.  Die ersten Seiten sind gar nicht so übel, sehr Noel Coward in der Art, mit einem Hauch Somerset Maugham.  Mit dem Auftritt des jungen Mannes jedoch geraten wir in graham-greene’sches, subfreudianisches Terrain, ein schwerfälliger „Riff“ auf „Hamlet“, und das Bühnenbild – solide und geschniegelt nach grimmig-ernsten Plänen von Stephen Brimson Lewis gebaut – beginnt vor unseren Augen regelrecht zu wackeln.  Mit hörbarem Knarren taumeln wir in John-Drinkwater-Gefilde, werden dann auf ein Filmset von Powell und Pressburger versetzt – oder ist es Basil Dearden?  Und man fragt sich: Warum?

Edward Bluemel (Michael Brown) und Anthony Head (Sir John Fletcher). Foto: Catherine Ashmore

Aber sei’s drum.  Lewis lässt Miss Best in einer Reihe exquisiter Kleider jederzeit umwerfend aussehen, obwohl er alle Entwürfe übertrumpft, indem er sie für das Schlussbild in einen extremen Googie-Withers-„Verité“-Look steckt.  Trotzdem überstrahlt sie stets die stärker herausgeputzte Konkurrenz: Charlotte Spencer als luftige Diana Fletcher (die goldgräberische Ehefrau ihres Liebhabers) oder Nicola Sloane als grell ausstaffierte Miss Wentworth.  Sloane und Vivienne Rochester dürfen zudem – kurz – zwei weitere Frauen im Fletcher-Haushalt spielen, das Hausmädchen Polton und die Sekretärin Miss Dell; beides Rollen, die vom Autor nachlässig unterentwickelt und weggeworfen wirken – offenbar einzig mit dem Ziel, seinen Stars möglichst viel Bühnenzeit zu verschaffen.

Währenddessen sorgt Paul Pyant dafür, dass das Licht zur rechten Zeit an- und ausgeht; Gregory Clarke stellt sicher, dass wir ein Radio hören und – zu Beginn der Vorstellung und während der Umbauten – eine dröhnende Wochenschau; und Duncan Mclean serviert das entsprechende Filmmaterial, um dem, was dazwischen passiert, Glaubwürdigkeit zu verleihen.  Das alles sieht sehr schick aus – selbst die Gefängnismauern, die den spärlich ausgestatteten, nüchternen Innenraum von Sir Johns Haus zu umschliessen scheinen.  Wenn Sie meinen, diese Produktion müsse unbedingt auf Ihre Liste der Wiederentdeckungen zu Recht obskurer und vergessener Stücke, dann wird Ihnen zumindest der Besuch – optisch – nicht wehtun.

Was auch immer Sie tun: Bitte verweilen Sie nicht bei dem Gedanken, dass es sehr, sehr viele deutlich bessere Stücke gegeben hätte, die man hätte auswählen können – und denen all diese Mittel hätten zugutekommen können –, und dass es nicht so gekommen ist.  Wenn Sie nach dem Warum fragen möchten, richten Sie bitte sämtliche diesbezügliche Korrespondenz an die Produzenten.

KARTEN FÜR LOVE IN IDLENESS IM APOLLO THEATRE BUCHEN

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