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KRITIK: Rotterdam, Trafalgar Studios 2 ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
30. Juli 2016
Von
sophieadnitt
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Alice McCarthy und Anna Martine in Rotterdam. Foto: Piers Foley Photography Rotterdam
Trafalgar Studios 2
28. Juli 2016
4 Sterne
Tickets buchen Es ist immer spannend, wenn eine kleinere Produktion für eine weitere Spielzeit wiederaufgenommen wird. Jon Brittains Rotterdam ist genau so ein Stück und läuft jetzt im winzigen zweiten Studio der Trafalgar Studios. Der Raum ist kaum groß genug, um sprichwörtlich eine Katze zu schwingen, und gerade deshalb passt er auf merkwürdige Weise perfekt zu diesem Stück: Das Publikum sitzt auf drei Seiten und ist den Figuren so nah, dass man jeden Atemzug mitbekommt – die Intimität des Abends ist unausweichlich.
Nach sieben Jahren in Rotterdam steht Alice kurz davor, sich bei ihren Eltern zu outen – zugegeben per E-Mail. Sekunden bevor sie auf „Senden“ klicken kann, lässt Freundin Fiona jedoch eine Bombe platzen: Sie hat sich in ihrem Körper nie wirklich wohlgefühlt und möchte als Adrian, als Mann, leben. Das stürzt Alice in eine Identitätskrise: Ist sie eine lesbische Frau – oder, wenn sie nun mit einem Mann zusammen ist, macht sie das heterosexuell?
Alice McCarthy und Anna Martine in Rotterdam. Foto: Piers Foley Photography
Wir werden vom Moment an zu Voyeur*innen in diesen Leben, sobald wir den Raum betreten. Alice sitzt an ihrem Laptop und tippt nervös vor sich hin. Fiona schlurft in Jogginghose und Socken hinein und hinaus, mal neckend, mal besorgt um Alice. Viele im Publikum müssen durch diesen Bereich laufen, um zu ihren Plätzen zu gelangen. Schon damit dringen wir in die Existenz des Paares ein.
Tatsächlich ist Brittains Text so verblüffend naturalistisch, dass es oft Momente gibt, in denen wir uns als Publikum fast fühlen, als würden wir ganz intime Gespräche belauschen. Zugegeben gibt es ein oder zwei Stellen, an denen das ein wenig ins Dozierende kippt – mit einer Art Gender-Einstiegskurs fürs Publikum –, aber das bleibt die Ausnahme.
Ed Eales-White und Anna Martine in Rotterdam. Foto: Piers Foley Photography
Ein gut zusammengestellter Soundtrack aus Europop-Covern überbrückt die Szenenwechsel, darunter Robyn sowie Christine and the Queens. Auf die instrumentalen Untermalungen in spannungsgeladenen Momenten hätte das Stück jedoch verzichten können; sie lenken vom Dialog ab, der stark genug ist, ganz für sich zu stehen.
Das flexible Bühnenbild – nur leicht ausgebremst durch ein paar widerspenstige Türen – verwandelt sich mithilfe verrückter Stühle und Requisiten von Wohnung zu Büro zu Club. Das quadratische Regalsystem und die bedruckten Wände mit Motiven der titelgebenden Stadt verweisen auf die austauschbare Anonymität einer Backpacker-WG und erinnern daran, dass Alices siebenjähriger Aufenthalt in Rotterdam eigentlich nur vorübergehend sein sollte. Zusammen mit dem poppigen Soundtrack unterstreicht das den Schwebezustand, in dem sich alle Figuren befinden: Adrians Transition und Alices Versuch, sich darauf einzustellen. Josh (Ed Eales-White) greift das auf, wenn er Rotterdams Rolle als Hafenstadt beschreibt – wo alle entweder ankommen oder aufbrechen, aber nie bleiben.
Jessica Clark und Alice McCarthy in Rotterdam. Foto: Piers Foley Photography
Das vierköpfige Ensemble ist perfekt austariert und voll und ganz bei der Sache. Das Highlight ist Anna Martine als Fiona, später Adrian. Vollkommen fesselnd macht Martine Adrians Schmerz spürbar – eine Meisterin des Erzählens. Alice McCarthy gelingt als zerrissene Alice eine sehr überzeugende Darstellung der verkrampften, ungeouteten Freundin. Ein grandioser Wutausbruch gegen Ende des ersten Akts mündet in die wunderbar trocken platzierte Untertreibung „Ich bin ein bisschen ein Wrack“, die die beste Publikumsreaktion des Abends auslöst.
In Rotterdam ist nichts endgültig – aber nichts bleibt eben auch konstant. In dieser Hafenstadt, in der alle entweder ankommen oder weiterziehen, bekommt das Publikum schlicht einen Einblick in das Leben von vier Menschen. Vier Menschen, die nicht unbedingt die ganze Welt verändern wollen – nur ihren kleinen Teil davon. Abwechselnd urkomisch und herzzerreißend ist Rotterdam ein starkes und äußerst unterhaltsames Stück Theater.
Rotterdam läuft bis zum 27. August 2016.
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