NACHRICHTEN
REZENSION: Tenderly - Das Rosemary Clooney Musical, New Wimbledon Theatre ✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
julianeaves
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Tenderly – Das Rosemary-Clooney-Musical
New Wimbledon Time and Leisure Studio,
6. September 2017
3 Sterne
Rosemary Clooney ist eine eher ungewöhnliche Wahl, wenn es darum geht, sie ins Zentrum eines Backkatalog-Musicals über ein Leben im Showbusiness zu stellen (und ja: Sie war im wirklichen Leben die Tante des Schauspielers George Clooney). Hierzulande ist sie nicht besonders geläufig und vermutlich am besten bekannt durch ihre Rolle an der Seite von Bing Crosby im Irving-Berlin-Kassenschlager von 1954, „White Christmas“ – ein Film, der Jahr für Jahr aufs Neue zerstrittene Familien über die Festtage hinweg zu verzaubern versteht, die angespannte Stimmung besänftigt und die Nerven all jener beruhigt, die vergeblich versuchen, Hollywoods Maßstäben einer Norman-Rockwell’schen, heimeligen Idylle zu genügen. Und genau darin liegt vielleicht auch ein Reiz dieses Abends: Wir dürfen einer zentralen Säule jenes Zufriedenheitsmythos näherkommen, den wir uns alljährlich erzählen – in der Hoffnung, dass es vielleicht eines Tages tatsächlich wahr wird.
Was dieses biografisch ausgerichtete Stück erzählt, ist allerdings: Für Rosemary Clooney selbst war es so – und zugleich auch nicht. Wie viele hart arbeitende und hart trinkende Menschen ihrer Generation schlängelte sie sich jahrzehntelang durch die Windungen von Alkoholismus und Tablettenabhängigkeit, stets im festen Bestreben, jedes Problem zu leugnen – bis alles auf eine denkbar unvorteilhafte Weise zu zerbröseln begann: ihre wunderschöne Stimme, ihr Ticket zu Ruhm und Reichtum, fing an, Risse zu bekommen – und mit ihr der Halt im wirklichen Leben. Ein seelischer Zusammenbruch folgte; danach kamen Einsicht und Akzeptanz; und schließlich der schmerzhafte Prozess, sich einzugestehen, welche Veränderungen nötig waren, um das eigene Leben wieder zusammenzusetzen. Eine nur allzu bekannte Geschichte.
Ein wenig anders wird dieses Stück durch den Ansatz der beiden Autor*innen Janet Yates Vogt und Mark Friedman. Obwohl ihre Wurzeln im Musical liegen („Sleepy Hollow – A Musical Tale“, „How I Became A Pirate“ sowie eine Reihe weiterer Kinderstoffe, bei denen sie gemeinsam Buch, Musik und Liedtexte verantworten), haben sie sich hier einer deutlich strengeren Disziplin verschrieben: Sie schreiben ein Schauspiel… mit Musik. Es gibt eine Rahmung: Clooney (Katie Ray) befindet sich in jenem idyllischen Zufluchtsort, den geplagte Hollywood-Seelen so lieben – einem Sanatorium. Dort wird sie von einem Therapeuten von der Stange (Fed Zanni) in einer lehrbuchhaften Befragung durchleuchtet. Unterwegs kehrt sie zu etlichen ihrer beliebtesten Hits zurück; eine kleine Band am hinteren Rand der intimen Bühne begleitet sie dabei. Auch der Doktor stimmt von Zeit zu Zeit mit ein, gelegentlich bekommt er sogar seine „eigene“ Nummer. Die redende – und singende, und tanzende (Choreografie: Chi-San Howard) – Therapie zeigt Wirkung. Und damit ist es im Wesentlichen auch schon getan – ein sauber gebautes Zwei-Personen-Stück.
Doch auf diesem ziemlich vorhersehbaren Weg liegt ein großer Spaß darin, dass die beiden Darsteller*innen neben ihren Hauptrollen auch noch viele weitere Figuren übernehmen; meist genügt eine flotte Lichtumstellung (dank Ali Hunters akribischem Design), um den Charakterwechsel zu markieren, manchmal kommt eine kleine Kostümänderung hinzu (Gesamtdesign: Anna Yates). Simon Holt begleitet das Ganze mit seiner stilsicheren Band (Ton: Chris Drohan). Regisseurin Tania Azevedo organisiert das alles ausgesprochen clever – auf deren Erfahrung hat der noch relativ neue Produzent Joseph Hodges gesetzt, um dieses ambitionierte und anspruchsvolle Werk auf die Bühne zu bringen. Das ist ein heikler Balanceakt, doch es gibt Anzeichen, dass das Herz am rechten Fleck sitzt – und dass die Produktion im Laufe der Spielserie wohl an Sicherheit und Fluss gewinnen wird. Am Premierenabend wirkte der Abend zunächst eher methodisch. Bis dann das entscheidende dramatische Ereignis von Clooneys Zusammenbruch kam – kurz vor der Pause –, und plötzlich wurde das Stück wirklich lebendig. Auf einmal ließen sich weder Szenenverlauf noch Texttakt vorhersagen. Der zweite Teil profitierte enorm von dieser theatralen Spannung, und dadurch gewann auch die Gesamtwirkung deutlich.
Ein Großteil des Erfolgs ruht auf den Schultern der beiden Mitwirkenden. Die Besetzung schenkt uns zwei interessante Persönlichkeiten, die der Produktion viel Reiz verleihen – auch wenn nicht immer alles unmittelbar passend wirkt. In der Hauptrolle ähnelt Ray erstaunlich; doch sie erinnert nicht an Clooney, sondern vielmehr – und zwar ganz entschieden – an Grace Kelly. Sie singt um ein Vielfaches besser, als Miss Kelly es je gekonnt hätte, doch ihre Stimme – wiederum – erinnert eher an eine Mischung aus Dinah Shore, gewürzt mit einem prodigiosen Judy-Garland-Vibrato, besonders in den expressivsten Momenten. Mit anderen Worten: Wir bekommen keine Imitation von Rosemary Clooney, sondern die Erschaffung einer Figur, die in mancher Hinsicht mehreren Persönlichkeiten ihrer Zeit ähnelt. Ähnlich geht es Zanni als Doktor: Er soll uns auch glauben machen, er sei mal Mrs Clooney, die Mutter, oder sogar Frank Sinatra, der saufende Kumpan, oder José Ferrer, der untreue Ehemann – und darüber hinaus noch viele weitere Rollen, von denen die meisten weder in Alter, Geschlecht noch Körperbau (oder in so ziemlich irgendetwas außer der Stimmung) zu ihm passen. Das macht großen Spaß beim Zuschauen, aber ganz klar wird nicht, ob dahinter eine Aussage steckt – oder einfach nur ökonomische Notwendigkeit.
Ein weiteres Schmankerl sind zwei Songs – je einer pro Hälfte –, die keine Standards aus Clooneys Repertoire sind, sondern tatsächlich komplett neue, eigens für diesen Anlass geschriebene Stücke. Und ich wette, niemand im Publikum wird auf Anhieb erkennen, welche Songs das sind. Hier sind einige weniger bekannte frühe Nummern der Sängerin dabei, und selbst die Hitparaden-Titel aus ihren späteren Jahren sind dem heutigen Theaterpublikum nicht unbedingt geläufig. Das Programm verrät es. Und wenn Sie dann selbst entdecken, was für großartige Songs das sind, werden Sie – da bin ich sicher – sehr viel mehr von diesem beeindruckenden Team sehen und hören wollen. Nachdem ATG diese neue Arbeit unterstützt und maßgeblich angeschoben hat, fühlt man sich dort vielleicht ermutigt, weitere Produktionen von Vogt und Friedman auf den Spielplan zu setzen. Es ist höchste Zeit, sich ihr Werk genauer anzusehen.
Bis 23. September 2017
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