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KRITIK: Die Nunziata-Brüder, Studio 54 Below ✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Die Brüder Nunziata
Studio 54 Below
10. Januar 2015
2 Sterne
Für manche Menschen ist das Leben – wie es das Lied beschwört – ein Cabaret. Andere begnügen sich damit, die Kunst einfach zu geniessen und das Leben durch Cabaret ein wenig aufzupeppen. Beide Sorten trifft man häufig in dem luxuriösen Raum namens Studio 54 Below an – und nicht immer auf der Bühne. Es ist ein wunderbarer Art-déco-Ort, mit einer grosszügig erhöhten Bühne für Künstler:innen und Orchester/Band, fantastischen Decken aus gepresstem Metall und diesem plüschigen Gefühl altmodischer, alter Welt, kultivierter Luxusklasse, das mit üppigen Lagen rotem Samt einhergeht. Akustisch wirkt es wie ein Traum, aber vielleicht unvermeidlich sorgt die Beschallungsanlage dafür, dass die Darbietenden „unterstützt“ werden.
Weil es ein funktionierendes Restaurant und eine Bar ist, müssen die Künstler:innen gegen die schrillen Stimmen von Gästen ankommen, die bestellen, reklamieren, sich bedanken (oder alles drei zugleich), gegen das Klirren von Gläsern und Besteck und das Rauschen des Servicepersonals. Ein weiterer Grund, so vermutet man, für die Anlage. Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass dieses Lebensgeräusch zu jenem ganz eigenen Glücksgefühl beiträgt, das gutes Cabaret auslösen kann.
Heute Abend bestand das betreffende Cabaret aus einer unglaublich campen Nummernfolge aus (meist) Broadway-Shows – dargeboten von zwei Zwillingen, beide schwul, beide spindeldürr, beide in Schwarz gekleidet (das eine Outfit unbestreitbar deutlich glitzernder als das andere) und beide mit Stimmen, die so hart auf Hochglanz poliert waren, dass sie das musikalische Äquivalent der Elgin Marbles hätten sein können: in Stein gemeisselt, gefühllos, von Unkundigen bejubelt und fehl am Platz.
Das sind die Brüder Nunziata, die Zwillinge Will und Anthony, die – offenbar – in den USA grosse Erfolge feiern, wenn sie mit Symphonieorchestern und in Konzertform quer durchs Land auftreten. Das wird sowohl aus dem Programm des Abends als auch aus der Ansage zwischen den Nummern deutlich, in der erstaunlich häufig Eigenwerbung für Engagements auftaucht.
An Selbstsicherheit mangelt es den beiden bei ihren Aktivitäten nicht; was ihnen jedoch fehlt, ist ein Sinn, eine Raison d’être, ein Stil, ein Gefühl für das Ganze.
Richtig gutes Cabaret hat einen Punkt. Es erzählt eine Geschichte: mal persönliche Offenbarungen, gespiegelt in der Musikauswahl; mal Geschichten von Komponist:innen oder Texter:innen; mal die Höhen oder Tiefen einer künstlerischen Laufbahn; mal die Karriere einer bestimmten Interpretin oder eines bestimmten Interpreten oder die Leitfiguren eines Stils oder Genres. Doch in den besten Cabarets gibt es Struktur, Absicht – vielleicht sogar eine Erkenntnis.
Man sollte meinen, dass zwei glänzende, schwule Zwillinge mit einem so einzigartigen Ausgangspunkt ein ziemlich bemerkenswertes Cabaret entwickeln könnten. Ihre Lebensgeschichte muss doch geradezu Cabaret-Material sein: die erste Erkenntnis über die eigene Sexualität – und die des Geschwisters. Die Streitereien, die Eifersüchteleien, die geteilten Lieben, die Erkundungen, die Reaktionen der Eltern, Schulzeit, Streiche, die sie einander oder anderen gespielt haben, die erste Liebe zu Showtunes, wer Judy mag und wer Barbra (oder wen auch immer), die erste grosse Liebe – die Liste möglicher Themen ist endlos.
Doch die Nunziata-Zwillinge verzichten auf all das zugunsten von glitzerndem Show-Schtick. Das wirkt wie eine vertane Chance. Nur in einem Abschnitt, in dem sie von Autofahrten in der Kindheit erzählten, hatte man das Gefühl, einen Blick auf ihr echtes Ich zu erhaschen.
Eine ihrer Songauswahlen, The Age of Not Believing, gab immerhin einen Hinweis auf ihre Vorliebe für Oberfläche statt Substanz. Das sind gut aussehende Jungs, komplett mit Designeranzügen, doch eine gewisse Blässe durchzieht ihre Arbeit: das Gefühl, sie glaubten den Lyrics, die sie singen, nicht wirklich oder hätten sich mit den Empfindungen der Musik, die sie gewählt haben, nicht auseinandergesetzt. Es hat keinen Sinn, ein Arrangement von Children Will Listen zu singen, das für Betty Buckley geschrieben wurde, wenn man keinen Weg findet, dieses Arrangement für sich funktionieren zu lassen. Genauso können schlechtes Phrasing, mangelnder Spannungsbogen und Intonationsprobleme das Musikerlebnis ebenso leicht schmälern wie leere Augen und eine übernervöse Sorge um das Licht. Beide Brüder standen in dieser Rechnung oft auf der falschen Seite.
Mehr als alles andere brauchen die beiden einen gnadenlos konsequenten musikalischen Leiter, der sich auf ihre Technik konzentriert und das poliert, was offensichtlich potenziell hervorragende Stimmen sind. Sie müssen nach einem höheren Mass an engagierter Darbietung streben – und wenn sie das tun und zugleich die Cabaret-Erfahrung nutzen, um sich zu öffnen, könnten sie tatsächlich zu einer beeindruckenden Kraft werden.
Etwas vorhersehbar, aber wirkungsvoll, sangen sie You're Nothing Without Me aus City of Angels, und die darunterliegende Geschwisterrivalität blitzte kurz auf. Mehr davon hätte ihnen gutgetan. Vielleicht hätte ein beherzter Anlauf auf „Anything You Can Do I Can Do Better“ ihnen geholfen, aus dieser Schablone der Belanglosigkeit auszubrechen. Eine eklektische Songliste allein reicht einfach nicht.
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