NACHRICHTEN
KRITIK: Der geheime Fluss, National Theatre London ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
pauldavies
Teilen
Paul T Davies bespricht die Produktion von The Secret River der Sydney Theatre Company, derzeit im National Theatre in London zu sehen.
The Secret River.
National Theatre
27. August 2019
5 Sterne
Als Erstes ist bei dieser Produktion die traurige Nachricht zu nennen, dass die Schauspielerin Ningali Lawford-Wolf, eine der herausragendsten australischen Bühnenkünstlerinnen, Anfang dieses Monats während der Aufführungen von The Secret River in Edinburgh plötzlich verstorben ist. Verständlicherweise war das ein gewaltiger Schock für das Ensemble, und mit dem Segen von Ningalis Familie werden die Londoner Vorstellungen als Tribut an sie fortgesetzt. Und welch ein Tribut diese fesselnde, wunderschöne Adaption von Kate Granvilles Roman ist – mit Pauline Whyman, die die Rolle von Dhirrumbin übernimmt, Erzählerin und Symbol für Australiens First Nations.
Es ist eine epische Geschichte um William Thornhill, der 1806 wegen des Diebstahls eines Stücks Holz zum Tode durch den Strang verurteilt wird. Doch die Bemühungen seiner Frau Sal führen dazu, dass die Strafe in Deportation in die Kolonie New South Wales umgewandelt wird. Das eröffnet einen Ausweg aus der Armut der Heimat und aus einem Klassensystem, das ihn zu einem Leben verdammt, das ihm schon vor der Geburt vorgezeichnet ist. Nachdem er seine Freiheit verdient hat, zieht er mit Sal und den Kindern von Sydney Cove an den Hawkesbury River, wo er 100 Acres Land in Besitz nimmt – ein „leeres Blatt“, auf dem er für seine Familie ein neues Leben aufbauen will. Nur gehört dieses Land bereits dem Dharug-Volk, das es schon viele Jahrzehnte vor Thornhill bewirtschaftet hat. Seine Träume treiben ihn zu einer Tat, die ihn nicht nur verfolgen, sondern auch die Zukunft des Landes prägen wird.
Andrew Bovells Bühnenfassung trifft das Wesen des Romans punktgenau, und getragen wird das Stück von zwei hervorragenden Leistungen: Georgia Adamson als Sal und Nathaneil Dean als William Thornhill. Gerade Dean macht es schwer, Thornhill für sein Handeln schlichtweg zu verdammen, so überzeugend ist seine Verzweiflung, sich ein neues Leben aufzubauen. Die Inszenierung wimmelt von starken Auftritten: Jeremy Sims als Smasher Sullivan, der Bösewichtereien begeht, die sich nicht rechtfertigen lassen, dabei aber die Haltung der Neuankömmlinge spiegelt; Toby Challenor sehr gut als der jüngere Sohn Dick, das einzige Familienmitglied, das die Dharug-Namen seiner Freunde lernt und sie nicht der Bequemlichkeit halber umbenennt; Marcus Corowa mit eindrucksvoller Präsenz als Wangarra; und Melissa Jaffer glänzt als ältere Nachbarin Mrs. Herring. Was ein Roman natürlich nicht bieten kann, ist das unmittelbare Klangerlebnis – und hier sind die live gespielte Musik und der Gesang schlichtweg überwältigend.
Wie ein Fluss: Die Quelle sprudelt und braucht etwas, bis sie sich durchsetzt – doch sobald der Strom einsetzt, steigert sich das Stück zu einem gewaltigen, mitreissenden Strudel der Geschichte. Gelegentlich wird das Ensemble von den Klangmassen überrollt, und Teile der Erzähltexte gingen verloren. Doch Neil Armfields innovative, herausragende Regie ist in ihrem Zorn über die Zerstörung eines Volkes beredt – und zeigt das in aussergewöhnlichen Bühnenbildern, besonders wenn es am Ende zum Massaker kommt. Die eine Seite wird dieses Land weiter kolonisieren und neu formen; die andere wird durch Mord, Krankheit und das Auslöschen von Kultur an den Rand der Ausrottung gedrängt. Diese kraftvolle, mit Liebe und Respekt geschaffene Produktion trägt jedoch ein Stück weit dazu bei, jene verborgene Geschichte wieder sichtbar zu machen – episches Erzählen in Bestform.
Diesen Artikel teilen:
Erhalten Sie das Beste des britischen Theaters direkt in Ihr Postfach
Seien Sie die Ersten, die sich die besten Tickets, exklusive Angebote und die neuesten Nachrichten aus dem West End sichern.
Sie können sich jederzeit abmelden. Datenschutzrichtlinie