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REZENSION: Antonius und Cleopatra, National Theatre ✭✭✭✭
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markreed
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Mark Reed bespricht Ralph Fiennes und Sophie Okonedo in William Shakespeares Antony and Cleopatra, derzeit am National Theatre.
Ralph Fiennes und Sophie Okonedo in Antony and Cleopatra. Foto: Johan Persson
Noch bevor die ersten Zeilen gesprochen waren, spürte ich, wie sich eine erwartungsvolle Stille über das Publikum legte. Wir sassen alle wie auf Nadeln, gespannt darauf, zwei Giganten der Schauspielkunst in den Titelrollen von Antony and Cleopatra zu erleben – wohl Shakespeares faszinierendstes Liebespaar. Sie enttäuschten nicht.
Sobald Sophie Okonedo die Bühne betritt, möchte man sie keine Sekunde lang gehen sehen. Ihre Cleopatra ist schlichtweg perfekt. Sie ist verspielt, ausgelassen, eifersüchtig und ungemein unterhaltsam – und hält dabei ihre zwei armen Zofen die ganze Zeit über auf Trab. Okonedo holt den gesamten Humor aus Cleopatras Text heraus, und die frühen Szenen, in denen sie auf Antonys Rückkehr wartet, gehören zu den vergnüglichsten. Das Publikum bog sich vor Lachen, als sie den armen Eros (körperlich wie verbal) dafür zusammenstaucht, dass er die Nachricht von Antonys Heirat mit Octavia überbringt. Okonedo findet aber auch grosse Tragik, und mitzuerleben, wie der Welt der grossen Königin der Boden unter den Füssen weggezogen wird, ist erschütternd.
Ralph Fiennes und Alexander Cobb. Foto: Johan Persson
Ralph Fiennes schenkt uns einen wunderschön nuancierten, seelenvollen Antony. Anders als viele tragische Figuren in Shakespeares Kanon ist bei Antony alles, was er tut, von seiner Verehrung für Cleopatra angetrieben. Fiennes nimmt uns mit auf eine eindringliche Reise – vom Mann, trunken vor Liebe, hin zu einem, der verzweifelt darum kämpft, nicht alles zu verlieren, was ihm lieb und teuer ist. Vor der letzten Schlacht winkt er seine Diener heran, sie sollen sich zu ihm auf den Boden setzen – sie weinen, weil sie ihren Herrn so gedemütigt sehen. In den letzten Momenten der Inszenierung hat sein Spiel etwas von Lear, wenn er schwankend über die Bühne irrt – verwirrt, gezeichnet und ohne seine geliebte Königin nur noch ein Schatten seiner selbst.
Georgia Landers, Sophie Okonedo und Gloria Obianyo. Foto: Johan Persson
Am stärksten bleiben die Momente in Erinnerung, in denen Fiennes und Okonedo gemeinsam auf der Bühne stehen. Ihre Beziehung schwingt zwischen Extremen, während Okonedo und Fiennes einander necken, flirten, streiten und einander begehren. Sie führen uns von Prunk und Selbsttäuschung zu Intimität und Herzschmerz – und durch alles dazwischen.
Auch sonst gibt es in Simon Godwins grossartiger Inszenierung viel zu bewundern. Er verlegt das Geschehen in ein modernes Setting, doch Musik und szenische Gestaltung lassen immer wieder etwas Klassischeres aufscheinen. Das schmälert die Wirkung nicht – im Gegenteil: Es verstärkt das Drama und hebt den Konflikt aus der Gegenwart in eine zeitlosere Dimension. Das breite, luftige Bühnenbild ist kreisförmig und dreht sich – es trägt uns vom üppigen Überfluss Ägyptens in die Kriegsräume Italiens, weiter aufs Schlachtfeld mit Rauch und Maschinengewehrfeuer. Musik wird klug eingesetzt, um die Spannung bei Umbauten und in den Kampfszenen zu steigern. An entscheidenden Stellen schwillt sie an und verstärkt das Gefühl einer grossen Tragödie, die sich langsam vor unseren Augen entfaltet.
Tim McMullan und Alan Turkington. Foto: Johan Persson
Das Ensemble ist durchweg stark besetzt. Tim McMullan verleiht Enobarbus einen trockenen Witz und Charme, und sein Selbsthass darüber, Antony im Finale zu verraten, geht unter die Haut. Georgia Landers und Gloria Obianyo spielen Cleopatras liebevolle Zofen mit Nachdruck. Sie begegnen ihr mit grosser Zärtlichkeit, und die Szenen, die sie gegen Ende gemeinsam haben, sind sehr berührend.
Zeitweise vergisst man, dass dieses Stück nicht nur eine Liebesgeschichte ist, sondern auch eine politische. Leider sind die frühen Szenen zwischen den drei Führern des Römischen Reiches weniger aufgeladen. Zwar wissen wir, dass Pompeius und der drohende Krieg ein entscheidender Moment der Geschichte sind, doch die Fallhöhe wirkt nicht gross genug. Ich wartete stets darauf, zur opulenten Dekadenz Ägyptens zurückzukehren, und erst als es an Bord von Pompeius’ Schiff zum Zerwürfnis zwischen Octavius und Antony kommt, zieht die Spannung deutlich an.
Fisayo Akinade in Antony and Cleopatra. Foto: Johan Persson
Die Aufführung dauert drei Stunden und dreissig Minuten – und gegen Ende spürt man das auch. So brillant diese Produktion ist: Ein wenig beherztes Kürzen täte ihr gut – wenn man in der zweiten Hälfte etwa fünfzehn Minuten herausnähme, würde das einen echten Unterschied machen.
Ich war überrascht, in den Programmnotizen zu lesen, dass es keine einzige Szene zwischen Antony und Cleopatra gibt, die im Privaten spielt. Bei Cleopatras Manipulationen und Antonys Ausbrüchen könnte man meinen, ihre Liebe sei bloss Schwärmerei – ein Drama, aufgeführt vor Dienern und Gefolgsleuten. Andere Figuren deuten das sogar an. Doch ihre Liebe ist unvergleichlich: eine, die sich vor den Augen der Welt abspielt – und durch ihre Theatralik kein bisschen weniger wahr ist.
Antony and Cleopatra ist am National Theatre bis zum 19. Januar 2019 zu sehen.
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Antony and Cleopatra wird am Donnerstag, 6. Dezember, von National Theatre Live in Kinos übertragen.
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