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KRITIK: Caroline oder Change, Playhouse Theatre ✭✭✭✭✭
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Von
markludmon
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Mark Ludmon rezensiert Caroline, or Change im Playhouse Theatre in London mit Sharon D Clarke in der Hauptrolle
Sharon D Clarke und das Ensemble. Foto: Helen Maybanks Caroline, or Change The Playhouse Theatre, London
Fünf Sterne
In Grossbritannien erwarten wir von grossen Musicals oft einen epischen Atem: ein Steptanz durch Achterbahn-Liebesgeschichten oder ein kraftvoller Gang durch die Weggabelungen der Geschichte. Caroline, or Change beginnt dagegen als kleine, häusliche Geschichte: eine geschiedene alleinerziehende Mutter, die versucht, vier Kinder vom knappen Lohn als Hausangestellte durchzubringen. Das Drama entzündet sich an der Frage, was sie mit dem Kleingeld tun soll, das sie in der schmutzigen Wäsche der Familie findet, für die sie arbeitet – doch daraus entfaltet sich nach und nach eine Geschichte mit Themen, die so gross sind wie in jeder grossen West-End-Produktion.
Me’sha Bryan in Caroline Or Change. Foto: Helen Maybanks
Vor dem Hintergrund der Ermordung von John F. Kennedy und der letzten Zuckungen der Rassentrennung in den USA spielt die Handlung über einige Wochen im Jahr 1963. Die Wellen der Geschichte schwappen nur langsam in die Kleinstadt Lake Charles in Louisiana, wo Caroline, eine 39-jährige schwarze Hausangestellte, im Souterrain des Hauses der weissen Familie Gellman, für die sie arbeitet, in enttäuschten Hoffnungen und Träumen zu ertrinken droht. Auch die Gellmans haben ihre eigenen Probleme: Der achtjährige Noah ringt mit dem Tod seiner Mutter, ist unsicher gegenüber seiner neuen Stiefmutter Rose und entfremdet von seinem weiterhin trauernden Vater. Für Rose ist es „nur ein Spiel“, wenn sie Caroline sagt, sie solle das lose Kleingeld behalten, das sie in den Taschen von Noahs schmutziger Kleidung findet, um dem Jungen den Wert von Geld beizubringen – für Caroline wird daraus jedoch eine quälende Krise, die sie in ihrem Leben an den Abgrund führt.
Die Besetzung von Caroline Or Change. Foto: Helen Maybanks
Mit Buch und Songtexten von Tony Kushner, dem Autor von Angels in America, nimmt sich Caroline, or Change der wirtschaftlichen Unterdrückung an, die aus Jahrhunderten von Sklaverei und Rassentrennung fortwirkte – und dazu führte, dass Menschen of Colour trotz der Abschaffung der Jim-Crow-Gesetze im Süden weiterhin überproportional häufig im Dienstleistungsbereich arbeiteten. Obwohl das Stück vor 15 Jahren Off-Broadway uraufgeführt wurde und 55 Jahre nach der Zeit spielt, in der es angesiedelt ist, stellen Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner noch immer einen unverhältnismässig grossen Anteil der in Armut lebenden Menschen. Dennoch endet der Abend mit einer erhebenden Botschaft der Hoffnung: Die wachsende Bürgerrechtsbewegung verspricht eine bessere Zukunft für Carolines Kinder.
Die Besetzung von Caroline or Change im Playhouse Theatre. Foto: Helen Maybanks
Trotz dieser gewichtigen Themen ist das Musical mit Humor und Verspieltheit gespickt. Vergessen Sie die singende Uhr und den Kandelaber aus Die Schöne und das Biest: Hier werden in Carolines Kopf eine Waschmaschine und ein Trockner lebendig, gespielt von Me’sha Bryan und Ako Mitchell. Dazu kommt eine Girlgroup im Stil der 1960er-Jahre als Verkörperung ihres tragbaren Radios, gespielt von Dujonna Gift-Simms, Tanisha Spring und Keisha Amponso Banson, die mit chorartigem Kommentar durch den Abend führt. In umwerfenden Kostümen von Fly Davis sind sie Teil einer makellosen 18-köpfigen Besetzung, die Jeanine Tesoris Musik unter der musikalischen Leitung von Nigel Lilley vollauf gerecht wird. Abiona Omonua sticht als Carolines Tochter Emmie hervor – mit kraftvollen Vocals und einer mitreissenden Darstellung, die sie klar als Namen zum Merken bestätigt. Lauren Ward ist hinreissend als Rose, die ihren neuen Stiefsohn für sich gewinnen will und zugleich damit ringt, ihren New Yorker Liberalismus mit der Realität einer schwarzen, schlecht bezahlten Hausangestellten in Einklang zu bringen. Als ich die Produktion sah, spielte Aaron Gelkoff den Noah mit hervorragendem komödiantischem Timing und starker Präsenz. Doch Sharon D Clarke ist das grosse emotionale Zentrum des Abends: Sie verkörpert Caroline mit stiller Würde, die eine leidenschaftliche, wütende Seele in Schach hält – von einem Leben unter die Oberfläche gedrückt.
Sharon D Clarke und Aaron Gelkoff in Caroline Or Change. Foto: Helen Maybankse or Change
Unter der Regie von Michael Longhurst zeigt diese Produktion, warum Caroline, or Change seit dem Start beim Chichester Festival Theatre 2017 – und dem Transfer ans Hampstead Theatre Anfang dieses Jahres – ein solcher Erfolg ist. Clarke ist nicht nur stimmlich und darstellerisch phänomenal als Caroline; auch die Themen rund um wirtschaftliche Ungleichheit sind heute so dringend wie eh und je. Die Handlung wirkt anfangs vielleicht klein, doch sie ist episch in ihrer Würdigung der unsung heroines und heroes – der oft übersehenen Heldinnen und Helden –, deren Opfer und Leben in stiller Verzweiflung das Fundament für die mühsam errungenen Rechte der heutigen Generation bildeten.
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