NACHRICHTEN
KRITIK: Dirty Rotten Scoundrels, Savoy Theatre ✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
stephencollins
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Dirty Rotten Scoundrels
Savoy Theatre
5. April 2014
4 Sterne
Inszenierungen neuer Musicals (oder auch nicht mehr ganz neuer Musicals, die in einer bestimmten Stadt noch nie professionell auf die Bühne gebracht wurden) bringen viele Herausforderungen mit sich – die grösste ist, Publikum anzuziehen. Gleichzeitig eröffnen sie echte Chancen, wie jede neue Theaterarbeit. Manchmal – zugegeben selten – bringen neue Musicals neue Stars hervor, schaffen neue Formen oder ermöglichen Kreativen, sich in neue Richtungen zu bewegen.
Derzeit im Savoy Theatre zu sehen ist Jerry Mitchells Inszenierung des 2005 für den Tony nominierten Musicals von Jeffrey Lane (Buch) sowie David Yazbek (Songtexte und Musik): Dirty Rotten Scoundrels. Mitchell war ursprünglich Choreograf, ist für London jedoch auf den Regiestuhl gewechselt – und choreografiert weiterhin.
Die eigentliche Entdeckung ist hier Samantha Bond – eine Schauspielerin, die man aus Fernsehen, Film und Theater gut kennt, aber nicht aus Musicals. Man würde es nie vermuten. Sie findet in die Form, wie ein Hipster nach Shoreditch. Souverän, elegant, voller Charme und in jedem Moment Herrin über Text, Gesang und Choreografie: Bond ist ein Volltreffer. Jedes Mal, wenn sie die Bühne betritt, zaubert sie ein Lächeln ins Gesicht und weckt die Vorfreude auf pures Vergnügen – und jedes einzelne Mal liefert sie es auch.
Bonds Text sitzt messerscharf, jede Pointe landet. Vor allem aber versteht sie jede Szene und spielt sie ehrlich und wahrhaftig – mit einem Augenzwinkern zur bewusst durchbrochenen vierten Wand, die zu den Konventionen der Show gehört. Sie ist unermüdlich komisch und ansteckend temperamentvoll. Verpassen Sie weder ihre „Smorgasbord“-Zeile noch ihren Abgangssatz am Ende des ersten Akts. Sie ist vielleicht keine klassische Broadway-Belterin, muss es aber auch nicht sein; sie trifft jeden Ton und verkauft jedes Lied – entscheidend – mit Leichtigkeit und Hingabe. Und tanzen kann sie auch. Ein uneingeschränkter Triumph. Allein ihretwegen lohnt sich der Eintritt. Möge sie dem Musical-Bühnenfach noch lange erhalten bleiben.
Als ihr Partner in schelmischer Romanze ist John Marquez perfekt: ein bisschen begriffsstutzig, unberechenbar geschniegelt, hektisch, aber charmant – er strahlt pure Sympathie aus. Und er ist komisch – manchmal ganz unerwartet. Da gibt es einen Abgang mit einem „Heckenhelm“, der unwiderstehlich ist. Mit Bond harmoniert er hervorragend; gemeinsam bringen sie mühelos die nötige Wärme und Empathie in das Stück. Sein sehr schöner Bariton ist ebenfalls eine Freude – eine seltene Stimme maskuliner Kraft.
Wie der Titel nahelegt, handelt es sich um eine Musicalkomödie über Betrüger und basiert auf dem gleichnamigen Film. Lawrence ist der König des Tricksens in einem merkwürdig zeit- und epochenlosen Riviera-Fantasieresort. Er verdient prächtig daran, reiche Frauen – oder dumme Frauen mit Zugang zu Vermögen (wie Bonds Muriel) – zu verführen und zu täuschen. Der Polizeichef (Marquez) steckt in seiner Tasche, und er nimmt so viel ein, dass er sogar für wohltätige Zwecke spenden kann.
Doch sein Leben gerät durcheinander, als er von den Aktivitäten des Rivalen „The Jackal“ erfährt – und als er Freddy Benson begegnet (und ihn nutzt, um einer heiklen Situation mit einer hartnäckigen Südstaaten-Erbin, Joelene Oakes, zu entkommen), beschliesst er, ihn von seinem Revier zu vertreiben. Es kommt zur Wette: Wer von beiden 50.000 Dollar von einem ausgewählten Opfer (Christine Colgate) ergaunert, gewinnt – der andere muss verschwinden und darf nie zurückkehren. Die folgenden Kapriolen, bei denen jeder versucht, den anderen auszutricksen und an Gaunerei zu überbieten, stehen im Mittelpunkt. Und wie das bei solchen Dingen so ist, ist es für Lawrence am Ende doch nicht ganz so einfach, zu triumphieren.
Das ist eine Musical-Farce. Keine Frage. Und eine sehr, sehr lustige. Aber sie hat einen konzeptionellen Kniff: Die vierte Wand wird durchbrochen, sodass es Seitenbemerkungen ans (oder mit dem) Publikum oder dem Dirigenten gibt – oder trockenes, geschickt gemachtes Bühnengeschäft. Entsprechend verlangt das strenge Disziplin, kontrolliertes Spiel und ein vollständiges Verständnis des Stils, der hier zum Gelingen nötig ist. Perfekte Diktion, zentrierte Darstellungen ohne Selbstgefälligkeit, grosszügiges Zusammenspiel im Ensemble – das sind die Grundpfeiler für wahrhaftige Leistungen, die den Klamauk freisetzen.
Sowohl Bond als auch Marquez verstehen das – daher sind ihre Charakterzeichnungen so stimmig und so ausgezeichnet.
Das Ensemble versteht es ebenfalls. Es ist eines der lebendigsten, energiegeladensten und engagiertesten Ensembles, die man auf einer Londoner Bühne sieht – und deutlich stärker als so manches andere. Egal, welchen albernen Unsinn sie gerade treiben – und sie treiben eine Menge Unsinn –, sie meinen es ernst damit, entschlossen, fröhlich wie aus einem Guss zu spielen und Begeisterung und Esprit auszustrahlen. Es gibt einige absolute Glanzlichter: Dominic Tribuzio, Javier Santos, Niamh Bracken und Genevieve Nicole. Und allein dafür lohnt sich der Eintritt, Ian Knauer und Andy Conaghan hinter einer Hecke hervorkommen zu sehen – wie eine moderne Variante von Herbert Lom und Bela Lugosi – als Matrosen auf Krawall gebürstet.
Katherine Kingsley verleiht der Rolle der Christine – dem Opfer, auf das Lawrence und Freddy es abgesehen haben – Eleganz und Anmut. Sie sieht umwerfend aus, tanzt gekonnt und mit Leichtigkeit und singt aussergewöhnlich gut. Eine dumme Leidtragende überzeugend zu spielen, ist schwer, doch Kingsley gelingt das – und besonders bewundernswert ist, wie sie das spätere Schicksal ihrer Figur nicht vorwegnimmt und zugleich Hinweise offen sichtbar platziert. Ihr letzter Auftritt in knalligem Pink ist bezaubernd und berauschend. Ein wirklich stilvoller Auftritt.
Weniger stilvoll – und in seiner Überdrehtheit kaum nachvollziehbar – ist Lizzy Connollys Joelene Oakes. Die Figur ist zu extrem, das Spiel zu drüber, um entweder zum Rest der Besetzung zu passen oder im Humorbereich Volltreffer zu landen. Das ist sehr seltsam. Und ähnlich aus dem Gleichgewicht wie die andere weibliche Solonummer: Lisa Bridges’ durchgedrehte Platzanweiserin – ein Triumph des Lärms über die Verständlichkeit.
Sowohl Robert Lindsay (Lawrence) als auch Rufus Hound (Freddy) wirken, als spielten sie in einer völlig anderen Produktion – und sind die meiste Zeit nur miteinander im Gleichklang, was fälschlicherweise den Eindruck grosser Bühnenchemie erzeugt. Beide nuscheln, singen schlecht, lassen Lacher liegen, nehmen ihren Mitspielern etwas weg, geben aber nichts zurück – und, unverzeihlich, lachen auf offener Bühne übereinander und brechen ohne jede Hemmung aus der Rolle. Sie sind so undiszipliniert wie verzweifelte Käufer, die am Weihnachtstag durch die Türen von John Lewis stürmen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Starbesetzung grandios aus der Spur geraten kann.
Bei Lindsay ist das unverzeihlich. Hound ist schlicht nicht versiert genug – weder musikalisch (für diese Rolle kann er bei weitem nicht gut genug singen und kann, anders als Bond, eine Nummer nicht „verkaufen“) noch als Schauspieler –, um den köstlich trotteligen Scharlatan zu erschaffen, der Freddy ist. Er bräuchte also Anleitung, Unterstützung, ein Vorbild, an dem er sich orientieren und von dem er lernen kann. Doch Lindsay verweigert diese Rolle und versucht lieber, die Show zu einer One-Man-Show zu machen (Achtung, Nachricht: ist sie nicht!) – und suhlt sich in selbstgefälliger, wichtigtuerischer, schmierig-flacher Eitelkeit, wo er doch ein Triumph an Charme, Raffinesse und Leichtigkeit sein müsste. Alarmierend: Er ist eher Sid James als David Niven oder Rex Harrison.
Es wirkt, als möge Lindsay das Material nicht oder traue ihm nicht. Er spielt gegen die Komik und sucht den Scheinwerferkegel. Er weigert sich, seine verschiedenen Akzente konsequent zu halten – obwohl gerade deren präzises und schnelles Wechseln für sich genommen schon Lacher erzeugen würde. Bisweilen scheint er zu glauben, er sei noch in Me And My Girl. Eine spektakuläre Enttäuschung.
Das Stück selbst ist eine schaumige, vergnügliche Konfektion, und Yazbeks Partitur trägt daran keinen kleinen Anteil. Viel davon geht an Lindsay und Hound – und man hört es deshalb nie wirklich sauber gesungen oder mit Respekt behandelt –, aber es ist eingängige, lebensfrohe Musik. Kingsley, Bond und Marquez holen aus jeder Note den Zauber heraus, und es ist schade, dass die männlichen Hauptdarsteller dem nicht folgen. Richard John dirigiert die kleine Band mit Verve, und der gemeinsame Klang ist reich und gross.
Peter McKintoshs Bühne und Kostüme sind herrlich camp und setzen den Rahmen für frivolen Spass mit grossem Stil. Allerdings gibt es einige bizarre Perücken-Pannen und Momente, in denen Kleider zu kurz geraten; Kingsley muss ihren Rock fast jedes Mal herunterziehen, wenn sie sich schnell bewegt. Trotzdem weiss das Publikum im Parkett des Savoy Theatre über die Unterwäsche der weiblichen Besetzung mehr, als nötig wäre. Und mindestens einmal war ein Umbau so holprig, dass Lindsay sich bemüßigt fühlte, daraus in einer seiner übertriebenen halben Publikumsanbindungen ein grosses Ding zu machen.
Es ist schwer zu sagen, wie viel Verantwortung Mitchell hier tragen sollte – und noch schwerer, sich davon überzeugen zu lassen, dass er der Regisseur ist, den diese Show (oder überhaupt eine Show mit irgendeiner Komplexität) braucht. Die Tänze sind grossartig, wirklich grossartig. Aber es gibt keinen kohärenten Stil in den Darstellungen, keine Liebe zum Detail und keine Präzision – unverzeihliche Fehler in einem Stück, das so knifflig zu stemmen ist wie dieses.
Und doch: Mit Bond, Marquez und Kingsley und einem wirklich schlanken, straffen und hervorragenden Ensemble gibt es vieles, über das Mitchell hier gewacht hat und das rockt. Nur spielen die titelgebenden Gauner schmutzig – und liefern verfault schlechte Leistungen ab. Unbegreiflich und unerwartet.
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