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KRITIK: Future Conditional, Old Vic ✭✭✭✭

Veröffentlicht am

Von

Leitartikel

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Future Conditional

4. September 2015

Old Vic

4 Sterne

Rezension von James Garden

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Das Schuljahr in England hat begonnen – und damit auch die erste Produktion von Matthew Warchus’ Debütsaison als Artistic Director des Old Vic: Future Conditional von Tamsin Oglesby.

Mit einer Besetzung von deutlich über 20 Personen wirkt das Stück zunächst wie eine überwältigende Reizüberflutung – man weiss nicht so recht, wem man als Protagonist*in folgen soll. Anfangs erscheint es zudem etwas merkwürdig, dass ein Stück über Bildung und Jugenderziehung in England fast ohne Schüler*innen auskommt – bis auf eine, gespielt von der grossartigen Nikki Patel. Doch während sich die dreifach verflochtene Erzählung entfaltet, wird das Fehlen einer zentralen Figur nicht nur nebensächlich, sondern letztlich zum Kern. Es ist eine emotionale Geschichte – über den Schulzulassungsprozess quer durch alle sozialen Schichten. Oglesby kennt diese Welt offenkundig aus erster Hand und trifft das breite Spektrum elterlicher, nervenaufreibender Momente: die Postcode-Lotterie, institutionellen Tribalismus, die englische Oxbridge-Obsession sowie die staatlich versus privat geführten Schulen – Fragen, mit denen sich viele Eltern in diesem Land herumschlagen.

Rob Brydon, der den Lehrer für die unsichtbaren Kinder spielt (und damit gewissermassen – durchaus wirkungsvoll – für das Publikum in der Arena), ist stark, aber letztlich genau das, was man von Rob Brydon erwartet. Seine Darstellung ist nicht transformativ, aber in diesem Stück eindeutig effektiv.

Der Handlungsstrang um die Mütter auf dem Schulhof versetzt den Rezensenten zurück in seine Zeit an einer amerikanischen Privatschule – und an die Verachtung seiner Mutter für die schrillen, hysterischen Fixierungen der „Klassenmütter“ rund um Kuchenbasare und Aufnahmeprüfungen für die High School. Das erinnert sogar an die besten Momente von Desperate Housewives – wenn auch mit etwas realistischeren, runder gezeichneten Figuren als in der ABC-Comedy-Drama-Serie.

Der dritte Strang dieser Produktion spielt in einem Regierungs-Thinktank – und hier wird das Stück stellenweise etwas zu didaktisch und zu schwerfällig. Drei Oxbridge-Typen, von denen eine offensichtlich auch deshalb hineingekommen ist, weil ihr Vater in der grossen Ölindustrie steckt, finden letztlich, am System sei nichts auszusetzen; die Nicht-Oxbridge-Ausgebildeten halten dagegen, dass grundsätzlich etwas kaputt ist. Als die Figuren diese Kluft endlich begreifen, geraten sie aneinander – buchstäblich wie Kinder. Das ist mitreissend, weil es hervorragend gespielt ist, aber letztlich auch offensichtlich und sehr breit angelegt.

Der bedauerliche Fehlton dieser Inszenierung ist das fehlende Quäntchen Ironie, wenn Patels Figur erfolgreich in Oxford immatrikuliert wird. Natürlich kommt eine fiktionalisierte Malala Yousafzai – in allem bis auf den Namen und den fehlenden Friedensnobelpreis identisch – nach Oxford: Sie ist geradezu eine Musterkandidatin für das Tokenism, das sich durch die oberen Etagen von Bildungssystemen weltweit zieht. Dass der Aufstieg dieses armen Mädchens bis ganz nach oben vom Stück so gefeiert wird, wirkt deshalb leider nicht wirklich wie ein Triumph – auch wenn die Inszenierung so tut, als sei das ein revelatorischer Moment.

Dieses Stück hat eine Freude an sich, die sich kaum in Worte fassen lässt – es besitzt den burschikosen, überschäumenden Charakter von Spring Awakening (dem Musical), nur ohne durchgesungene Passagen. Die beiden Gitarrist*innen in Schuluniform, die die Graben- (oder vielmehr Balkon-)Band bilden, lassen einen allerdings durchaus überlegen, wann Melchior mit seinem kabellosen Handmikro auf die Bühne kommt. Doch während Spring Awakening ins Kalte hineingräbt, flüchtet Future Conditional in die Wärme des klischeehaften Herdfeuers.

Dieses Stück muss man definitiv gesehen haben – aber es klopft dem englischen System ein wenig zu leicht auf die Schulter dafür, wie fair es gegenüber den am wenigsten Privilegierten sei. Denn das ist schlicht nicht die Realität. Für die meisten Ausländer*innen und armen Menschen in diesem Land ist es weiterhin ein ziemlich xenophober und klassistischer Ort. Vielleicht könnten sich die oberen Ränge der britischen Bildung etwas von dem amerikanischen, „need-blind“ ausgerichteten Privatsystem abschauen, wie es an Schulen wie Phillips Exeter und Andover sowie an Universitäten wie Harvard und Yale verbreitet ist – aber das ist ein Gespräch für ein andermal. Diese Show – wie England selbst – sucht ihre Antworten nicht weit genug ausserhalb der eigenen Blase, um wirklich zufriedenstellend zu sein.

FUTURE CONDITIONAL LÄUFT AM OLD VIC BIS ZUM 3. OKTOBER 2015

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