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REZENSION: John, National Theatre (Dorfman) ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
Von
pauldavies
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Tom Mothersdale und Anneika Rose in John. Foto: Stephen Cumminskey
Dorfman Theatre, National Theatre
25. Januar 2018
5 Sterne
Die amerikanische Dramatikerin Annie Baker ist ein Ausnahmetalent, Pulitzer-Preisträgerin, und ihr Stück The Flick war 2016 hier ein grosser Erfolg. Für mich war dies die erste Begegnung mit ihrem aussergewöhnlichen Stil: ein langsames Entfalten von Ereignissen, die zunächst oft nebensächlich wirken, aber eine weite Landschaft aus Geschichte und emotionalem Ringen zeichnen. Schauplatz ist ein Bed-and-Breakfast in Gettysburg, Pennsylvania – Ort der blutigsten Schlacht des Amerikanischen Bürgerkriegs –, eine Woche nach Thanksgiving. In dieses amerikanisch-gotische Setting kommen Elias und Jenny, ein angeschlagenes junges Paar, und werden von ihrer Gastgeberin Mertis begrüsst: „Willkommen in Ihrem zweiten Zuhause!“, ruft sie. Sie schauen – wie wir – auf ein Haus, das übervoll ist mit Puppen, Nippes und einem Weihnachtsbaum, dessen Lichter regelmässig durchbrennen und dann wieder angehen. Überall sind Augen.
Anneika Rose und Tom Mothersdale in John. Foto: Stephen Cumminskey
Das Stück ist wunderbar gespielt; der Naturalismus ist überwiegend hyperreal, und James Macdonalds bis ins Detail sezierende Inszenierung nimmt sich über drei Stunden Zeit, wobei jede Zeile aus Bakers Text punktgenau sitzt. Mertis – grossartig verkörpert von Marylouise Burke – ist die wohlwollende Gastgeberin, die alles kontrolliert: Sie öffnet den schweren roten Vorhang, der uns vom Geschehen trennt, sie schiebt die Zeit voran; der Tag bewegt sich mit ihr. Und Burke trifft Mertis’ bodenständige Wärme und ihr Geheimnisvolles perfekt. Gibt es ihren Mann George überhaupt? Warum spricht sie davon, dass die Zimmer oben nur manchmal „existieren“? Tom Mothersdale als Elias und Anneika Rose als seine Freundin Jenny sind hervorragend: seine Gebrechen und seine Unfähigkeit, eine Geschichte zu Ende zu erzählen – alles Zeichen eines jungen Mannes, der emotional wie gelähmt ist; sie eine mögliche Lügnerin, die ihn betrügt, gefangen, unfähig, voranzukommen.
Tom Mothersdale und Anneika Rose in John. Foto: Stephen Cumminskey
„Möchten Sie meine Freundin Genevieve kennenlernen?“, sagt Mertis am Ende des ersten Akts – und ja, unbedingt, denn June Watson spielt sie grossartig. Blind, direkt, und offen über ihren Abstieg in den Wahnsinn sprechend: Sie und Mertis sind Symbole von Überlebenden, die ihre Vergangenheit durchstanden haben, während das jüngere Paar Mühe hat, mit seiner technologischen Gegenwart zurechtzukommen, und die Beziehung zerfällt. Watson setzt ihre Pointen exakt, und gerade wenn die geschaffene Welt wie in einer Schneekugel zu existieren scheint, zerschlägt Baker den Naturalismus: Genevieve durchbricht die vierte Wand und hält in der zweiten Pause eine Ansage vor dem Vorhang, in der sie ihre sieben Stadien des Wahnsinns umreisst. So ist dieses Stück – unmöglich vorherzusehen.
Marylouise Burke, Tom Mothersdale und Anneika Rose in John. Foto: Stephen Cumminskey Doch was bedeutet das alles? Chloe Lamfords herausragendes Bühnenbild lässt die Geschichte die Gegenwart förmlich ersticken. Ich hatte grosse Freude an dem Umstand, dass wir, wenn Figuren nach oben gehen, sie tatsächlich oben herumlaufen und reden hören! Das ist eine Welt, in der leblosen Dingen menschliche Gefühle zugeschrieben werden, in der Puppen fürsorglicher behandelt werden als Menschen – und in der Jenny an einer Stelle jede Bewegung verweigert und von Elias wie eine Puppe manipuliert wird. Mertis enthüllt, dass das Haus während des Bürgerkriegs einst als Hospital diente und sich draussen vor den Fenstern Gliedmassen zehn Fuss hoch stapelten. Wie Miller und Shepard nutzt Baker die Kleinigkeiten des Lebens, um die Zahnräder der Geschichte freizulegen: die freien Nordstaaten, die gegen die sklavenhaltenden Südstaaten kämpfen – und dieser geschichtsträchtige Ort drückt sich auf das gemischtrassige Paar Elias und Jenny. Es ist, als würde sich der grosse amerikanische Roman Seite für Seite direkt vor unseren Augen umblättern.
Slow TV und langsames Radio sind gerade sehr gefragt – vielleicht ist das hier Slow Theatre. Wenn Sie eher auf Autoverfolgungsjagden und Explosionen stehen, ist das vermutlich nicht Ihr Stück. Ich aber habe es geliebt, auch wenn ich Tage brauchen werde, um alles zu entwirren – und selbst dann vielleicht nicht genau weiss, was eigentlich vor sich geht. Einzigartig und aussergewöhnlich: Habe ich da womöglich schon das Stück des Jahres gesehen?
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