NACHRICHTEN-TICKER
REZENSION: Mein Land - Ein Werk in Arbeit, National Theatre ✭✭✭✭✭
Veröffentlicht am
11. März 2017
Von
pauldavies
My Country; A Work in Progress.
National Theatre.
10. März 2017
5 Sterne
Aus dem Zuhören bei den Menschen in Grossbritannien entstanden, ist My Country eine der ersten Reaktionen des National auf die Abstimmung für den Austritt aus der Europäischen Union. Beim dokumentarischen (Verbatim-)Theater gibt es eine Gefahr, die ich leider viel zu oft erlebt habe: So dringlich und interessant die Worte und Erinnerungen der Menschen auch sind, eignen sich solche Stücke fürs Radio oft besser als für die Live-Bühne. Diese Befürchtungen sind hier unbegründet, denn die Poet Laureate Carol Ann Duffy hat das Material wirkungsvoll zu einer geschlossenen und ausgesprochen unterhaltsamen Form geformt. Ihr Einfall: Britannia hat eine Sitzung ihrer Landesteile einberufen – Cymru, Caledonia, East Midlands, South-West, Northern Ireland und North East –, um über das Brexit-Votum zu sprechen. Und was diese Produktion so gut funktionieren lässt, ist die schlichte, dabei höchst wirksame Theatralität, die Regisseur Rufus Norris in den Abend hineingewoben hat.
Das Ensemble – Seema Bowri, Cavan Clarke, Laura Elphinstone, Adam Ewan, Penny Layden, Stuart McQuarrie und Christian Patterson – ist aussergewöhnlich und trifft die Sprachmelodien und Rhythmen der jeweiligen Region punktgenau; ein Spiegel der vielfältigen Persönlichkeit des Vereinigten Königreichs. Besonders Penny Layden ist grossartig – nicht nur als Britannia (für die anderen: „Britney“), mit ihrem Federhelm, der fröhlich aus der Tasche ragt, sondern auch, als die Region, in der Westminster liegt, als eine ganze Galerie von Politiker*innen bis hin zum atemberaubend affektierten Exemplar. Ihr Boris braucht keine Vorstellung, ihr Farage ist erschreckend treffsicher, und ihr Gove schmiert wie Schleim über die Bühne.
Wie sehr man sich mit dem Stück verbindet, kann auch von der eigenen Region im Vereinigten Königreich abhängen. Ich bin nur ein paar Meilen von Merthyr aufgewachsen – und habe an Cymru alles wiedererkannt. Der wunderbare Christian Patterson hat mich sofort zurück in die Valleys versetzt und Sprache wie Gedanken in Wales perfekt eingefangen; besonders berührend ist ein 13-jähriger Junge, der Angst vor der Zukunft hat und sichtlich verletzt ist, als die anderen Regionen zu streiten beginnen. Es gibt zudem eine herrliche Party-Szene, in der die Regionen sich gegenseitig aufziehen und genüsslich mit den Klischees der Landesteile spielen – inklusive Dudelsäcken, Riverdance und Cymru, das eine furiose Bassey gibt!
Im Laufe des Abends verdichten sich die Debatten zu den Argumenten und Themen, die wir während der Abstimmung und nun auch danach ständig gehört haben: Einwanderung, Finanzierung, Angst vor dem „Anderen“, ein Gefühl von Ungerechtigkeit über Leistungen, die an Migrant*innen verteilt würden – neben der Scham über den unverhüllten Rassismus, den das Votum offengelegt hat. Mit einer Laufzeit von 75 Minuten wirkt das Stück stellenweise etwas knapp, und weil es alle Seiten der Debatte abbildet, wird es niemanden in Bezug auf das Ergebnis umstimmen – und fairerweise will es das auch gar nicht. Es ist ein nachdenkliches Stück, das uns als Publikum schlicht auffordert, zuzuhören. Wenn wir jedoch Farage davon sprechen hören, man habe „gewonnen, ohne dass eine einzige Kugel abgefeuert wurde“ – nur acht Tage nach der Ermordung von Jo Cox –, hätte die Inszenierung schärfer und wütender sein können.
Das schmälert jedoch nicht den hohen Unterhaltungswert einer Show, die – wenn ich ehrlich bin – weit besser ist, als ich erwartet hatte, vor allem dank der hervorragenden Besetzung und der präzisen Regie. Einer der schönsten Aspekte des Abends waren wir, das Publikum, die Brit*innen: Wir können immer noch über uns selbst lachen und die Ironie der Lügen würdigen, die Politiker*innen erzählen, und der Wahrheiten, die Menschen leben. Das hat mich auf seltsame Weise patriotisch gestimmt. Die grossen Brexit-Stücke werden erst noch kommen – wir kennen unsere Zukunft ja noch nicht –, aber mit Blick auf den Untertitel ist dieses „Work in Progress“ ein hervorragender Gesprächsanlass. Verpassen Sie es nicht, wenn es in Ihrer Region gastiert.
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