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REZENSION: Mythic, Charing Cross Theatre ✭✭✭
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Von
julianeaves
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Julian Eaves rezensiert Mythic, derzeit im Charing Cross Theatre zu sehen.
Georgie Westall (Persephone) in Mythic. Foto: Marc Brenner MythicCharing Cross Theatre 8. Oktober 2018 3 Sterne Jetzt buchen Da sind wir wieder: noch ein neues Musical; noch eine interessante, mitreissende Partitur; und noch ein wackeliges Buch. Was ist eigentlich los mit diesen neuen Shows? Wie kommt es, dass sie beim Score oft – ja meist – so solide sind, aber bei der dramatischen Stringenz so ins Schlingern geraten? Ich versuche das immer noch zu begreifen. Hier, bei einer britischen Uraufführung eines neuen Werks – geschrieben von Kreativen, die man vom Broadway importiert hat –, bekommen wir ein sympathisches Bündel an Tunes, mit mehr Hooks als ein ganzes Flussufer voller Angler, alles erdacht vom Broadway-Arrangeur und -Orchestrator und zugleich Komponisten in eigener Sache, Oran Eldor. Eldor ist ausserdem Kompositions-Fellow an unserem eigenen Royal Opera House – es gibt also durchaus eine britische Verbindung. Seine Musik ist, wenn überhaupt, energiegeladen: Keine Gefahr, dass die Show in zu vielen Balladen steckenbleibt. Wenn überhaupt, könnte man zwischendurch ein wenig Luft holen: Das würde dem grellen Schein seiner fordernd insistierenden Rhythmen etwas wohltuenden Schatten geben. Michael Mather (Hades) und das Ensemble von Mythic. Foto: Marc Brenner Was melodische Einfälle angeht: Nun ja, ich kann mich an keine einzige Nummer wirklich erinnern – ausser daran, dass sie allesamt angenehm zu hören waren. Die Liedtexte von Marcus Stevens (ebenfalls aus den USA) sind zwar funktional, verständlich und glasklar, tun sich aber noch schwerer damit, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Stevens bringt durchaus respektable Referenzen mit, und als Darsteller war er unter anderem in zwei Spielzeiten von „Forbidden Broadway“ zu sehen: Allein diese Erfahrung hätte ihm eindrucksvolle Lektionen darüber erteilen müssen, wie man einen einprägsamen – geschweige denn witzigen – Liedtext schreibt. Doch Momente von Gewicht oder Humor sind in dieser ziemlich todernsten Geschichte über eine bockige Teenagerin und ihre leicht hippiemässigen, dysfunktionalen Eltern rar gesät. Daniella Bowen als Demeter in Mythic. Foto: Marc Brenner Ach ja: das Buch. Was wir hier haben, wie Sheridan Morley stets zu sagen pflegte, ist wieder einmal eine Variation über den Mythos (siehe Titel oben) von Persephone und Hades. Warum die Welt noch eine weitere Aufwärmung dieser abgenutzten Geschichte braucht, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen – und leider liefert Stevens auch keinerlei Hinweis darauf, weshalb er ausgerechnet diesen Rahmen gewählt hat, um die neuen Kleider seiner und Orans Songs daran aufzuhängen. So sitzen wir, etwas ratlos, erneut da und lauschen der alten griechischen Legende darüber, wie der Winter erfunden wurde. Wenn es in Sachen Motivation oder Daseinsberechtigung so wenig Anhaltspunkte gibt, ist es kein Wunder, dass die Besetzung sich genauso orientierungslos vorkommt wie das Publikum. Hinter der unablässigen Energie dieser hochoktanigen Produktion (Regie und Choreografie: Sarah O'Gleby, ein weiterer Import aus den USA, die alles hineinwirft – in dem verzweifelten Versuch, uns von den klaffenden Löchern in der Dramaturgie abzulenken) stehen hier zwölf äusserst hart arbeitende junge Leute auf der Bühne, die aus dem Ganzen eine grosse Sache machen wollen. Sie machen, wie man so sagt, diesen Job wirklich! Herausragend ist für mich Daniella Bowens hinreissende (in einem fabelhaften Siebzigerjahre-Greek-Revival-Kleid von Designer Lee Newby) Demeter. Ihre prachtvolle Stimme – über den gesamten Umfang kraftvoll, mit besonders innigen Tönen in der Mittellage und im unteren Register – passt am besten zu Orans musikalischen Linien, und ihre Phrasierung von Stevens’ Texten ist schlicht unerreicht: Ihr frühes Solo „Sweet Summer Days“ ist der stärkste Anwärter auf eine wirklich erinnerungswürdige Nummer. Sie ist das grösste Pfund dieser Produktion. Als ihre Tochter, die eigensinnige, bockige Teenagerin Persephone, hat Georgie Westall eine schwierige Aufgabe: Sie soll, mehr oder weniger direkt hintereinander, drei Nummern singen, die melodisch, harmonisch, strukturell und dramaturgisch nahezu identisch sind; das würde selbst die erfahrensten Darstellerinnen fordern – und man muss ihren furchtlosen Zugriff bewundern; doch bei so vorhersehbarem Material ist es schwer, irgendein Gefühl von Bewegung oder Entwicklung in der Figur zu etablieren. Das ist ihr gegenüber unfair: Sie steckt reichlich Energie hinein, um die unlösbaren Probleme ihrer Rolle zu knacken. Den Love Interest liefert das beeindruckende West-End-Debüt des neuen Talents Michael Mather, dem diese unternehmungslustige Bühne ganz offensichtlich einen Glücksgriff zu verdanken hat (denken Sie nur an all die grossartigen Neuentdeckungen, die wir hier in letzter Zeit gesehen haben). Seine Stimme ist warm, rund und überzeugend, und seine Bühnenpräsenz lässt grosses Potenzial für Bariton- und/oder tiefe Tenor-/hohe Bass-Partien erkennen (je nachdem, wie sich diese Stimme entwickelt). Das Buch gibt ihm weniger zu tun, aber er holt aus jedem Moment das Beste heraus. Ein männlicher Darsteller, den wir aus früheren Produktionen kennen (sein Auftritt als Trumper in der inzwischen legendären Union-Produktion von „Chess“ war schlicht elektrisierend), ist der etwas unterbeschäftigte Tim Oxbrow als lethargischer Vater Zeus (jemand fragt: „Sind Sie ihr Vater?“ – er antwortet nach einer Pause … „Wahrscheinlich ….“). In den Dialogen steckt eine spritzige, leicht liederliche Alltagssprache, die Mut macht: Stevens hat zweifellos Talent. Eldor ebenfalls. Was beiden fehlt, ist mehr handwerkliche Sicherheit – und ein festerer Stand darin, was sie eigentlich erzählen wollen und warum. Immerhin gibt es einen vergnüglichen Auftritt von Genevieve McCarthys sehr „Christina“-hafter Aphrodite (in einem herrlich scheusslichen Outfit von dem charmanten Newby). Der Rest des Ensembles gibt bei den vielen Einsätzen sein Bestes: Courtney-Brogan Smalley, Eloise Davies, Ben Lancaster, Jade Marvin, Jamie Ross, Leon Sene und Ben Welch bieten allesamt grossen Gegenwert fürs Ticketgeld – ein prima Ort, um ihre Talente zu zeigen. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass viele von ihnen etwas von dieser Partitur dauerhaft im Repertoire-Ordner behalten werden. Die Nummern sind zwar keck und eingängig (solange man ihnen gerade zuhört), aber sie bleiben einfach nicht im Gedächtnis „kleben“. Newby leistet ausserdem ganze Arbeit, indem er trotz des berüchtigten Mangels an Seitenbühne oder Schnürboden im Charing Cross ein dynamisches Bühnenbild improvisiert. Jamie Platt beleuchtet das Ganze mit vergleichbar hochenergetischer Intensität, und Andrew Johnson sorgt dafür, dass wir (den Grossteil) der Musik auch wirklich hören. Die Orchestrierungen – von Eldor selbst – sind stellenweise überwältigend, selbst in den Vollgas-Ensemble-Nummern. Alles in allem ist es keine schlechte Show, und möglicherweise führt sie zu Besserem. Wenn Sie neugierig sind, gehen Sie hin – erwarten Sie nur nicht zu viel.
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