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KRITIK: Seth Rudetsky mit Norm Lewis, Online ✭✭✭✭✭
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julianeaves
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Julian Eaves bespricht Seth Rudetskys Online-Konzert mit dem Broadway-Star Norm Lewis, das am Montag im Rahmen von Seths Konzertreihe gestreamt wurde.
Norm Lewis Die Seth Concert Series: Norm Lewis
Montag, 20. Juni 2020
Online
5 Sterne
Die zweite Ausgabe von Seths aktueller Reihe von Online-Cabaret-Chatshows bescherte uns die samtige Stimme von Norm Lewis, einem weiteren wegweisenden afroamerikanischen Künstler: dem ersten „Phantom“ of Colour – und zudem als Hauptdarsteller in „Sweeney Todd“ zu erleben. Lewis wirkte bestens gelaunt in einem karierten Anzug mit elegantem Revers und eröffnete mit „Rain“ aus Ahrens und Flahertys „Once On This Island“. Seine Auftakt-Anekdote jedoch – der Sprung vom Kellnern und Auftritten im Dinner-Theatre direkt zu seinen ersten Jobs in New York – brachte das Tempo noch einmal deutlich nach oben. Eine dieser frühen Rollen war Joseph, den er für die fürstliche Summe von 150 Dollar pro Woche (brutto) spielte. Danach folgte eine Reihe weiterer Broadway-Produktionen, darunter „My Fair Lady“, aus der er ein angenehm angekratztes „Wouldn’t It Be Luvverly“ in sein Repertoire aufnahm, während Seth es mit honky-tonkigem Drive in einen jazzigen Spaziergang verwandelte. Lewis’ Stimme ist immer fesselnd: mal mit lockerem, bluesigem Zugriff gesungen und stets ausbalanciert durch seine runde, perfekt gestützte und platzierte klassische Stimme. Und doch – trotz all dieser Qualitäten – stellte sich der Ruhm nicht leicht ein...
Beim Zurückdrehen der Uhr erfuhren wir, dass Lewis auch ein Kreuzfahrt-Schiff-Veteran ist: nun ja, etwas, das man eben macht, wenn man bei Disney keinen Job bekommt. Aber die wirklich gute Nachricht aus dieser Erfahrung war die Erkenntnis, das Cruisen sein zu lassen und nach New York zu gehen – ins Land der unmöglichen Träume. Das führte uns, sehr zu unserer Freude, zu einer magisch-lyrischen Interpretation der grossen Nummer aus Joe Darion und Mitch Leighs „Der Mann von La Mancha“. In Lewis’ Stimme steckt eine sexy, rock’n’rollige Unmittelbarkeit – Seth fragte, ob er je über eine Pop-Karriere nachgedacht habe –, und die Texte werden mit wunderbar präziser und zugleich natürlicher Artikulation nach vorn geschoben, sodass sich die Geschichte eines Songs „entfaltet“ wie Blütenblätter, die sich nach und nach den Strahlen der Morgensonne öffnen. Und wenn Norm Lewis „The Impossible Dream“ singt, glaubt man ihm jedes Wort.
Von weiteren Träumen, die Wirklichkeit werden, hörten wir beim Broadway-Revival „The Gershwins’ Porgy and Bess“ (zu unterscheiden von jeder anderen afroamerikanischen Folk-Oper gleichen Namens). Im Kern war es eine Verschmelzung von Heywards ursprünglichem Stück, wobei Teile des Dialogs wieder an die Stelle opernhafter Rezitative traten, die Handlung beschleunigten und den Fokus auf die Songs lenkten, die diese zwei netten jüdischen Jungs für die Show geschrieben haben. Hier zeigte Norm auch die dunkelsten, baritonalen Farben seines Umfangs: „I Got Plenty o’ Nuthin’“, besonders in Seths Begleitung, veranschaulichte die aussergewöhnliche Mischung afrikanischer und jüdischer Rhythmen und Klangfarben in dieser Partitur – untrennbar miteinander verschmolzen – und Lewis hat die ideale Stimme, um das Werk in eine zeitgemässere Lesart zu heben: den „opernhaften“ Wurzeln treu bleibend, aber zugleich mitten hinein in die Popkultur von heute zielend. Genau das macht einen wirklich grossen Musicaldarsteller aus: jemanden, der als lebendige Brücke zwischen dem Hier und Jetzt und dem wirkt, was die Autoren uns zu sagen hatten.
Es ist natürlich eine Herausforderung, wenn ein Bariton eine Tenorrolle übernimmt, und „Das Phantom der Oper“ ist definitiv eine Tenorpartie... allerdings eine, die die Kraft und die Stiefel eines Baritons braucht, um die Linien zu tragen und ihnen jenen Glanz zu geben, der sie – nun ja – sexy genug macht, damit das Publikum die Figur (und die Show) ernst nimmt. Die Freude an grossartiger Musik ist jedoch, dass sie für den Sänger das tut, was er braucht – vorausgesetzt, er findet den richtigen Weg zu den Tönen. Lewis weiss genau, wie: Sein „Music of the Night“ war eine Meisterklasse darin, die Ideen heroisch-operatisch zu „deklamieren“ und diese Deklamation durch die harmonischen Fortschreitungen der melodischen Linien zu dosieren, dabei aber zugleich völlig eins zu sein mit den „spektakulären“ Effekten von Lloyd Webbers Musik (und Seths Spiel liess diese Passagen brillant aufleuchten) – inklusive eines grossen, oben strahlenden Tons, wenn er gebraucht wurde. Hier erreicht Lewis etwas, wovon jeder grosse Autor fürs Musical träumt: die (fast unmögliche) Fähigkeit, jede einzelne Sekunde des Geschehens als besonderen, nie wiederholbaren Moment zu bewohnen und zugleich der Entwicklung der Szene zu folgen, sodass wir stets spüren, dass es vorwärtsgeht. Ich denke: Hier wurde Perfektion erreicht.
Seth, sehen Sie, plaudert nicht nur mit seinen Gästen – er gibt ihnen auch Notizen (wie man vermutet, macht er das schon seit einiger Zeit). Er ist berühmt für seine Online-Tutorials, in denen er grosse Songs (in den Händen grosser Interpreten) seziert, und er geht an diese Begegnungen heran wie ein Musical Director, der mit einem Ensemble eine Partitur vorbereitet. Diese Seite seiner Kunst ist ungemein verführerisch: Setzen Sie einen Sänger mit seinem Musical Director zusammen und hören Sie einfach zu, wie sie gemeinsam arbeiten, um den Weg zur fertigen „Performance“ zu finden. Für Aussenstehende wirken diese Gespräche manchmal scheinbar etwas improvisiert, aber das liegt daran, dass beide so genau wissen, was sie tun, dass sie sich miteinander entspannen können – und sich dem eigentlichen Ziel annähern, ohne es je wirklich zu erreichen, bis der Moment der präzise ausgeführten Darbietung gekommen ist.
Grössere Anlässe, wie der Auftritt bei der Jubiläumsgala zu „Les Misérables“, zeigten Lewis’ grosse Fähigkeit, in Javerts grossem Monolog zwischen voll ausgesungenen und leichter gehauchten Tönen zu wechseln – jede klangliche Charakterisierung so treffsicher, dass sie echt und packend wirkt, sodass der Zuhörer sich nie „zurücklehnen“ kann, um einfach nur der Schönheit der Melodie zu folgen und vielleicht nicht mehr ganz so aufmerksam auf den Sinn dessen zu achten, was gesagt wird. „Les Mis“ ist – wie die Welt weiss – eine Art Saga, und oft scheint es, als wären die Kämpfe der Darsteller, an diesen Job zu kommen, nicht minder von Widrigkeiten und Schmerz geprägt. Wenn sie dann „Bring Him Home“ singen, weiss man wirklich, woher die Qual in ihrer Stimme kommt. Lewis kann diese Musik singen, als hätte er sie gerade selbst erdacht – und so, denke ich, soll es jeder Musical-Komponist am liebsten hören. Übrigens: ein exquisites Pianissimo am Schluss.
Und jetzt. Seth packt aus. Ja: Norm Lewis hat bis zu seinem dreissigsten Lebensjahr keinerlei Gesangsunterricht genommen. So. Jetzt wissen wir’s. Wie auch immer der Weg aussieht: Wenn er „I Got Rhythm“ zwischen die Zähne bekommt, klingt es, als wäre es für seine Stimme geschrieben – und er feuert ein paar herrliche Obertöne über Seths passend im Stil von „George-amüsiert-sich-am-Klavier“ polternder Begleitung ab. Wie er sagt: „I try to impress you, Seth“. Ist das nicht nett, wenn ein Sänger das zum Pianisten sagt? Wenn die Welt doch immer so wäre.
Solche Gedanken gingen ziemlich schnell über in einen Moment der Reflexion darüber, wie wir auf „Social Distancing“ reagieren – macht Spass, darüber zu sprechen, wird aber inzwischen auch ein bisschen zum Code für die Frage: „Wie kommst du damit klar, dass die USA gerade auseinanderzufallen scheinen?“ David Friedmans Worte und Musik lieferten die beste Antwort: Lewis hat das ideale Rüstzeug für dieses schöne Glücksbekenntnis „We Live On Borrowed Time“. Er konzentriert sich so stark auf die Unschuld, die Schlichtheit der Gedanken im Text, dass sein Gesang auf merkwürdige Weise wirkt, als sei er von der Tradition grosser lyrischer Männersänger der Fünfziger oder Sechziger inspiriert – ein ungemein verführerischer Effekt. Wohlgemerkt: Er kann einen Text auch mit den Besten swingen.
So nahm dieses Gespräch ganz angenehm seinen eigenen, besonderen, unverwechselbaren Verlauf und führte uns zu einem Finale mit einer kristallklar beweglichen Bearbeitung von „Before The Parade Passes By“. Vielleicht wird Lewis der weltweit erste männliche Dolly Gallagher Levi (statt dass Danny La Rue es in Drag macht)? Wer weiss!? Dann, mit einem letzten Hinweis auf eine Spendenmöglichkeit für http://www.blacktheatreunited.com, eine Kampagnen- und Unterstützungsgruppe, der man beitreten oder die man unterstützen kann, beendeten wir eine weitere glückselige Stunde in der Gesellschaft von Mr Rudetsky und einem seiner grossen Freunde. Und die beiden möchten uns einfach wissen lassen: In dieser Welt sollten wir uns immer daran erinnern, dass man es sich selbst schuldig ist, weiter nach einem Traum zu greifen – selbst wenn er unmöglich scheint. Man weiss nie. Vielleicht kommt man doch ans Ziel. MEHR ÜBER SETH RUDETSKYS KONZERTREIHE ERFAHREN WEBSITE VON NORM LEWIS
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